Stephanie Wittenburg

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Gleichstellungsbeauftragte

im Bezirksamt Pankow

Bildquelle: Pressestelle des Bezirksamts Pankow

 

Was haben Sie studiert und wie sind Sie Gleichstellungsbeauftragte für einen Berliner Bezirk geworden?

In den 1990er Jahren studierte ich Landschaftsplanung an der TU Berlin und war anschließend einige Jahre in der Landschaftsarchitektur und Gartendenkmalpflege tätig. 2007 ging ich zurück an meine Alma Mater und arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Lehre und Forschung am Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung.

2014 wurde ich vom Frauenbeirat meiner Fakultät zur Frauenbeauftragten gewählt - dies markierte meinen Einstieg in die institutionalisierte Gleichstellungsarbeit. Von meiner Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin wurde ich dafür zur Hälfte freigestellt. Darüber war ich sehr dankbar, denn die Tätigkeit als Frauenbeauftragte war sehr umfangreich. Ich begleitete zum Beispiel sehr viele Stellenbesetzungsverfahren - von der studentischen Hilfskraft bis zur Professur, erarbeitete mit der Fakultät einen Frauenförderplan, führte zahlreiche Beratungsgespräche durch und lernte die Fakultät dadurch sehr gut kennen. In dieser Zeit habe ich sehr viel gelernt, von dem ich auch heute noch zehren kann.

Zum Ende meiner Tätigkeit an der TU Berlin entschied ich mich bewusst dafür, im Gleichstellungsbereich zu bleiben. Daher ging ich 2017 als Referentin der zentralen Gleichstellungsbeauftragten an die Universität Potsdam. Dort blieb ich 2 Jahre, ein Jahr davon auch als stellvertretende zentrale Gleichstellungsbeauftragte. Anschließend war ich ein Jahr lang Leiterin der Geschäftsstelle des Berliner Chancengleichheitsprogramms bevor ich zum 1. Januar 2021 in das Bezirksamt Pankow wechselte und hier nun als Gleichstellungsbeauftragte angestellt bin.

Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich in Ihrer alltäglichen Arbeit?

Die Arbeit ist thematisch so vielfältig, dass kein Arbeitstag dem anderen gleicht. Sie reicht von der Neu- oder Umbenennung von Straßen und Plätzen nach Frauen über das sehr anspruchsvolle Thema häusliche Gewalt bis hin zur Umsetzung einer geschlechtergerechten Haushaltsführung im Bezirk. Auch die Verwaltung von bezirklichen Zuwendungen oder der Senatsverwaltungen stehen auf meiner Arbeitsagenda, des Weiteren die Weitergabe bei mir zusammenlaufender gleichstellungsrelevanter Informationen an die verschiedenen Bündnisse, Netzwerke und Einrichtungen im Bezirk.

Wo haben Sie Handlungsspielraum, wenn es um Gleichstellungsfragen im Bezirk Pankow geht?

Basierend auf den Reglungen des Berliner Landesgleichstellungsgesetzes setzen die bezirklichen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten den verfassungsrechtlichen Auftrag zur Gleichstellung und gleichberechtigten Teilhabe von Frauen und Männern in den Bezirken durch. Der damit einhergehende Handlungsspielraum ist vergleichsweise groß und äußert sich z.B. in der Weisungsungebundenheit, einem eigenen Öffentlichkeitsrecht oder der Möglichkeit, über das Bezirksamt Vorlagen mit frauenpolitischem Hintergrund zur Kenntnisnahme in die BVV einzubringen.

Gleichwohl braucht es für die Umsetzung von Projekten Mitstreiter*innen (gesellschaftlich relevante Gruppen und Akteur*innen, Behörden, Betriebe), die das Vorhaben unterstützen. In der Vergangenheit habe ich die positive Erfahrung gemacht, dass sich Menschen mit Offenheit, konstruktiven Vorschlägen und Kreativität für Vorhaben gewinnen lassen - unabhängig von der Größe des Handlungsspielraums.

Sind Sie in Ihrem Beruf eher eine Einzelkämpferin oder arbeiten Sie häufig mit anderen Menschen in Teams oder Allianzen zusammen?

Als Gleichstellungsbeauftragte arbeite ich mit vielen Kolleg*innen im Bezirksamt zusammen. Es sind Informationen auszutauschen, Rücksprachen und manchmal auch Rat einzuholen, Themen gemeinsam anzustoßen und umzusetzen. Eine gute Vernetzung ist sehr wichtig, denn die Expertise der Kolleg*innen ist häufig unverzichtbar, vor allem, wenn man neu in der Institution und im Team ist.

