Dr. Alexander Knüttel

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Dr. Alexander Knüttel

Gründer und Geschäftsführer von AKmira optronics, einem Potsdamer Start-up im Bereich der Medizintechnik

 

Was machen Sie beruflich und was entwickelt Ihre Firma?

Ich bin Gründer und Geschäftsführer einer Firma, die Bauteile entwickelt, Scanner sozusagen, die in der Medizin für endoskopische Untersuchungen an unterschiedlichen Stellen des menschlichen Körpers eingesetzt werden können. Endoskope waren bisher so ausgestattet, dass sie zweidimensionale Bilder von den Körperstellen, in die sie eingeführt werden, erzeugen. In Zukunft möchte man das Ganze aber dreidimensional haben, also eine hohe Genauigkeit bei der Untersuchung erzielen. Um das zu erreichen, hat unsere Firma eine Kombination aus einem Endoskop mit einem 3D-Mikroskop entwickelt. Und das wird unser Produkt in wenigen Jahren ausmachen.

 

Wann haben Sie Ihre Firma gegründet, wie groß ist ihre Firma und aus Fachexpert*innen welcher Disziplinen besteht Ihr Team?

Die Firma habe ich Ende letzten Jahres (Anm. der Red.: Ende 2020) gegründet. Derzeit bestehen wir aus einem Team von vier Personen. Das Team soll aber auf eine Größe von bis zu neun oder zehn Personen aufgebaut werden. Wir sind also ein typisches Start-up-Unternehmen.

Unser Projekt umfasst verschiedene technische Disziplinen: Optik, Elektronik, FPGA-Programmierung (also extrem schnelle Bausteine, mit denen Hardware programmiert werden kann), GPU-Programmierung (also Grafikkarten) und PC-Programmierung. Derzeit sind wir ganz besonders auf der Suche nach Software-Programmierer*innen, CPU- und GPU-Programmierer*innen.

 

Was haben Sie studiert? Haben Sie sich bereits im Studium auf Optik spezialisiert? 

Ich bin Physiker. Im Studium habe ich mich noch nicht auf die Optik spezialisiert, sondern viel im Bereich der Kernspinntomografie/ MRI gemacht. Darin habe ich auch promoviert. Während meines Postdoc-Aufenthalts in den USA bin ich dann in die Optik gewechselt.

 

Wie läuft so eine Produktentwicklung ab? Worauf kommt es dabei an?

So eine Entwicklung baut sich auf: Zunächst macht man sich theoretische Gedanken, dann simuliert man vielleicht etwas. Dafür gibt es schöne Simulationstools. Wenn wir jetzt für unseren Bereich reden, ist der nächste Schritt, die Entwicklung an einem optischen Tisch aufzubauen. Damit es zu einem Produkt wird, müssen die einzelnen Bestandteile über Konstruktionen zusammengefügt werden. Am optischen Tisch wird das Produkt zunächst in Groß aufgebaut. Das ist gar nicht so einfach. Das Produkt muss nämlich so geschaffen sein, dass es sich später leicht miniaturisieren lässt.

 

            „Es sind in etwa 30 % Ideenreichtum und 70 % harte Arbeit und Ausdauer,

          die man an den Tag legen muss, damit das Produkt am Ende funktioniert.“

 

Ist bei einer Produktentwicklung im Grunde ständig Erfindungsgeist und Kreativität gefragt?

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, eine Entwicklung ist nicht nur eine Aneinanderreihung von Ideen, die dann automatisch zu einem Produkt führt. Es sind in etwa 30 % Ideenreichtum und 70 % harte Arbeit und Ausdauer, die man an den Tag legen muss, damit das Produkt am Ende funktioniert. Am Anfang stehen natürlich die Ideen. Das ist klar. Ohne Ideen entwickelt man keine neuen Produkte. Entwickler*innen sind aber keine „Daniel Düsentriebs“, die ständig etwas erfinden. Man muss sich mit den einzelnen Prozessen einer Entwicklung intensiv beschäftigen, damit ein Resultat entsteht. Ich habe in meinem Leben schon 23 Patente erteilt bekommen und zwei weitere sind in Anmeldung. Darauf bin ich schon sehr stolz. Die Umsetzung der Ideen war dann aber immer die eigentliche Arbeit.

