A02: Grammatische Verarbeitung und syntaktischer Wandel

Dieses Projekt hat zum Ziel, die Dimensionen syntaktischer Variabilität aus diachroner Perspektive auszuloten. Wir verfolgen hierbei einen multimethodologischen Ansatz, der Korpusanalyse und psycholinguistische Experimente miteinander verknüpft, um den Stellenwert von Sprachverarbeitungsstrategien bei der Entscheidung von Sprechern für bestimmte syntaktische Varianten zu untersuchen. Der außerordentliche Variantenreichtum der frühneuhochdeutschen Syntax und seine zunehmende Beschränkung im Zuge der Herausbildung des heutigen Standarddeutschen liefert hierfür die geeignete empirische Grundlage.

Das Projekt konzentriert sich auf die Wortstellungsvariation bei deutschen Infinitivkomplementen, insbesondere auf die Entstehung von Restriktionen in Bezug auf die Wortstellung und das Ausmaß, in dem Verarbeitungsfaktoren bei dieser Entwicklung eine Rolle gespielt haben könnten. Unsere diachronen Korpusdaten bestätigen, dass die Wortstellungsvariabilität mit der Zeit abgenommen hat, wobei diskontinuierlich linearisierte Infinitivkomplemente nur noch sehr selten in synchronen Korpora nachgewiesen werden konnten. Darüber hinaus zeigen unsere Daten, dass Verben, die früher unterschiedliche Linearisierungsmuster ihrer Infinitivkomplemente zuließen, dies im heutigen Deutsch nicht mehr tun. Dies ist wahrscheinlich das Ergebnis eines Spezialisierungsprozesses von Wortstellungsvarianten, der teilweise durch Verarbeitungsfaktoren beeinflusst wird.

Unsere experimentellen Ergebnisse zeigen, dass im Gegensatz zu dem, was aus der Perspektive probabilistischer Ansätze zur sprachlichen Variation zu erwarten wäre, die Akzeptabilität verschiedener Wortstellungsvarianten nicht vollständig durch ihre Korpusfrequenzen vorhergesagt werden kann. Trotz ihrer Seltenheit werden diskontinuierlich auftretende Infinitive von heutigen deutschen Sprechern immer noch als akzeptabel angesehen, was darauf hindeutet, dass sie als "latente" Konstruktionen Teil der Grammatik des Standarddeutschen geblieben sind. Wir fanden ferner heraus, dass die häufigste Wortstellungsvariante sowie diejenige, für die sich Sprecher in Produktionsaufgaben am ehesten entscheiden, die am einfachsten zu verarbeitende Variante ist. Dies deutet darauf hin, dass die Variabilität der Wortstellung zumindest teilweise durch Prinzipien der Verarbeitungsökonomie beschränkt wird. Die Abnahme der Belege für schwieriger zu verarbeitende Varianten in der Geschichte des Deutschen spiegelt vermutlich den wachsenden Einfluss des gesprochenen Deutschen auf die sich herausbildende Standardsprache wider.

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Prof. Dr. Ulrike Demske

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Campus Golm
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Ilaria De Cesare

 

Campus Golm
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