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Rap in Italien: Rassismuserfahrungen und Strategien einer alternativen Identitätsbildung in italienischen Rapsongs

Die Entstehung des italienischen Rap steht in enger Verbindung mit der jungen linken Szene Italiens. Diese war es, die Ende der 1980er Jahre den Rap für sich entdeckte, um auf politische und gesellschaftliche Missstände in ihrem Land aufmerksam zu machen. Dabei prägten sie eine Form des Rap, die mehr war, als die reine Imitation des US-amerikanischen Vorbilds. So entstand eine Szene, die in italienischer Sprache rappte und in ihren Texten landesspezifische Themen verarbeitete. Fernab vom Mainstream-Rap nutzen auch heute noch zahlreiche Musiker diese künstlerische Ausdrucksform, um ihre Haltung gegenüber politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen auszudrücken.

Besonders Rapper mit Migrationshintergrund setzen sich in ihren Songs mit den Themen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auseinander. Dabei lassen Sie den Zuhörer oft an ihren eigenen Erfahrungen als marginalisierte Subjekte innerhalb einer Mehrheitsgesellschaft teilhaben.

Ziel der vorliegenden Analyse ist es zu zeigen, wie Musiker den Rap nutzen, um auf Rassismus aufmerksam zu machen und eigene Erfahrungen alltagsrassistischer Diskriminierung zu verarbeiten. Als Grundlage dient eine Studie von Mark Terkessidis über die Wirkungsweisen von Alltagsrassismus bei Migranten der zweiten Generation in Deutschland. Die von ihm entworfene Terminologie zur Benennung und Beschreibung rassistischer Erlebnisse der Betroffenen soll exemplarisch auf einige Rapsongs angewendet werden, um die Verarbeitungsprozesse der Musiker sichtbar zu machen.

Das Streben nach kultureller Homogenität: Rassismus in Italien

Italien galt bis weit in die 1970er Jahre als Auswanderungsland. Armut und wirtschaftliche Rückständigkeit führten vor allem im Süden, der von den ab 1870 einsetzenden Industrialisierungsprozessen in Italien ausgeschlossen blieb, zu einem massiven Bevölkerungsschwund. Bis heute ist die wirtschaftliche Spaltung des Landes nicht vollständig ausgeglichen und stellt nur eine von mehreren landesinneren Spannungsfeldern dar, mit denen sich Italien seit seiner Einigung im Jahre 1861 auseinandersetzen musste. Denn auch die territoriale Vereinigung konnte über die bereits vor der Gründung des Nationalstaates bestehende heterogene Sprach- und Kulturlandschaft nicht hinwegtäuschen. Für Italien gestaltete sich eine nationale Identitätsbildung daher seit jeher als schwierig. Zu unterschiedlich waren die gefestigten lokalen Identitäten, die auch heute noch in einer Dialektik von lokaler und nationaler Identität  spürbar sind.

Ab Beginn der 1970er Jahre wandelte sich Italien zunehmend zu einem Einwanderungsland. Besonders nach der Gründung der EU im Jahre 1993 stieg die Zahl der Einwanderer rasant an. Die damit einhergehende neue Herausforderung eines überregionalen Multikulturalismus löste vor allem auf staatlicher Seite intensive Bemühungen aus, die nationale Identität neu zu konturieren. Bei diesem Prozess erfuhren Werte, Sitten und besonders die christliche Religion als gemeinsamer Bestand im Gegensatz zum nun zunehmend präsenter werdenden Fremden eine Wiederentdeckung. In den letzten Jahrzehnten trat bei der Formulierung der Nationalidentität der Superioritätsgedanken der eigenen Nation und des eigenen Volkes hinzu, was zu einem zunehmenden Ausschluss des Fremden führte. Die in jüngster Zeit verstärkt auftretenden Einwanderungswellen vor allem aus dem afrikanischen Kontinent, ließen schließlich den strukturellen Rassismus Italiens erstarken. Er wird gezielt genutzt, um eine exklusive Nation zu konzipieren, die sich durch ihre soziale und kulturelle Homogenität auszeichnen soll. Dabei scheinen die durch die Eurokrise verschlechterten Lebensbedingungen Rassismus zu befördern. Reger Aktivismus mehrerer rechtspopulistischer Parteien liefert dafür legale Grundlagen und die Medien verbreiten stereotype Konstruktionen des „Fremden“ als Kriminellen, Vergewaltiger oder Drogendealer.  

Für Aufsehen – auch über Italiens Grenzen hinaus – sorgte im Jahre 2001 der damalige Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, der mit seinem Statement zu den Anschlägen des 11. Septembers eine stark islamophobe Haltung zum Ausdruck brachte, indem er die westlich-christliche Zivilisation gegenüber Ländern, in denen der Islam vorherrscht, als „überlegen“ bezeichnete (Berlusconi, 26. September 2001, cf. Einaudi, Luca 2007: 351). Seine Regierung war es auch, die im Jahre 2008 verschärfte Gesetze gegenüber Migranten durchsetzte. So wurden Ärzte verpflichtet, „irreguläre“ Migranten zu melden, die das öffentliche Gesundheitssystem in Anspruch nehmen. Auch die Vermietung von Unterkünften an diese Personengruppe wurde verboten. Die Europäische Kommission für Menschenrechte sah in dieser verschärften Gesetzgebung, die als xenophob und rassistisch bewertet wurde (cf. Commissioner for Human Rights, 2009), eine starke Verletzung der Menschenrechte. Zudem kritisierte sie Berlusconis aufgrund der „anhaltenden illegalen Einwanderung“ ausgesprochenen Ausruf eines landesweiten „Notstandes“, da dieser das Bild von Migranten und aller „nicht-italienischen“ Personengruppen innerhalb der italienischen Gesellschaft diskreditiere und zu einer öffentlichen Zielscheibe tätlicher Angriffe und Feindseligkeiten werden lasse. Der von den Medien unterstützte rassistische Diskurs der Regierung hat ein Klima der Intoleranz gegenüber dem „Fremden“ generiert, das bis heute anhält und seit 2008 zu einem erhöhten Aufkommen brutaler Übergriffe auf Immigranten, Italiener ausländischer Abstammung und vor allem auf Sinti und Roma führte (cf. Human Rights Watch 2011).

Von den centri sociali zur Stimme einer ganzen Bewegung: Die Entwicklung des italienischen Raps

Nachdem Rap Anfang der 1970er Jahre innerhalb marginalisierten Gruppierungen in den schwarzen Ghettos der South Bronx New Yorks entstanden ist, verbreitete er sich als verbales Ausdrucksmittel der Hip Hop Kultur ab Mitte der 1980er Jahre weltweit. In Italien kann ab Ende der 1980er Jahre von der Entstehung einer eigenständigen italienischen Rap-Szene gesprochen werden. Zwar etablierte sich der Rap auch hier bereits ab Mitte der 1980er Jahre in der italienischen Musikszene, doch dabei handelte es sich noch nicht um eine landesspezifische Form, sondern nur um die musikalische Imitation des US-amerikanischen Vorbilds.

Seine Wurzeln hat der italienische Rap in den autonomen centri sociali, die als Erbe der politisch aufgeladenen 1970er Jahre auch heute noch in Italien zu finden sind. Meist handelt es sich dabei um besetzte Häuser und Fabrikgelände, in denen linksorientierte Studenten und Jugendliche, die sich als Teil einer nationalen antagonistischen Bewegung sehen, regelmäßig vom Staat unabhängige kulturelle und politische Aktivitäten veranstalten. Darüber hinaus handelt es sich auch um Orte intensiver Sozialarbeit, in denen Migranten etwa an Italienischkursen teilnehmen können oder Jugendlichen und Erwachsenen Informationen zur AIDS-Prävention und Drogenberatung angeboten werden. Besonders in sozialschwachen Gebieten Italiens erhalten diese alternativen Zentren einen großen Zuspruch seitens der Bevölkerung, doch bleiben sie aufgrund ihres illegalen Status nur selten vor Schließungen bewahrt.