 

Lernt man das Umsetzen von Ideen bereits im Studium oder ist das Learning by Doing?

Ich würde sagen, das ist im Grunde alles Learning by Doing. Für mich stellte das Studium, ähnlich wie die Schule, die Berechtigung dar, dass ich etwas machen kann. Auf jeden Fall wurde ich im Studium an verschiedene Themen herangeführt und habe mich auf einen Bereich spezialisiert und das war eine große Hilfe. Die Kreativität und die Ausdauer für die Entwicklung lernt man aber nicht unbedingt im Studium. Erst in der Praxis habe ich wichtige Erfahrungen gesammelt und mich richtig entfaltet. Ich habe zum Beispiel nach dem Studium gelernt, dass die Dinge im Grunde erst einmal nicht funktionieren, wie man sie sich überlegt und dass man erst Zug um Zug zum Erfolg kommt.

 

Wie entwickelt man ein gutes Produkt, das auch im Alltag gut anwendbar ist?

Das hängt davon ab, wie lange Sie schon im Geschäft sind. Mit Medizintechnik beschäftige ich mich schon mein halbes Leben. Ich habe gelernt wie Ärzt*innen ticken, was sie brauchen und wollen. Ich habe aber auch gelernt, was ich kann und was ich nicht kann, was ich will und nicht will. Der Bereich Medizintechnik ist sehr breit gefächert. Es ist unmöglich hier alles zu wissen, alle Anwendungen, die Software-Zertifizierungen etc. Hilfreich ist in meiner Arbeit aber ein großes Netzwerk, in dem ich bei konkreten Fragen Ansprechpartner*innen finde. Das nötige Wissen für die eigene Entwicklung kann man sich so peu à peu aneignen.

Auch ist mir aufgefallen, dass in Medizintechnik-Studiengängen hauptsächlich Generalist*innen ausgebildet werden. Ich lege aber viel mehr Wert auf Expert*innen aus den klassischen Ausbildungsbereichen, wie Optik, Elektronik, Physik und Programmierung. Medizintechnik ist so breitgefächert. Man kann nicht in jede Richtung gehen.

 

Wie halten Sie sich mit dem nötigen Wissen aus der Medizin auf dem Laufenden? Haben sie direkten Kontakt mit den Mediziner*innen?

Man muss immer Kontakt zu den Endkund*innen haben. Auf jeden Fall. Gerade als neu gegründetes Start-up braucht es diesen engen Kontakt, beispielsweise, wenn es um das Design des Produktes oder des Gerätes geht, die Handhabung usw. Die Erfahrungen und Wünsche der Kund*innen muss man sich zu Herzen nehmen und sich auch hier das entsprechende Wissen aneignen. Wir sind keine medizinischen Expert*innen und das müssen wir auch nicht sein. In erster Linie bin ich Physiker, der endoskopische Scanner baut, die Ärzt*innen in Zukunft verwenden. Das Wissen für meine Arbeit aus dem medizinischen Bereich kann ich mir durch die Kontakte mit dem medizinischen Fachpersonal aneignen.

 

Was sind Ihre Aufgaben als CEO Ihrer Firma? Wofür sind Sie tagtäglich verantwortlich?

Da wir noch sehr am Anfang sind, geht es jetzt erst einmal darum das Projekt aufzusetzen und das ist ein Prozess, der nicht über Nacht beendet ist. Das involviert Investor*innengespräche, Administration, auch so Profanes, wie z. B. die Auseinandersetzung mit Server-Strukturen und ähnliches. Auch muss ich neue Mitarbeiter*innen einarbeiten. Derzeit bin ich am Rekruten, eine ziemliche Highlight-Aufgabe für mich. So ein Projekt steht und fällt ja mit dem Team. Ich habe die Ideen, brauche aber gute Leute, die sie mit mir umsetzen. Wir sind ja ein High-Potential-Start-up.

Darüber hinaus muss ich in meinem Netzwerk agieren, Kooperationspartner*innen suchen, denn alles können wir nicht selber machen und ich muss den Kontakt zu den Mediziner*innen halten.

