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Graffiti

Der heute weit verbreitete Sammelbegriff Graffiti leitet sich vom griechischen Ausdruck graphein ab, der allgemein das Schreiben bezeichnete. Daraus entwickelte sich das italienische sgraffiare, kratzen, mit dem ein Verfahren zur Fassadengestaltung bestimmt wurde, bei dem Oberflächen reliefartig ausgekratzt wurden. Der Begriff setzte sich dann ab Mitte des 19. Jahrhunderts in der Archäologie für inoffizielle, in Mauern gekratzte Botschaften durch. Diese ursprüngliche Bedeutung schwingt im heutigen Konzept mit: Graffiti bezeichnet im weiteren Sinne visuelle Elemente, die auf öffentlichen und fremden Oberflächen angebracht werden. In den meisten Fällen werden diese visuellen Zeichen ungefragt, inoffiziell oder  illegal von Individuen oder Gruppen aufgetragen. Eine genaue Abgrenzung zwischen Graffiti und Nicht-Graffiti ist schwierig. Die visuellen Zeichen des Graffitis sind höchst differenziert und können nicht in klare Gruppen abgegrenzt werden. Zu den Graffitis zählen deshalb sowohl kurze Schriftzüge und Sprüche, als auch großflächige, künstlerisch wirkende Bilder, kurze Markierungen und politische Parolen. Ebenso ist die Art des Auftragens kein definitorisches Merkmal: Graffiti können mit Stiften und Farbspray, durch Einritzen, durch Farbauftrag über Schablonen und durch Ätzen angebracht werden. Es gibt allerdings auch exotische Formen, wie das Moosgraffiti, das aus einer Mischung aus Joghurt, Moos und Zucker besteht, die auf feuchte Mauern aufgetragen wird und dort wächst, oder das Laser-Graffiti, das durch Lichtprojektion entsteht.

Quelle: http://www.flickr.com/photos/gruene_bawue
Moos-Graffiti, Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg, 2009

Generell stehen für eine Charakterisierung eher die funktionellen und kontextuellen Ebenen des Graffiti im Vordergrund: Graffitis finden sich zumeist im urbanen Kontext und an beweglichen (z.B. öffentliche Verkehrsmittel) und unbeweglichen (z.B. Häuserwände und Brücken) Oberflächen. Funktionell dient es zunächst der Markierung eines individuellen Lebensraumes oder des Aktionsraumes einer Gruppe. So nutzen beispielsweise Straßengangs kryptische Zeichen, um ihre Geltungsbereiche abzugrenzen.

Quelle: http://www.flickr.com/photos/gruene_bawue
Moos-Graffiti, Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg, 2009
Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mara_Salvatrucha_Graffiti.jpg
Gang-Graffiti der Mara Salvatrucha

Für diese Markierung der Geltungs- und Lebensbereiche im öffentlichen Raum werden zumeist schnell erstellte und kleinflächige Formen des Graffitis genutzt.

Auch Einzelpersonen setzen solche Markierungszeichen: Durch Tags, also Namenszüge, die das Pseudonym des Sprayers als Signatur an Oberflächen sichtbar werden lassen, werden eigene Tätigkeitsareale abgesteckt und Werke unterschrieben. Im Gegensatz zu den Ganggraffitis sind die Tags höchst individualisiert und nicht zur Verständigung mit anderen Mitgliedern einer Gruppe bestimmt.

Diese Tags gelten auch als Vorbild der Pieces, bei denen kurze Schriftzüge in oft kunstvoller und aufwendig gestalteter Weise gesprüht werden. Bei den Pieces, aber auch selbst gestalteten Schablonen und den großflächigen, ganze Mauern mit einem Motiv bedeckenden Murals, wird der künstlerisch-kreative Hintergrund des Graffitis deutlich: Vorbereitung sowie Durchführung übersteigen deutlich den Aufwand eines Tags, die Abbildungen sind zumeist in mehreren Skizzen weiterentwickelt worden. 

