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Sebastian Baum

ist Geschäftsführer

der Unternehmensberatung ICB

 

Welche Ausbildung bringen Sie mit?

Ich habe eine Ausbildung zum Industriekaufmann und  im Anschluss sechs Monate Praktikum bei einem Tuchhändler in Paris gemacht. Von 1989–1992 folgte dann ein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Bergischen Universität Wuppertal mit Vordiplom II und im Anschluss das Hauptstudium der Betriebswirtschaftslehre an der THB Brandenburg von 1996–1998.

Wie sind Sie zu Ihrer Tätigkeit als Unternehmensberater gekommen?

Über 18 Jahre war ich in einem großen Textil- und Bekleidungsunternehmen bei einer uns eng verwandten Familie tätig. Zunächst lernte ich alle Bereiche des Unternehmens in Berlin und Wuppertal und schrittweise die Produktionsstätten in Tunesien und Griechenland kennen.  Ab 1986 führte ich ein von mir und einem Partner programmiertes Warenwirtschaftssystem in das Unternehmen ein.  Die Firmengruppe hatte etwa 2800 MitarbeiterInnen inkl. der sechs Produktionsbetriebe im Ausland. Mein Studium in Wuppertal verdiente ich mir mit einer eigenen Beratungsfirma für IT-Programmierung für verschiedene Textilbetriebe und der finanziellen Aufsicht und Erstellung der jährlichen Bilanz in Französisch als Verwaltungsratsmitglied und der Vorbereitung der Generalversammlung in La Marsa bei Tunis.
Die Firmengruppe kaufte immer wieder andere Unternehmen aus der DOB- Industrie auf und ich konnte bei der Integration der Unternehmen besonders die EDV mitgestalten und bekam auf diese Weise Zugang zu praktisch allen Bereichen des Mutterunternehmens.
Nach der Wende unterbrach ich mein Studium und ging nach dem Vordiplom 1992 nach Brandenburg/Havel, um dort für das Unternehmen den Aufbau einer Näherei mit 100 Näherinnen zu begleiten. Weitere Tätigkeiten waren die Beschaffung einer neuen Verbund-IT-Anlage für das Stammhaus in Wuppertal und die monatliche einwöchige Überwachung der Finanzen und Investitionen in den drei Betrieben in Nordgriechenland.
1996 beschloss ich dann, die Firmengruppe zu verlassen und mein Studium abzuschließen.

Welche Art von Unternehmen und Organisationen beraten Sie?

Ich berate Unternehmen in den folgenden Bereichen:

  1. Gründung, Unternehmensentwicklung und Unternehmensnachfolge
  2. Gründung: Development Center für Gründer, Beratung zur Geschäftsmodellentwicklung und Begleitung bis zur Finanzierung

Unternehmensentwicklung:
Krisenberatung und Begleitung bei der Restrukturierung sowie Vorbereitung des Verkaufs von Unternehmen für die Nachfolge. Vielfach sind die Unternehmen noch nicht verkaufsfähig und müssen zunächst wieder positive Ergebnisse erwirtschaften. In der Regel ist damit eine grundlegende Reorganisation in allen Unternehmensbereichen erforderlich.

Unternehmensnachfolge:
Die Unternehmensnachfolge unterscheidet zwischen der Übertragung an die Kinder oder an Mitarbeiter bzw. der Aufnahme eines Teilhabers gegen eine Beteiligung (MBI) mit dem Ziel, in einem späteren Schritt die restlichen Anteile an den MBI-Kandidaten zu veräußern. Eine weitere Möglichkeit ist der Komplettverkauf an einen Nachfolger in einem Schritt mit einer Übergangsphase des Altunternehmers als Berater.

Welche Projekte bearbeiten Sie aktuell und welche Aufgaben fallen dabei konkret an?

Ich berate einen größeren Motorradhändler im Berliner Umland und kenne ihn bereits seit fast zehn Jahren als Kunde. Das Geschäft hat sich sehr gut entwickelt. Bei steigenden Umsätzen ist es erforderlich, den Fahrzeugbestand zu erhöhen. Das Unternehmen benötigt dafür höhere Finanzmittel für die Vorfinanzierung der Fahrzeuge.