Ebenso wichtig wie die Vernetzung nach innen ist die nach außen: Hier baue ich auf das sehr aktive Netzwerk von Gleichstellungsakteur*innen im Bezirk Pankow auf, welches meine Vorgängerin über viele Jahre mit großem Engagement aufgebaut hat. In enger Zusammenarbeit mit dem Frauenbeirat Pankow, dem Arbeitskreis der Pankower Frauenprojekte, dem lokalen Bündnis für Familien, dem Netzwerk für Alleinerziehende in Pankow, der Fachgruppe ‚Bezirklicher Aktionsplan gegen häusliche Gewalt‘ setze ich mich täglich dafür ein, dass Gleichstellungsarbeit, so wie es das Berliner Landesgleichstellungsgesetz will, zu einer Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Frauen im Bezirk führt.

Eine wichtige Bedeutung kommt dem politischen Austausch auf Bezirksebene sowie dem fachlichen Austausch auf Landesebene zu: Ähnlich wie an Hochschulen treffen sich die bezirklichen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten einmal monatlich und finden sich v.a. zu gleichstellungspolitisch relevanten Fragen zusammen. Einmal jährlich veranstaltet die Landesarbeitsgemeinschaft einen Fachtag, zuletzt zum Thema: „Sorge- und Umgangsrecht nach häuslicher Gewalt im Kontext der Istanbul Konvention“.

Welche vier Sachen haben Sie auf der Arbeit zuletzt erledigt?

- die Vorbereitung einer Ausschusssitzung der Bezirksverordnetenversammlung
- die Aufhebung eines bestehenden Vertragsverhältnisses mit einer externen Arbeitnehmerin
- die Organisation einer alternativen Preisverleihung, die pandemiebedingt in Präsenz ausfallen muss
- die Abstimmung in einem Beratungsfall

Wie wichtig sind Weiterbildungen für Ihren Beruf? Was haben Sie erst in der Berufspraxis gelernt?

Das ist eine interessante Frage, da es keine Berufsausbildung oder kein Studium zur Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten gibt. Frauen, die sich auf dieses Wahlamt oder die Stelle bewerben, kommen aus allen möglichen Berufsfeldern und sind unterschiedlichen Alters, wenn sie diesen Weg einschlagen. Hinzu kommt: Die meisten Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten üben, da sie i.d.R. nicht weisungsgebunden sind, ihre Arbeit nach eigenem Ermessen sowie nach persönlicher Interessenlage und Ressourcensituation aus. Fachspezifische Weiterbildungen sind daher sinnvoll und wichtig; einen Markt hierfür gibt es, wenn auch keinen besonders großen. Ich würde daher behaupten, dass Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte ihr berufspraktisches Wissen erst in Ausübung ihrer Tätigkeit erlernen.

Auf welche Fähigkeiten und Charaktereigenschaften kommt es in Ihrem Beruf besonders an?

Wichtig ist die Fähigkeit, kontextual denken und auf querliegendes Institutionen-, Prozess- und Fachwissen rekurrieren zu können. Hilfreich ist auch die innere Bereitschaft, sich immer wieder in neue und durchaus komplexe Themengebiete einzuarbeiten und so einen interdisziplinären Wissensspeicher aufzubauen.

Die Tätigkeit einer Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten ist eine sehr kommunikative: Menschen wollen beraten und informiert werden, dies in Einzelgesprächen, Sitzungen oder auf Veranstaltungen. Frau sollte sich diesbezüglich über drei Aspekte bewusst sein: Zum einen, dass es ein Amt/eine Stelle in der ersten Reihe ist. Hier muss sie gewillt sein, sich und ihre Themen entsprechend zu präsentieren und manchmal auch mit Widerständen zu arbeiten. Zum anderen sollte sie in der in der Lage sein, die Menschen in ihren jeweiligen Lebens-, Arbeits- und Wissenssituationen inhaltlich abzuholen. Die Kenntnisse zu Themen wie Gleichstellung, Gleichberechtigung, Diskriminierung oder Diversität sind häufig sehr unterschiedlich ausgeprägt; manche Menschen hatten oder haben zu diesen Themen gar keine Beziehung. Hinzu kommt, dass sich Menschen häufig in vulnerablen Situationen an Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte wenden - hier ist ein wertschätzender, emphatischer Umgang und ein offenes Ohr, ohne zu überrennen, gefragt.
Proaktives Engagement sowie eine solidarische, feministische Grundagenda ist in dem Beruf meines Erachtens nach auch unabdingbar.

Können Sie uns von Ihrem letzten Erfolgserlebnis in Ihrer Arbeit berichten: Was konnten Sie durchsetzen bzw. woran konnten Sie erfolgreich mitwirken?

Mir ist es gelungen, Akteur*innen für ein Thema zu gewinnen, für das sich in der Vergangenheit niemand zuständig fühlte und bei dem Verantwortlichkeiten immer wieder zurückgewiesen wurden. Die AG-Sitzungen werden zudem von einer externen Fachexpertin begleitet, deren Finanzierung auf meinem erfolgreichen Drittmittelantrag basiert.

Mussten Sie schon einmal unliebsame Kompromisse mittragen?

Da noch relativ neu auf meiner jetzigen Stelle: nein.

In meiner beruflichen Vergangenheit bin ich jedoch schon einige Kompromisse eingegangen. Diese würde ich jedoch nicht als unliebsam, sondern als partiellen Gewinn für beide Seiten bezeichnen. Dieser Gewinn wiederum kann ein Trittstein für die nächste Verhandlung sein - ein Kompromiss ergibt sich nicht immer unmittelbar, sondern manchmal über mehrere Stufen über einen längeren Zeitraum. Das mag manchmal hinderlich erscheinen, aber dieses Tänzeln um Positionen trägt am Ende zu einer gewissen Klarheit auf beiden Seiten bei, im Sinne von: Was wollen wir? Was ist uns wichtig? Was sind wir bereit zu tun? Im besten Fall verbessert sich dadurch die Ausgangssituation, von der man ursprünglich gestartet ist und wenn nicht, gibt es immer auch weitere Möglichkeiten, die Dinge neu zu justieren.

Was begeistert Sie an Ihrem Beruf?

Frauen- oder Gleichstellungsbeauftragte zu sein ist mehr Berufung, als Beruf. Diejenigen Frauen, die sich für diesen Arbeitsbereich entscheiden, tun dies i.d.R. sehr bewusst. Die persönlichen Motive mögen sehr verschieden sein, aber es wird immer wieder deutlich, dass es einen unausgesprochenen feministischen Grundkonsens in der Gleichstellungsarbeit gibt. Jede Kollegin trägt auf ihre Art zur tatsächlichen Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft bei und baut damit existierende Barrieren und Ungerechtigkeiten ab - manchmal nur für eine Person, manchmal für eine ganze Gruppe. Es macht Freude und motiviert, Teil eines so wichtigen gesamtgesellschaftlichen Veränderungsprozesses zu sein.

Ihre Tipps für Berufsinteressierte und -einsteiger*innen:

Ein wichtiger Punkt ist, seinem Bauchgefühl zu folgen. Eine Tätigkeit, die keinen Spaß macht und in der man nicht aufgeht, muss und sollte man nicht bis zum Renteneintritt ausüben. Das ist natürlich nicht immer gleich von Anfang an klar; manchmal entwickeln und verändern sich Aufgaben auch. Eine gute Variante ist, sich ein Jahr Zeit zu geben. Hat man nach diesem Jahr das Gefühl, sicher zu sein, in dem was man tut, zudem Spaß an der Arbeit, ein gutes Kollegium und die Option, sich beruflich weiterzuentwickeln, sollte man bleiben. Wenn einen später das Gefühl ereilt, doch gehen zu müssen, sollte dabei nicht die Angst vor dem Weggang, sondern die Perspektive auf ein neues berufliches Kapitel dominieren, denn worauf sich jede*r verlassen kann, ist das im Laufe der Zeit erworbene Wissen und die damit verbundene Fachexpertise. Trust yourself!

Wichtig ist auch, im Arbeitsleben an seiner Resilienz zu arbeiten, gut mit seinen persönlichen Reserven zu haushalten und auch mal Nein zu sagen, sollte die Belastung zu hoch werden. Eine professionelle Begleitung des Arbeitslebens, z.B. durch Supervision, kann dabei helfen, sich hier entsprechend auszurichten.

Egal, in welchem Berufsfeld eine Person tätig wird/ist: die Aneignung von Gender-, Diversity- und interkulturellen Kompetenzen ist immer zu empfehlen! Die hier erlernten Kompetenzen können Sie als Multiplikator*innen in die Arbeitswelt hineintragen und damit zu einer Verbesserung eben dieser beitragen.