Musikalisch war es vornehmlich der Punk, der bis weit in die 1980er Jahre die Musikszene der centri sociali definierte. Dies änderte sich jedoch Ende der 1980er Jahre, als der Rap als Ausdrucksmittel innerhalb der linken Szene entdeckt und zunehmend populär wurde. Allen zu dieser Zeit im Umfeld dieser Szene entstandenen Rap-Gruppen war gemein, dass sie für die Idee einer kollaborativen Musikproduktion eintraten und eine Exklusivität der jeweiligen Gruppenmitglieder ablehnten. Viele Rap-Formationen gaben sich daher den Namenszusatz Posse (cf. Pacoda 2000: 5). Die Inhalte der Texte waren politisch und spiegelten besonders Anfang der 1990er Jahre eine subkulturelle Bewegung wider, die den Rap als neue Rhetorik politischer Militanz für sich entdeckte. Sie kritisierte vor allem die Korruption der Politiker und machte auf soziale Missstände in Italien aufmerksam.

Es dauerte nicht lange, bis die musikalischen Produkte der Posse-Bewegung auch über die linke Szene hinaus Verbreitung fanden. Vor allem im Verlauf der mehrere Monate andauernden Pantera, der bis heute größten Studentenbewegung Italiens, erlangte der italienische Rap der Posse-Musiker eine große Beliebtheit bei den Studenten. Als Ausdruck der Solidarität nahmen viele Rap-Gruppen bei den studentischen Protesten teil, die sich gegen das Bestreben der damaligen Regierung richteten, die Universitäten zu privatisieren. So besetzten die Rapper etwa gemeinsam mit den Studierenden zahlreiche Universitätsgebäude. Die aus Rom stammende Gruppe Onda Rossa Posse veröffentlichte 1990 den Song Batti il tuo tempo per fottere il potere, der quasi über Nacht zur Hymne der damaligen Studentenbewegung wurde.  Dieser Song war der erste, der sich nur noch auf musikalischer Ebene am US-amerikanischen Vorbild orientierte.

Onda Rossa Posse, die sich bereits 1991 wieder auflöste, prägte die italienische Rap-Szene nachhaltig und beeinflusste die ihnen nachfolgende Rap-Formationen wie Assalti Frontali, Almamegretta oder 99 Posse, die ebenfalls gesellschaftskritische Songs verfassten. Daneben existieren jedoch auch Gruppen wie Frankie Hi-NRG, Articolo 31 oder Jovanotti, die in keinerlei Zusammenhang mit den centri sociali stehen und vor allem bei jüngeren Zuhörern beliebt sind. Sie lassen sich musikalisch dem Mainstream zuordnen und produzieren Songs, die inhaltlich keine kritische oder politische Haltung erkennen lassen.

Zu Bedeutung und Verständnis von Alltagsrassismus

Was genau bedeutet staatlicher und gesellschaftlicher Rassismus für den Identitätsbildungsprozess jener Bevölkerungsgruppen, die sich zwar mit Land und Kultur identifizieren, jedoch nicht als Teil des ethnisch homogen konstruierten Gesellschaftskörpers erachtet werden? Welche Herausforderungen stellen sich besonders für Migranten der zweiten Generation, die in Italien geboren und aufgewachsen sind, sich selber als Italiener fühlen, als solche aber nicht anerkannt werden? Sie sehen sich vielmehr den Diskriminierungen des Alltagsrassismus ausgesetzt. Innerhalb der Gesellschaft als „fremdartig“ marginalisiert, entsteht bei den Betroffenen eine Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Sie müssen lernen, mit den ihnen zugeschriebenen Negativbildern umzugehen und diese im Verlauf ihrer Identitätsbildung  zu verarbeiten.