Zuletzt erledigte Aufgaben:

  1. Gründliche Bestandsaufnahme aller Zahlen (Bilanzvergleich der letzten drei Jahre, um die Unternehmensentwicklung nachzuvollziehen)
  2. Vorgespräche mit der Hausbank und der Bürgschaftsbank im Hinblick auf eine Erweiterungsfinanzierung für die ansteigenden Warenvorräte
  3. Zuletzt Aufbau einer dreijährigen Finanzplanung mit dem Unternehmer; bestehend aus Absatzplanung, Gewinn- und Verlustrechnung und Liquiditätsplanung

Wie planen Sie ein Beratungsprojekt? Gibt es bestimmte typische Prozessschritte?

Die Abläufe bei meinen drei Beratungsfeldern sind in der Regel ähnlich, aber nie gleich. Ich verwende dazu eigene Excel-Tabellen und Word-Vorlagen und bei der Nachfolge Checklisten und Fragebögen, die Grundsätzliches erheben. Begleitend habe ich ein Qualitätsmanagement, um im Nachgang zu einer Beratung die Zufriedenheit meiner Beratungstätigkeit bei meinen Kunden abzufragen.

Arbeiten Sie als Unternehmensberater im Team?

Je nach Fall arbeite ich im Team.

Ist Unternehmensberatung nur etwas für Wirtschaftswissenschaftler*innnen?

Nein, ich arbeite mit einer Diplom-Psychologin (ehem. Uni Potsdam), einer promovierten Informatikerin und einem promovierten Humangeographen der Potsdamer Universität fallweise zusammen. 

Spezialist*in oder Generalist*in – welche Kompetenzen werden im Consulting gebraucht?

Ich profitiere von einem breiten Erfahrungsspektrum, welches ich mir in 18 Jahren in der Textilindustrie aufbauen konnte. Ich konnte während dieser Zeit vieles lernen und habe auch Schwierigkeiten bei den einzelnen Unternehmen erlebt. Dadurch kann ich mich immer wieder schnell in neuen Unternehmen zurechtfinden. In meiner Berufszeit konnte ich die kaufmännischen Aufgaben sehr gut mit den technischen Prozessen der Herstellung und Produktion verbinden.

Stimmt das Klischee von der 80-Stunden-Woche? Wie sieht es mit der Work-Life-Balance aus?

Ich halte es für sehr wichtig, einen guten Ausgleich zu der Tätigkeit in der Beratung zu haben. Trotzdem gibt es Zeiten, in denen man mehr arbeiten muss, weil Projekte terminiert sind.

Haben Sie schon viele Unternehmen vor der Insolvenz gerettet?

Aufgrund der guten Konjunktur sind Insolvenzen im Moment stark rückläufig. Die Restrukturierung ist vor der Insolvenz gelagert; dabei habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht, wenn der Unternehmer dazu bereit ist.

Wie oft müssen Sie einem Unternehmen raten, Personal zu entlassen?

Im Moment überhaupt nicht.

Verbringen Sie für die Beratung mehr Zeit am Schreibtisch oder unter Menschen?

Ich arbeite bevorzugt mehr unter Menschen. Die Beratung bringt aber gleichzeitig strukturierte Vorgänge mit sich, die am Schreibtisch erledigt werden müssen.

Was fordert Sie an Ihrer Tätigkeit heraus?

Immer neue, interessante und andere Menschen und deren Tätigkeiten, die mich begeistern.

Was finden Sie daran besonders spannend?

Die Gelegenheit, mich in viele verschiedene und teilweise auch komplexe Situationen hineinzudenken. Dabei geht es immer um die Suche nach guten Lösungen für die Zukunft der betroffenen Personen und Unternehmen. Wenn es gelingt, freue ich mich umso mehr.

Ihre Tipps für Berufseinsteiger*innen?

Bleibt neugierig und nutzt alle Gelegenheiten, in die Betriebe und die Arbeitswelt zu schauen.