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Schülerprojekte 2011/2012

Arbeitsgruppe 1

Ey lan, isch geh Ampel.“
Wie stellen Sie sich jemanden vor, der so spricht?

Ich weiß nicht oder isch weiß nisch? Alter oder Lan? Wie wird Kiezdeutsch im Vergleich zu anderen Formen der Jugendsprache wahrgenommen? Werden Jugendliche, die Kiezdeutsch mit ihren Freunden sprechen, negativ bewertet, belächelt oder vielleicht als völlig normal angesehen?

Um diese zu untersuchen, haben wir zwei fiktive Telefongespräche aufgenommen, beide mit denselben Sprecherinnen, aber einmal stärker in Kiezdeutsch, einmal in Jugendsprache ohne Kiezdeutsch-Merkmale. Die Aufnahmen haben wir Passant/inn/en in Berlin vorgespielt und sie zu ihren Eindrücken befragt. Unsere Ergebnisse zeigen, dass Kiezdeutsch-Sprecher sehr viel negativer bewertet werden als Sprecher anderer Jugendsprache: Wenn Passant/inn/en hören, wie Jugendliche im Telefongespräch einige Merkmale aus Kiezdeutsch verwenden, schätzen sie sie sofort sehr negativ ein, bis hin zu Abwertungen wie „asozial“ oder „Ghettomädchen“. Eine kreative neue Jugendsprache wie Kiezdeutsch löst hier offensichtlich ganz massive soziale Vorurteile gegenüber den Sprecher/inne/n aus.

Schüler/innen der Carl-von-Ossietzky-Schule Berlin-Kreuzberg: Kholoud Ezzat, Galip Gil, Duygu Özbilgin

Studentische Mentor/inn/en (Universität Potsdam): Linda Giesel, Lydia Gornitzka, Susanne Heppel, Isabelle Nunberger, Eva Sitohang, Mareike Spahlinger

Arbeitsgruppe 2

Die sogenannte „Doppelte Halbsprachigkeit“ – einem Mythos auf der Spur!

Wussten Sie zum Beispiel, dass in menschlichen Gesellschaften Mehrsprachigkeit der Normalfall ist und es eher eine Ausnahme ist, dass jemand nur mit einer Sprache aufwächst, wie das z.B. in Deutschland oft der Fall ist?

Und dass auch einsprachige Sprecher/innen nicht nur ein „Deutsch“ sprechen, sondern ganz verschiedene Varianten, je nach Situation? Sprachgebrauch ist also immer variantenreich und bunt, und Mehrsprachigkeit ist in menschlichen Gesellschaften etwas Natürliches und Normales.

Dennoch ist glauben Viele, dass Kinder, die mit zwei oder mehr Sprachen aufwachsen, angeblich keine der Sprachen dann vollständig beherrschen, sondern „doppelt halbsprachig“ sind. Wie Sprachwissenschaftler/innen immer wieder betonen, entspricht dies nicht der Realität, der Mythos der „Doppelten Halbsprachigkeit“ ist aber weit verbreitet.

Wir gehen ihm auf die Spur, in Interviews mit Bildungpolitikern, in Gesprächen mit unseren Lehrer/inne/n und in Diskussionsrunden mit mehrsprachigen Familien!

Schüler/innen der Carl-von-Ossietzky-Schule Berlin-Kreuzberg: Jonas Andersson, Maher Hamid, Aichat Wendlandt

Studentische Mentor/inn/en (Universität Potsdam): Johanna Görn, Caroline Noack, Mohammadreza Noori, Janine Pflug, Anja Rösner, Christin Schmidt

Arbeitsgruppe 3

„Die Sprachen kommen einfach aus uns heraus, die beiden Sprachen, ein bisschen Türkisch, ein bisschen Deutsch – so, wie es uns Spass macht!“

Die deutsche Gesellschaft ist mehrsprachig – einfach, weil ein großer Teil der Bevölkerung mehrsprachig ist.