Diese Problematik hat Mark Terkessidis in seiner empirischen Studie Die Banalität des Rassismus aufgearbeitet und neben einer anschaulichen Definition des Rassismus eine Terminologie entwickelt, mit der sich die Auswirkungen alltagsrassistischer Erfahrungen auf die Identitätsbildung stufenweise beschreiben lassen. Anhand der Erfahrungen und Erlebnisse von Migranten der zweiten Generation in Deutschland stellt er ein Inventar rassistischer Situationen auf, mit denen die Betroffenen täglich konfrontiert werden.

Die Beschreibung dieses Inventars und die daraus abzuleitende Bedeutung für die Betroffenen fasst Terkessidis in vier Akte zusammen, für die er folgende Begriffe geprägt hat: „Entfremdung“, „Verweisung“, „Entantwortung“ und „Entgleichung“ (cf. Terkessidis 2004: 173-202). Bei der „Entfremdung“ handelt es sich um sogenannte „Urszenen“, in denen ein Subjekt erstmals dazu gebracht wird, sein Zugehörigkeitsgefühl zu einem Kollektiv infrage zu stellen. Ausgelöst wird dies durch Fragen nach seiner Herkunft, die aufgrund seines Namens, bestimmter körperlicher Merkmale oder auch bestimmter Kleidungsstücke gestellt werden. Das Subjekt fühlt sich dadurch als „anders“ identifiziert und somit aus dem Kollektiv ausgeschlossen. Nach dieser „Urszene“ beginnen die Betroffenen im Verlauf des sich daran anschließendem Prozesses der Differenzierung sich dem Kollektiv gegenüber selbst als „anders“ zu identifizieren. Auf die „Entfremdung“ folgt jener Akt, den Terkessidis als „Verweisung“ bezeichnet. Damit beschreibt er die Zuordnung einer als „anders“ identifizierten Person an einen anderen Ort,  was durch die Frage nach der Herkunft geschieht. Sie ergibt sich aus dem „Mythos der eigentlichen Herkunft und Hingehörigkeit“. Die daraus entstehenden Herkunftsdialoge werden erst dann beendet, wenn die Frage zufriedenstellend, das heißt dem Mythos entsprechend, beantwortet wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob die „eigentliche“ Herkunft tatsächlich die der betroffenen Person oder lediglich jene seiner Eltern ist.

Nach der symbolischen Ausgliederung des Individuums aus dem „Wir“ und dessen Verweisung an einem anderen Ort, werden dem Subjekt bestimmte Merkmale seiner „eigentlichen Gruppe“ zugeschrieben. Da die betroffene Person als Träger dieser Eigenschaften ausgewiesen wird, wird sie dadurch „entantwortet“. Die Betroffenen agieren nicht als Individuen, denn anhand der ihnen zugeschriebenen Klischees wird ihnen die Verantwortung für ihr persönliches Handeln genommen. Alle ihre Taten erscheinen allein durch die ihnen zugeordnet Gruppenzugehörigkeit vorherbestimmt zu sein. Daraus folgt nach Terkessidis der Akt der „Entgleichung“. Hierbei wird der betroffenen Personen durch die zugeschriebenen Klischees ein Defizit unterstellt, denn sie könnten mit den vorherrschenden Normen nicht konkurrieren. Dadurch werden ihnen Gleichheit und auch eine Vergleichsmöglichkeit verweigert.

Indem vor allem Rapper mit Migrationshintergrund in ihren Lyrics auf rassistische Zuschreibungen und alltagsrassistische Situationen reagieren, gelingt es ihnen sich einen individuellen (Lebens)Raum zu schaffen. Er bietet ihnen die Möglichkeit, sich aus ihrer „Entantwortung“ zu befreien und sich gegenüber der Mehrheitsgesellschaft zu positionieren. Durch das Verfassen ihrer Songtexte können sie einerseits ihre eigenen Erfahrungen mit Rassismus verarbeiten, wodurch sie andererseits gesellschaftliche Aufmerksamkeit erhalten.