 

War es für Sie schon im Studium klar, dass sie gründen wollen?

Nein, das kam erst später. Während meiner Postdoc-Phase in den USA habe ich den US-amerikanischen Entrepreneurship-Spirit kennengelernt und das hat mir gefallen. Das wollte ich dann auch machen. Nachdem ich zwei, drei Jahre wieder in Deutschland war, habe ich mein erstes Start-up gegründet.

 

Haben Sie dann einfach losgelegt oder mussten Sie sich erst dazu weiterbilden, wie man eine Firma gründet?

Auch hier lernt man am besten wieder durch Learning by Doing. Ich habe IHK-Kurse zum Thema Gründung besucht. Allerdings muss ich sagen, dass ich am meisten gelernt habe, wenn ich mich mit Leuten unterhalten habe oder eigene Erfahrungen sammelte. Allein durch Kurse lernt man’s nicht. Sie müssen aus Fehlern lernen. Das bleibt Ihnen leider nicht erspart. Auch brauchen Sie eine hohe Motivation und ein sehr gutes Durchhaltevermögen. Man muss durch Wände gehen wollen und letztendlich durch sie gehen.

 

Wie gehen Sie mit Rückschlägen um, wenn Sie nicht durch Wände gehen können?

Am Ende geht es um Persistenz, d. h. auch in schwierigen Zeiten, so wie jetzt in der Corona-Krise, durchhalten. Rückschläge begleiten einen ein Leben lang. Das bedeutet, in Krisen auch vor viel harter Arbeit und langen Arbeitstagen nicht zurückschrecken, sondern durchhalten und Tag für Tag alles geben. Auch Glück gehört dazu, aber eben nicht nur.  

 

Wie schnelllebig ist Ihr Bereich? Haben Sie einen hohen Konkurrenzdruck?

Derzeit ist der Konkurrenzdruck noch nicht so hoch. Jetzt geht es vor allem darum möglichst viel Kraft für die Projektidee aufzubringen. Das ist sehr herausfordernd. Es geht zum Beispiel darum mit technischen Rückschlägen umzugehen.

 

Welche drei Sachen haben Sie auf der Arbeit zuletzt erledigt?

  1. Ich habe Investor*innengespräche geführt. Das ist für den Aufbau eines Start-up-Unternehmens notwendig und begleitet mich ständig.
  2. Außerdem bin ich dabei die Gewerberäume mitaufzusetzen, die Einrichtung zu organisieren usw.
  3. Vor allem beschäftigt mich gerade aber die Suche nach Kandidat*innen für das Team.

 

Was begeistert Sie an Ihrem Beruf?

Mein Beruf ist sehr abwechslungsreich. Ich befasse mich mit neuen Ideen und gehe immer gern gedanklich spazieren. Ich bin Erfinder und etwas Neues auf den Weg zu bringen, begeistert mich sehr.

Das ist auch der Grund, weshalb ich nach Potsdam gezogen bin. Ich komme aus Mannheim und habe durch Recherchen erfahren, dass Brandenburg für technologische Neuerungen sehr aufgeschlossen ist. Das hat mich dazu gebracht, meinen Lebensmittelpunkt hierhin zu verlagern. Und Potsdam ist eine schöne Stadt, auch wenn das nicht der ausschlaggebende Punkt war, hierher zu kommen.

 

Ihre Tipps für Berufsinteressierte und -einsteiger*innen?

Der erste und wichtigste Rat, den ich weitergeben möchte: neugierig sein. Außerdem möchte ich dazu raten, sich selbst nie abhalten zu lassen, auch zum Beispiel in der aktuellen Krise nicht. Ich halte es hierbei wie Freddy Mercury: „The show must go on!“ - es geht immer weiter. Knien Sie sich rein und blenden Sie Umweltbedingungen, die derzeit nicht ideal sind, ein Stück weit aus! Es gibt in diesem Land sehr viel Potential. Ich möchte die Leute dazu ermutigen, ihr Wissen und ihre Kreativität einzusetzen.

 

Vielen Dank für die spannenden Einblicke in die Tätigkeit bei einem medizintechnischen Start-Up, Dr. Alexander Knüttel!


°Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften;