Oskar de Felice

Foto Oskar de Felice

Head of Legal Product

beim Legal Tech Unternehmen Flightright

 

Was haben Sie studiert?

Ich habe Jura studiert und beide Staatsexamina abgelegt. Im Schwerpunkt hatte ich mich auf Völker- und Europarecht fokussiert.

 

Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen? Haben Sie sich bewusst auf Legal Tech spezialisiert?

Ich war schon immer technikaffin, aber im Studium war Legal Tech für mich noch kein präsentes Thema. Es war dann ein sehr glücklicher Zufall, dass ich bei Flightright gelandet bin.

Anfangs habe ich mich noch klar als Inhouse-Jurist gesehen. Es hat aber nicht lange gedauert, bis ich gemerkt habe, dass meine Fähigkeit an der Schnittstelle von Recht und Technik zu arbeiten für unser Team und für mich einen echten Mehrwert erzeugt.

 

Welche drei Sachen haben Sie auf der Arbeit zuletzt erledigt?

Ich leite ein kleines Team aus Jurist:innen und einem Projektmanager, weshalb ein wesentlicher Teil meiner Arbeit durch Teamführung geprägt ist. Zuletzt habe ich unsere Quartalsziele vorbereitet. In den nächsten drei Monaten möchten wir unter anderem unser rechtliches Controlling verbessern.

Ich selbst arbeite gerade hauptsächlich an der Entwicklung eines neuen Produkts. Dafür tausche ich mich regelmäßig mit den Entwickler:innen zum Status Quo aus. Wir diskutieren häufig, ob eine Herausforderung eher technisch oder rechtlich gelöst werden sollte. Bei einer Frage zur Risikominimierung bei Vertragsschluss haben wir uns z.B. für die Struktur einer invitatio ad offerendum entschieden; das war mit weniger technischem Aufwand realisierbar, aber nun müssen die Jurist:innen die AGB und internen Prozesse anpassen.

Zuletzt habe ich noch einen Vortrag für eine Richtertagung vorbereitet, bei der wir der Richterschaft den Einsatz unserer Algorithmen näherbringen.

 

Arbeiten Sie in Ihrem Beruf viel im Team oder eher für sich alleine?

Ich arbeite fast ausschließlich im Team. Da unsere Arbeit sehr projektgeprägt ist, arbeiten wir in unterschiedlichen Zusammensetzungen. Fast immer sind Projektmanager:innen, Programmierer:innen und Operations Mitarbeiter:innen dabei. Wenn es um Risikobewertungen geht, arbeiten wir eng mit der Finanzabteilung zusammen und bei großen Verfahren unterstützt uns die PR-Abteilung dabei, unsere Ziele öffentlich zu kommunizieren.

 

                                                    „Wir diskutieren häufig, ob eine Herausforderung eher

                                                              technisch oder rechtlich gelöst werden sollte.“

 

Haben Sie eine klassische 40-Stunden-Woche?

Es ist schon etwas anderes als in einer Großkanzlei zu arbeiten. Lange Nächte und durchgearbeitete Wochenenden gibt es bei uns nicht. Aber wenn etwas fertig werden muss, bleibe ich auch mal länger. Dafür werde ich aber auch nicht schief angeguckt, wenn ich erst um 11:00 Uhr im Büro bin.

 

Wie weit muss Ihr technisches Verständnis reichen, um bei der Bearbeitung der Fälle mitzuwirken?

Für die rein juristische Arbeit braucht es kein technisches Verständnis. Unsere Fälle kommen aus dem Reiserechtsbereich und dort überwiegend aus dem Bereich der Fluggastrechteverordnung. Um dort materielle oder prozessuale Probleme zu bearbeiten, benötigt man kein technisches Wissen.

Da wir um die 80.000 Klagen gleichzeitig vor Gericht haben, darf man bei der Steuerung größerer Portfolios keine Angst vor Excel haben und auch ein bisschen die Mathekenntnisse aus der Mittelstufe wieder aktivieren.

 

Kommunizieren Sie viel mit IT-Spezialist*innen oder arbeiten Sie in rein rechtlichen Themengebieten?

Ich arbeite bei Flightright an der Schnittstelle von Jura und IT. Daher bin ich fast täglich mit IT-Spezialist:innen im Gespräch. Über die Zeit lernt man sehr gut eine gemeinsame Sprache zu  sprechen. Die IT-ler:innen müssen sich daran gewöhnen, nicht zu technisch zu werden und ich habe gelernt, wie man komplexe juristische Aussagen klar und einfach formuliert.

Bei Flightright habe ich auch gelernt, den Code der Entwickler:innen zumindest zu lesen und ein Gefühl zu bekommen, was programmiert wurde und wie komplex (oder einfach) die Anforderungen sind. Das hilft mir für die Zusammenarbeit mit den IT-ler:innen und bei der Planung unserer Anforderungen.

 

Wie läuft der Kontakt zu den Mandant*innen ab? Muss man sich das wie ein Callcenter vorstellen?