Quelle: www.onalim.it
Zanko

Die multiple nationale Identität eines Metrokosmopoliten: Zanko - El arabe blanco

Zanko (Zuhdi Fahle), dessen Eltern Anfang der 80er Jahre aus Syrien immigrierten, wurde in Mailand geboren und machte sich innerhalb der mailändischen Hip Hop-Szene zunächst als Beatboxer einen Namen. Im Jahre 2005 begann er zu rappen, um auf Rassismus aufmerksam zu machen.Zanko gab sich selbst den Beinamen El arabe blanco, wodurch die Paradoxie seiner privilegierten Stellung innerhalb einer weißen Mehrheitsgesellschaft trotz seiner arabischen Wurzeln ausgedrückt wird. Er selbst sagte in einem Interview, dass er im Vergleich zu seinen dunkelhäutigen Freunden verhältnismäßig selten in Polizeikontrollen gerate. Dennoch hat auch er die Erfahrung der „Entfremdung“ durchlebt, die er in seinem Song Essere normale beschreibt. Dabei zeigt sich seine persönliche „Urszene“ als Resultat eines stereotypen negativen Blicks auf seinen Wohnort in der städtischen Randzone, in der überwiegend Immigranten leben:

Sono cresciuto nel quartiere della centrale-station, dove dire immigrato era dire criminale-nation/ e quando rivelavo che la mia famiglia era tale – attention please, mi davan del particolare. (Zanko 2009: „Essere normale“, auf  MetroCosmoPoliTown)

Als Kind immigrierter Eltern in einem Wohnbezirk lebend, der mit Kriminalität in Verbindung gebracht wird, wurde auch er als Krimineller stigmatisiert, aus dem Kollektiv der italienischen Gesellschaft ausgeschlossen, was dazu führte, dass er sich selbst als „anders“ identifizierte. Was es bedeutet, nicht der Mehrheitsgesellschaft anzugehören, wird durch eine Beschreibung ex negativo in der zweiten Strophe aufgezeigt:

Il normale non ruba, non stupra, non frusta le donne, non è frustrato e non ti disgusta/ la sua gente è dalla parte giusta giustamente. (ebd.)

Das Konstrukt von „Normalsein“ steht dem „Anderssein“ gegenüber und ist nur einem bestimmten Teil der Gesellschaft vorbehalten, und zwar jenem Teil, der die Definitionsmacht hat. Eine Revidierung dieses negativen Fremdbildes ist aus eigener Kraft des marginalisierten Subjekts daher nicht möglich. Ethnische und soziale Stigmatisierungen seitens der Mehrheitsgesellschaft stehen über der individuellen Persönlichkeit:

Tu sembri normale, come se la normalità fosse una conquista eccenzionale /Non dipende mai da te, dipende dalla classe sociale, dal colore della tua carnagione personale/ Se sei diverso, sei in prigione, sei illegale, sei un diverso antisociale, un antipatico, un diverso culturale, un diverso asociale. (ebd.)

Terkessidis stellte in seinen Untersuchungen fest, dass den Betroffenen zwei Möglichkeiten bleiben, sich gegenüber einer „Entantwortung“ zu positionieren. Zum einen können sie als „Anwalt“ des „Wir“, dem sie zugerechnet werden, auftreten und somit eine Abwehrposition einnehmen. Eine andere Möglichkeit ist es, sich dem „Wir“ der „anderen“ zu entziehen, sich selbst als anders zu definieren und sich von der Mehrheitsgesellschaft als „Ausnahme“ bestätigen zu lassen (cf. Terkessidis 2004: 188-194). Daraus resultiert jedoch nicht das Ende der „Entantwortung“, da man selbst als „Ausnahme“ zum konzipierten Subjekt der Mehrheitsgesellschaft wird. Die zugeschriebene Individualisierung bedeutet daher für die Betroffenen immer auch den Verlust der eigenen Identität beziehungsweise Herkunft. Dieses Dilemma beschreibt Zanko als „oberflächlich“ und wählt seinen eigenen „paranormalen“ Weg:

Invece se ti associano alle caratteristiche della gente locale, allora si che sei un pari, sei un simpatico e impari ad apparire normale/ se para apparire normale bisogna omologarsi sconfinar nel superficiale, allora me ne vado mi trasferisco al paranormale. (ebd.)