In vielen Familien wird neben dem Deutschen noch eine andere Sprache gesprochen, und im urbanen Bereich wächst etwa die Hälfte der Kinder in mehrsprachigen Familien auf. Wie gehen Familien mit der Ressource „Mehrsprachigkeit“ um? Wie funktioniert das praktisch? Wer spricht mit wem wann welche Sprache(n)? Wie werden die unterschiedlichen Sprachen wahrgenommen? Welche Vorteile sehen die verschiedenen Familienmitglieder in dem sprachlichen Reichtum der Familie? Welche Erwartungen und Hoffungen haben Eltern an ihre Kinder, wie funktioniert die Sprachwahl im Freundeskreis?

In unserem Projekt zeichnen wir Diskussionen mit verschiedenen Familien zum Thema „Mehrsprachigkeit“ auf und werten sie aus. Insgesamt kommen neun Personen aus zwei Generationen zu Wort.

Schüler/innen der Carl-von-Ossietzky-Schule Berlin-Kreuzberg: Can Öksüz, Kaan Sevindik, Serkan Siller

Studentische Mentor/inn/en (Universität Potsdam): Dominik Amann, Gislene Appel, Juliette Delestre, Lena Schröder, Isabella von Wolff

Arbeitsgruppe 4

Schreibt man im Deutschen „oglum“, „olum“ oder „oğlum“? Und wie „liket“ man jemanden?

Wir untersuchen neue Fremdwörter im jugendsprachlichen Deutschen: Welche neuen Fremdwörter benutzen wir in unseren Gesprächen mit Freund/inn/en? Wo kommen die Wörter her, und wie verwenden wir sie? Wie integrieren wir sie in das Deutsche? Wie werden sie in die deutsche Grammatik eingegliedert, wie in das Schriftsystem?

Für unsere Untersuchung haben wir Portraitkarten für neue Fremdwörter angelegt, die von vielen Jugendlichen ausgefüllt wurden. In unserer Auswertung konnten wir viele neue Fremdwörter, besonders aus dem Türkischen, Kurdischen, Arabischen und Englischen, identifizieren, die im Sprachgebrauch Jugendlicher in das System der deutschen Sprache integriert werden.

Ein Beispiel ist das türkische oğlum, wörtlich „mein Junge“, das im Deutschen oft, angepasst an das deutsche Schriftsystem, „oglum“ geschrieben wird und so ähnlich wie „olum“ ausgesprochen. Jugendliche verwenden es als Anrede, ähnlich wie „Alter“.

Ein weiteres Wort, das wir untersuchen, ist der aus dem Englischen stammende Begriff „liken“, von englisch to like, wörtlich „mögen“. Dieses Fremdwort wurde zunächst im sozialen Netzwerk Facebook benutzt; dort kann man auf „Gefällt mir“ / „like“ drücken, um anzuzeigen, dass einem etwas gefällt. Inzwischen ist „liken“ aber auch außerhalb der Online-Welt in Gesprächen unter Jugendlichen verbreitet: Wenn man etwas „liket“, sagt man damit, dass es einem gefällt.

Schüler/innen der Carl-von-Ossietzky-Schule Berlin-Kreuzberg: Ezgi Güzeldere, Maissa Hamid, Duygu Sahin, Sharon Wendzich

Studentische Mentor/inn/en (Universität Potsdam): Judith Becker, Iryna Bura, Louise Eley, Svitlana Heleta, Banu Hueck, Anne Streich

Arbeitsgruppe 5

„Ey, wären Sie so freundlich, mir zu sagen, wie viel Uhr es ist, Alter, lan?“

Irgendetwas scheint in diesem Satz nicht zu stimmen. Er klingt unpassend und unhöflich. Der Grund ist die Vermischung unterschiedlicher Stile oder Register, von formellem und informellem Sprachgebrauch. Wir sprechen mit Freunden anders als mit unbekannten Passant/inn/en, die wir nach der Uhrzeit fragen: Unter Jugendlichen könnte man einen Freund mit „ey“ und „Alter, lan“ ansprechen, bei einem Passanten wäre das fehl am Platze.

Wir haben unterschiedliche sprachliche Register untersucht, indem wir einen fiktiven Fahrradunfall erfunden und ihn auf vier unterschiedlichen Weise beschrieben haben, so, wie ihn jemand beschreiben würde, der ihn als Zeuge gesehen hat: mündlich einmal als Aussage gegenüber der Polizei und einmal so, wie man es einer Freundin erzählen würde; und schriftlich einmal als Bericht für die Polizei und einmal als SMS an die Freundin.