Graffiti ist also einerseits als eine künstlerisch-kreative Beschäftigung des Individuums zu betrachten, durch die eigene Motive und Symbole (weiter-)entwickelt werden, andererseits ist es mit einem  Kampf um die Vormacht der individuellen Bilder im öffentlichen Raum verknüpft. Das macht  Graffitis zu ephemeren, vergänglichen Bildern. Sie werden selten konserviert, meist von anderen Zeichnern „gecrosst“, also mit eigenen Zeichen übermalt, oder sie werden durch die Besitzer der Oberfläche bzw. öffentliche Institutionen entfernt. Durch die Bildzeichen im urbanen Raum werden also nicht nur individuelle Räume abgesteckt, sondern diese zudem auch individualisiert. Der öffentliche Bereich wird durch eigene ästhetische Spuren angereichert.

Graffitis stehen daher zwischen individuell-kreativer Äußerung und der in öffentlichen Räumen herrschenden ästhetischen Ordnung. So ist es nicht erstaunlich, dass die Bilder in ihrer Bedeutung oft auf den räumlichen Kontext, aber auch auf weitere, in der Umgebung liegende Zeichen eingehen. Einerseits werden bestehende Zeichen, Bilder und Strukturen aufgegriffen, verändert und mit neuem Sinn versehen. Dadurch werden in der Öffentlichkeit dominante Bilder, wie Werbung, Verkehrszeichen, Ordnungs- und Regulierungssysteme in ihrer Rolle hinterfragt und alternative Zeichensysteme und -ästhetiken vorgestellt. Andererseits ändert sich auch die Bedeutungsebene des einzelnen Graffitis durch im Raum vorhandene Machtstrukturen und Zeichenmaterial in der Umgebung. So können Graffitis in Ländern, die von einem Diktator regiert werden, zu politischem Sprengstoff werden, wenn sie, wie beispielsweise im Rahmen der Tunesischen Revolution von 2011 geschehen, die politische Mitbestimmung des Volkes fordern. Werden solche Graffitis zudem an den symbolischen Machtzentren des Landes, wie Partei- oder Justizgebäuden angebracht, verstärkt sich diese Bedeutungsebene des Graffitis.

Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mara_Salvatrucha_Graffiti.jpg
Gang-Graffiti der Mara Salvatrucha
Foto: Eva Kimminich
Graffitis an einer Familienvilla des tunesischen Ex-Präsidenten Ben Ali im Tuniser Stadtteil Gammarth, Tunesien, 2013

Graffitis stehen deshalb in enger Beziehung nicht nur zum Raum, in dem sie angebracht werden, sondern auch zu weiteren Symbolen, die im Raum vorhanden sind. Dadurch können auch komplexe Bedeutungsinteraktionen zwischen einzelnen Graffitis entstehen, die sich an einem Ort häufen.

Foto: Eva Kimminich
Graffitis an einer Familienvilla des tunesischen Ex-Präsidenten Ben Ali im Tuniser Stadtteil Gammarth, Tunesien, 2013
Foto: Franziska Reckling
Bedeutungsinteraktion zwischen Graffitis und Stickern, Berlin, 2011

Quellen:

  • Baudrillard, J. (1978): Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen. In: Ders.: Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen. Berlin: Merve. PP: 19-38
  • Ivique, N. (2007): Graffiti als Reviermarkierungen. Verfügbar im WWW: www.graffitimuseum.de/texte/texte.php (zuletzt abgerufen am: 04.06.2013)
  • Jakob, K. (2008): Street-Art. Kreativer Aufstand einer Zeichenkultur im urbanen Zwischenraum. In: Sandra Maria Geschke (Hg.). Straße als kultureller Aktionsraum. Interdisziplinäre Betrachtungen des Straßenraums an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis. Wiesbaden: VS-Verlag. S.73-97
  • Kimminich, E. &Persello, M. (2011): Stadt und Zeichen. Ausstellungskatalog. Potsdam : Univ. Potsdam, Professur für Kulturen romanischer Länder
  • Neumann, Renate (1991): Das wilde Schreiben : Graffiti, Sprüche und Zeichen am Rand der Straßen. Essen: Verl. Die Blaue Eule
Autor Julius Erdmann
Zeitraum Juni 2013