Dabei entwirft er im Refrain die multiple Identität eines „metrokosmopolitischen“ Subjekts, das sich ausschließlich durch seine Menschlichkeit auszeichnet:

Sono palestinese, sono siciliano, sono albanese, sono africano, sono cinese, sono latinoamericano, sono napoletano, sono il siriano di milano, metrocosmopolitano, so di essere un essere umano, tutti su un piano, tutti su una mano. (ebd.)

Die für die zweite Generation oftmals symptomatische Problematik einer kulturellen und nationalen Positionierung wird in diesen Versen aufgegriffen, jedoch mit dem Bild des (Metro)Kosmopoliten gleichzeitig dekonstruiert. Die Subversion der mit den Klischees verbundenen Zuschreibungen dient somit als Grundlage einer Identitätsbildung, die nicht mehr die Nationalität, sondern das Menschliche in den Vordergrund stellt.

Quelle: www.onalim.it
Zanko
Quelle: Wikimedia.org
„Sangue misto“: Amir Issaa

Identitätsbildung als „sangue misto“: Amir

Der in Rom geborene Rapper und Breakdancer Amir Issaa wurde innerhalb der italienischen Hip Hop-Szene zunächst als Breakdancer bekannt. Seine Leidenschaft für den Rap entdeckte er erst mit 18 Jahren und avancierte in den letzten sieben Jahren zu den bekanntesten und populärsten Rap-Künstlern Italiens. Als Sohn eines Ägypters und einer Italienerin, verarbeitet er in seinen Texten seine persönlichen Alltagserfahrungen als „sangue misto“ innerhalb einer Gesellschaft, die ihm seine Zugehörigkeit aufgrund seines „Andersseins“ abspricht:

E non pensavo che finisse così/ dal giorno che ho messo piede qui/ Sto lottando, e non mangio, se abbasso il mio sguardo/ La mia pelle mi ricorda chi sono, un bastardo con qualcosa di nuovo/ Sto lottando e questo affanno mi da la forza per farlo. (Amir 2012: „La mia pelle“, auf: Grandezza naturale)

Die durch seine Hautfarbe hervorgerufene ethnische Stigmatisierung, die Entfremdung, lassen seine Existenz innerhalb einer weißen Mehrheitsgesellschaft zu einem anhaltenden Konflikt werden, dem er durch die Rückbesinnung auf seine väterlichen Wurzeln zu begegnen versucht:

Quando incrocio le mie mani lo faccio per pregare, il mio pensiero va alle vite in bilico là in alto mare./ E se sono qua io ringrazio mio padre che ha lasciato tutto e ha trovato il coraggio per scappare./ Io figlio delle ambizioni della vita, scrivo su questa panchina. (ebd.)

Die Schwierigkeiten der personalen Identitätsbildung innerhalb eines Gesellschaftskörpers, der sich durch ethnische Homogenität konstituiert, werden durch die positive Beurteilung der Geschichte und Handlungsweise des Vaters kompensiert. Es dient als Vorbild der eigenen Identität und liefert die Grundlage einer Existenz, für die es sich zu kämpfen lohnt. Diese Strategie der Identitätsbildung führt schließlich zu einer Aufwertung der eigenen Persönlichkeit und verkehrt das ethnische Stigma zu einem positiv besetzten Merkmal:

E vado in giro con la faccia di chi non ha più paura, sono un uomo con tutto il mondo chiuso in queste quattro mura/.../ Di lottare non ho smesso mai un minuto, ho i segni addosso di ogni dramma che ho vissuto. La mia pelle non la venderò a nessuno e mi ricorda tutti i giorni che sono il numero uno! (ebd.)