Die Ergebnisse zeigen, wie wir als jugendliche Sprecherinnen in unterschiedlichen Situationen unsere Sprache anpassen und mediale Mündlichkeit (Gespräch mit der Freundin, Aussage gegenüber der Polizei) und Schriftlichkeit (SMS, Polizeibericht) mit konzeptioneller Mündlichkeit (Gespräch mit der Freundin, SMS) und Schriftlichkeit (Aussage gegenüber der Polizei, Polizeibericht) verschränken.

„ey“ passt in die SMS und das Gespräch mit der Freundin, kommt aber gegenüber dem Polizisten nicht vor, „omg“ (‚oh my god‘) kommt nur in der SMS vor, und während wir im Gespräch mit der Freundin sagen können „Ich war Tempelhofer Ufer“, erscheint dies im Polizeibericht als „Ich war am Tempelhofer Ufer“.

Schüler/innen der Hector-Peterson-Schule Berlin-Kreuzberg: Adyan Al-Zohaery, Dalia Hibish, Zunaira Iqbal, Jamia Iraqi

Studentische Mentor/inn/en (Universität Potsdam): Katharina Boll, Aleksandra Kuznetcova, Yichang Liu, Laura Rademacher, Franziska Ziemer

Arbeitsgruppe 6

Abu! Kiezdeutsch ist voll Baba – wenn man es versteht …

„Kiezdeutsch“ – ein neuer Sprachgebrauch unter Jugendlichen, der in Wohngebieten mit vielen mehrsprachigen Sprecher/inne/n gesprochen wird, – steht zur Zeit im Mittelpunkt der öffentlichen Berichterstattung.

Während jugendsprachliche und dialektale Beispiele wie „Er schmeißt morgen eine fette Party, wie geil!“ oder  „Du siehst richtick schnieke aus, Keule.“  oft auch positiv bewertet werden, lösen Kiezdeutsch-Beispiele wie „Abu! Was is‘ los, moruk?“  oder „Hadi lan, tschüss!“ meist massive Sprachkritik aus oder werden als „gebrochenes Deutsch“  abgestempelt.

Ein Grund für die negative Einschätzung ist sicher Unverständnis: Manche Kiezdeutsch-Wörter sind für Außenstehende schwer zu verstehen, weil der Wortschatz dieses Dialektes zum einen jugendsprachlich geprägt ist, zum anderen enthält er auch neue Fremdwörter aus anderen Sprachen: Neue Wörter können z.B. aus dem Türkischen stammen (naber = wie geht´s?), dem Arabischen (lak = Alter, Kumpel), dem Kurdischen (Baba = ausgezeichnet), aber eben auch, wie in anderen Varianten der deutschen Jugendsprache, aus dem Englischen (chillen = sich entspannen) und natürlich aus dem Deutschen (mies = sehr gut).

In unserem Projekt untersuchen wir solche Ausdrücke und ihre Verwendung und erstellen daraus ein Kiezdeutsch-Wörterbuch. Das Wörterbuch zeigt, dass der Wortschatz von Kiezdeutsch kein Zeichen von Spracharmut ist, sondern  ein regelhaftes lexikalisches System darstellt, vergleichbar dem Wortschatz anderer Dialekte.  Damit soll das Wörterbuch als  kleines Nachschlagewerk auch eine Brücke zum besseren Verständnis bei denen schaffen, die dieses Dialektes zwar nicht mächtig sind, ihm jedoch z.B. in der U-Bahn oder auf der Straße begegnen.  Denn „was man zu verstehen gelernt hat, fürchtet man nicht mehr“ (Marie Curie).