In der Abteilung in der ich arbeite haben wir haben kaum Kundenkontakt. Die Arbeit der Volljurist:innen bei Flightright ist voll und ganz darauf fokussiert, die Vielzahl der Fälle zu strukturieren und Strategien für Portfolios von mehreren tausend Fällen zu erarbeiten. Auch in den großen Musterverfahren, die uns immer wieder vor den BGH oder EuGH führen, haben wir wenig Kontakt zu den Kund:innen. Unsere Kund:innen erwarten von uns die Durchsetzung von Kleinstbeträgen und tragen kein Prozesskostenrisiko. Sie wollen ein Ergebnis sehen und geben die Umsetzung ganz in unsere Hände.

Selbstverständlich haben wir aber in einer Vielzahl von Fällen Nachfragen zum Sachverhalt oder müssen Vergleichsangebote besprechen. Diese Arbeit – wie auch die größte Menge der Einzelfallbearbeitung – wird von unseren Wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen und anderweitig juristisch ausgebildeten Kolleg:innen durchgeführt. Diese Arbeit überwache und steuere ich.

 

Wie viele der bearbeiteten Fälle landen tatsächlich vor Gericht?

Je nach Starrköpfigkeit der Airline gehen bis zu 2/3 der Fälle vor Gericht; es kommt immer wieder vor, dass Airlines pauschal alles ablehnen. Es gibt aber auch Airlines mit denen wir eine gute Arbeitsbeziehung haben und wirklich nur die rechtlich streitigen Fälle gerichtlich geltend gemacht werden müssen. In den letzten Jahren haben wir pro Jahr über 50.000 Fälle vor Gericht gebracht.

 

Dank Legal Tech ist es zum Beispiel für Flugreisende deutlich leichter geworden, Entschädigungsansprüche zu überprüfen und durchzusetzen. Hat dies aus Ihrer Sicht zu einer besseren rechtlichen Stellung von Verbraucher*innen geführt? Hat sich dadurch beispielsweise das Auftreten von Fluggesellschaften gegenüber geschädigten Fluggästen verändert?

Vor einigen Jahren haben Airlines noch alles darangesetzt, die Rechte von Passagieren komplett unter den Teppich zu kehren. Hier haben Fluggastrechte-Portale wie Flightright dafür gesorgt, dass das nun nicht mehr möglich ist. Bei den meisten Airlines herrscht aber weiterhin eine grundlegende Ablehnungshaltung. Wenn Passagiere ihre Rechte selbst einfordern, wird selten direkt bezahlt. Es scheint so, als ob es noch immer lukrativer ist, die Klagen abzuwarten, als sich direkt gegenüber den Fluggästen rechtskonform zu verhalten.

Diese Ablehnungshaltung hat insbesondere in der Corona Zeit noch einmal stark zugenommen. Es wird also spannend wie es sich entwickelt, wenn sich der Reiseverkehr wieder normalisiert.

 

Sehen Sie in Ihrem Tätigkeitsbereich auch gute Einstiegsmöglichkeiten für Bachelor of Laws-Absolvent*innen?

In der Einzelfallbearbeitung haben wir gute Erfahrungen mit LL.B. Absolvent:innen gemacht. Wenn dann auch noch technisches Interesse und die Lust auf Projektverantwortung dazu kommt, kann man bei Flightright mit einem LL.B. spannende Aufgaben übernehmen.

Gleichzeitig ist aber gerade bei kleineren und mittleren Unternehmen wie Flightright  Flexibilität gefragt. Als Volljurist kann man einfach mehr unterschiedliche Bereiche abdecken. Um mehr Optionen zu haben, würde ich Jura Studierenden daher immer empfehlen mindestens das erste Staatsexamen zu machen.

 

Ihre Tipps für Berufseinsteiger*innen?

Unbedingt Praktika und Ferien- oder Nebenjobs machen! Die ersten Erfahrungen im Umgang mit Kolleg:innen oder Aufgaben außerhalb der eigentlichen Kernkompetenzen sind das Zünglein an der Waage bei der Einstellungsentscheidung und machen den Berufseinstieg viel einfacher.

Wenn du eine Stelle im Legal Tech Bereich anstrebst, mach dir bewusst auf was du dich fokussierst. Ich empfehle als Jurist:in bei der Kernkompetenz Jura zu bleiben. Wer zu viel Fokus auf den Tech Part legt, wird bei der Arbeit nie Zeit für Jura auf hohem Niveau haben. Auf der anderen Seite wird es dir als Jurist:in einfach möglich sein, deine Wünsche an die Entwickler zu übermitteln. Hauptsache du hast eine Offenheit für die technische Komplexität und denkst gerne in „wenn-dann“ Sätzen.

 

Vielen Dank für die spannenden Einblicke in die Tätigkeit als Head of Legal Product, Oskar de Felice!

Das Interview wurde im Oktober 2021 geführt.


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