Rap nimmt hier eine selbsttherapeutische Funktion an (cf. hierzu Kimminich 2009), die auch von Amir selbst als solche beschrieben wird: „Quando scrivo queste frasi, è come terapia, è un uomo che si sente libero scrivendo una poesia“ (Amir 2012: „La mia pelle“, auf: Grandezza naturale).

Mithilfe des Rap können also Negativerfahrungen innerhalb der Gesellschaft verarbeitet und Möglichkeiten eröffnet werden, die eigne Identität neu zu bewerten. Das Verfassen der Songtexte hat dabei eine wichtige Rolle: Es dient der Bewusstseinsmachung, verhilft dem Subjekt rassistische Zuschreibungen abzuweisen und sein Selbstwertgefühl zu stärken.

In seinem Song Caro Presidente macht Amir auf jenen institutionellen Rassismus aufmerksam, von dem aktuell mehr als 600.000 Personen in Italien betroffen sind: die Verleihung der italienischen Staatsbürgerschaft, die auf der Abstammung basiert. Obwohl Amir aufgrund seiner italienischen Mutter die italienische Staatsbürgerschaft besitzt, setzt er sich für die Rechte junger Italiener mit Migrationshintergrund ein und fordert auch für Migranten der zweiten Generation die Staatsbürgerschaft, die aufgrund des Geburtsorts verliehen werden solle. Denn wenngleich sich die in Italien geborenen und aufgewachsenen Kinder von Migranten sowohl sprachlich als auch kulturell als Italiener fühlen, erhalten sie nach italienischem Recht erst mit dem 18. Lebensjahr die Möglichkeit, die italienische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Bis dahin sind sie verpflichtet, das vom Staat gebilligte Aufenthaltsrecht regelmäßig zu erneuern.  Caro Presidente ist das Resultat einer von Amir im Dezember 2012 gestarteten Online-Petition für die Ablösung des ius sanguinis durch das ius solis (Petition: http://www.change.org/it/petizioni/presidente-nel-suo-discorso-di-fine-anno-parli-di-noi-figli-di-stranieri-nati-e-cresc...). In seinem Petitionstext appelliert er an Italiens Präsidenten Giorgio Napolitano, der ein Befürworter dieser Ablösung ist, während seiner Jahresabschlussrede auf die Wichtigkeit dieser Gesetzesänderung hinzuweisen. Der zweiten Generation müsse endlich auch per Gesetz eine italienische Identität zugesprochen werden, um die Kluft zwischen ihrer Selbstwahrnehmung und dem rechtlichem Status dieser jungen Italiener zu beseitigen.

Bis kurz vor Ausstrahlung der Rede Napolitanos unterzeichneten über 10.000 Personen die Petition und das eigens dafür produzierte Video zu Caro Presidente erhielt mehr als 15.000 Klicks. Nicht zuletzt waren es der mahnende, als direkte Ansprache an den Präsidenten verfasste Wortlaut des Songs, der zu einer hohen Beteiligung der Petition führte und Napolitano dazu brachte, sich in seiner Jahresabschlussrede tatsächlich für die Änderung des Staatsangehörigkeitsgesetzes auszusprechen:

Caro Presidente, più di mezzo milione di persone, che vivono nascoste stranieri in questa nazione/ Ci sta Daniel, ci sta Amir c'è Simone/ Vogliamo i nostri diritti non chiediamo un favore/ Ci nasci, ci cresci, la ami, la vivi/ A diciotto costretti a fuggire come clandestini/ L'Italia è più bella insieme a tutti i miei amici Africani Orientali Cinesi e Filippini/ Il futuro è adesso/ Questa è la realtà/ Andate a guardare nelle scuole o nelle università e se l'Italia è in Europa come Londra e Parigi/ Stesso sangue scorre dal Po fino al Tamigi/ Ius solis, ius sanguinis non fa differenza/ Parlo di esseri umani che usano l'intelligenza/ Caro presidente, una mano sulla coscienza se la sfida/ È il futuro, abbiamo perso in partenza/ Caro presidente, l'Italia con noi migliora cittadinanza adesso come nel resto d'Europa/ Caro presidente, l'Italia con noi è più bella/ Siamo tutti coinvolti ogni uomo su questa terra/ Caro presidente. (Amir 2012: „Caro Presidente“)