Schüler/innen der Hector-Peterson-Schule Berlin-Kreuzberg und der Heinrich-Böll-Schule Hattersheim: Abdullah Bayram, Seyma Damgaci, Furkan Kücükbingöl, Naciye Subay

Studentische Mentor/inn/en (Universität Potsdam): Mehmet Can Dincer, Larissa Friesen, Dominika Hrubcová, Anda Kruklina, Maria Presnyakova, Barbara Riquelme

Arbeitsgruppe 7

„Habibi, kommst du jetzt mit?“ – „Nein, vallah, nein. Aḡlicam şimdi, ich gehe. Echt!“

Wenn Jugendliche im Bus solche und ähnliche Gespräche führen, sieht man oft negative Reaktionen: Ältere schütteln bestürzt den Kopf, und einige Fahrgästen murmeln entgeistert „Können die kein Deutsch? Warum so ein Mischmasch?“

Wie viele sprachwissenschaftliche Untersuchungen gezeigt haben, ist dieses sogenannte „Code Switching“, der Wechsel zwischen Sprachen, jedoch kein Zeichen für Spracharmut oder Unvermögen, sondern ein anspruchsvoller Umgang mit mehreren Sprachen, der festen grammatischen und konversationellen Regeln folgt. Mehrsprachige Sprecher/innen können virtuos von einer Sprache in die andere und wieder zurück wecheln und tun dies gezielt je nach Situation und Gesprächspartner/in.

Wir haben unser Code-Switching in Kommunikationen unter einander dokumentiert, mit Sprachtagebüchern, Aufzeichnungen von Gesprächen mit Freund/inn/en und anhand von kleinen Zetteln, die wir einander im Unterricht schreiben. Wir untersuchen den „Sprach-Cocktail“, den wir dabei benutzen, und analysieren die Regeln, nach denen er jeweils gemixt ist!

Schüler/innen der Robert-Koch-Schule Berlin-Kreuzberg: Arzu Akhuy, Tuba Burak, Zehra Koncak

Studentische Mentor/inn/en (Universität Potsdam): Martin Gätke, Julia Heise, Monique Otto, Anja Polewicz, Adam Ryczek, Kristin Voß

Arbeitsgruppe 8

Gammelfleischparty, Stockente, kak fik – May I introduce you to „Jugendsprache”?

Wer auch immer behauptet, Gammelfleischparty, Stockente oder kak fik gehören zur Jugendsprache, der hat sich getäuscht. Unter Jugendlichen sind solche angeblich jugendlichen Wörter meist gar nicht bekannt.

In unserer Arbeitsgruppe widmen wir uns dem Thema „Sprechen Jugendliche jugendlich?“ Unsere Mission: Herausfinden, wer die Bedeutungen der „jugendlichen“ Wörter kennt, wer die Wörter tatsächlich verwendet, und welche Wörter momentan wirklich und wahrhaftig die coolsten sind! Dafür haben wir in Zeitungs- und Internetartikeln, Werbeplakaten und Jugendzeitschriften gesammelt. Natürlich blieb auch der Blick ins neue PONS-Wörterbuch der Jugendsprache nicht aus, das sich übrigens auch gut für kleine Ratespiele zwischendurch eignet – aber auf viele Wörter konnten wir uns absolut keinen Reim machen!

Aus den gesammelten Daten wählten wir einige aus für einen Fragebogen, den wir an Freunde und Bekannte im Alter von 13-19 Jahren verteilten. 106 Fragebögen wurden bisher ausgefüllt und ausgewertet. Hier einige Ergebnisse:

Als coolstes Jugendwort wurde Digga genannt (in unterschiedlicher Schreibweise), was eine saloppe Variante des klassischen ‚Kumpel‘ ist.

Das Wort Opfer kennen die meisten, es wird überwiegend im Gespräch mit Freunden benutzt, als Bezeichnung für eine schwache und unbeholfene Person.

Den Begriff Massage verbinden die Teilnehmer/innen überwiegend mit Entspannung und keiner mit der angeblich jugendsprachlichen Bedeutung ‚Schlägerei’.

Generell konnten die Befragten nur wenig mit den Wörtern anfangen, die zu den „Jugendwörtern“ des Jahres gewählt werden oder in entsprechenden Wörterbüchern aufgelistet werden. Das bezeugen auch ein paar der Zitate aus den Fragebögen, beispielsweise: „Was is‘ daaaaas? - Ihr erfindet Wörter!“, „Keine Ahnung. Von den Wörtern hier habe ich noch nie was gehört.“

Schüler/innen der Robert-Koch-Schule Berlin-Kreuzberg: Tugce Aslan, Züleyha Özbek

Studentische Mentor/inn/en (Universität Potsdam): Martje Delfs, Carolin Koßagk, Aleks Majchrzyk, Cynthia Pardeike, Katarzyna Polok, Sarah Weichert