Fazit

Rassismus steht nicht immer im Zusammenhang mit körperlicher oder verbaler Gewalt. Als gesellschaftlicher Apparat begriffen definiert Rassismus eine bestimmte Gruppe zu Fremden um und verwehrt ihr durch Ausgrenzungsmechanismen ein gleichberechtigtes Dasein. Für die Betroffenen bedeutete dies zunächst die Erfahrung einer Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung, die sich durch Diskriminierungen des Alltagsrassismus vertieft und die eigene Identitätsbildung erschwert. Die Thematisierung von Rassismus und persönlichen Rassismuserfahrungen in Songtexten von Rappern mit Migrationshintergrund eröffnet die Möglichkeit auf rassistische Situationen zu reagieren und „Entfremdung“, „Verweisung“ und „Entantwortung“ zu verarbeiten. Dabei kann die eigene Identität neu bewertet, ein positives Selbstbild hergestellt und Raum für alternative Formen der Identitätsbildung geschaffen werden.

Quelle: Wikimedia.org
„Sangue misto“: Amir Issaa

Quellen:

  • Commissioner for Human Rights: Report by Thomas Hammarberg, Commissioner for Human Rights of the Council of Europe, following his visit to Italy on 13-15 January 2009. Online verfügbarunter unter: wcd.coe.int/com.instranet.InstraServlet. (letzter Zugriff am 01.11.2013)
  • Einaudi, Luca: Le politiche dell’immigrazione in Italia dall’unità a oggi. Roma: GLF Ed. Laterza 2007.
  • Human Rights Watch: L’intolleranza quotidiana. Rapporto sulla Violenza razzista e xenofoba in Italia 2011. Online verfügbar unter: www.hrw.org/sites/default/files/reports/italy0311itWebUseThisOne.pdf (letzter Zugriff am 01.11.2013)
  • Kimminich, Eva: „Das therapeutische Potenzial der Hip Hop-Kultur.“ In: Nahlah, Saimeh (Hrsg.): Motivation und Widerstand-Herausforderungen im Maßregelvollzug. Materialien der 24. Eickelborner Fachtagung zu Fragen der Forensischen Psychiatrie, 4 bis 6. März 2009, 339-3350.
  • Kimminich, Eva: „Citoyen oder Fremder? Ausgrenzung und kulturelle Autonomie in der französischen banlieue.“ In: Archiv für Sozialgeschichte, Bd. 46: Integration und Fragmentierung in der europäischen Stadt. Bonn: J.H.W. Dietz Nachf. 2006, 505-538.
  • Kimminich, Eva: „Rap: More than Words. Eine Zwischenbilanz: 3 Jahrzehnte Hip Hop – 3 Jahrzehnte Hip Hop-Forschung.“ In: Dies. (Hrsg.): Rap: More Than Words. Frankfurt am Main: Peter Lang 2004, VII-XXVI.
  • Kimminich, Eva (2001): „Black Barbie & Co. Migrations- und Rassimuserfahrungen in Songtexten französischer Rapperinnen.“ In: Freiburger Geschlechterstudien, 25: Migration, Mobilität, Geschlecht, 2001, 75-92.
  • Naletto, Grazia (Hrsg.): Rapporto sul razzismo in Italia. Rom: manifestolibri srl 2009.
  • Pacoda, Pierfrancesco: Hip Hop Italiano. Suoni, parole e scenari del Posse power. Torino: Einaudi 2000.
  • Terkessidis, Mark: Die Banalität des Rassismus. Migranten der zweiten Generation entwickeln eine neue Perspektive. Bielefeld: transcript Verlag 2004.
Author Ariana Neves
Period Dezember 2013

Phänomene

Rap