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Ein gutes Rezept – Wie Malte Teichmann wissenschaftliches Arbeiten beim Bierbrauen vermitteln will

Was hat Bierbrauen mit wissenschaftlichem Arbeiten zu tun? Viel, findet Malte Teichmann. Der Wirtschaftsinformatiker bietet ab 2026 ein Seminar an, in dem man beides lernen soll: wie ein gutes Bier entsteht und was man braucht, um von der Forschungsfrage zum -ergebnis zu kommen. Und im besten Fall feiern die Studierenden ihren Erfolg am Ende mit einem Scientific Braufest – im neuen Braukeller in der Digitalvilla der Universität Potsdam in Griebnitzsee.

Ein gutes Bier braucht nicht viel. Das deutsche Reinheitsgebot schreibt genau vier Zutaten vor: Wasser, Hopfen, Hefe und Malz. Und doch kann der Brauprozess so unterschiedlich sein, dass es allein in Deutschland rund 5.000 bis 6.000 Biersorten gibt. Und jeden Tag kommt eine neue hinzu. Ihren unverwechselbaren Geschmack erhält jede von ihnen durch die Arbeitsschritte, über deren Einhaltung die Brauereien streng wachen: mälzen und schroten, maischen und läutern. Anschließend Würze kochen, ruhen und nachgären, ehe filtriert und abgefüllt wird. Von der Auswahl der Zutaten bis zur Dauer der Ruhephasen ist alles aufeinander abgestimmt. Beim Bierbrauen kommt es auf das richtige Rezept und das Zusammenspiel bewährter Handgriffe an. Wie beim wissenschaftlichen Arbeiten, fand Malte Teichmann und beschloss, etwas Neues auszuprobieren: ein Seminar, in dem sich diese Erkenntnis ganz handfest erfahren und vermitteln lässt. „In der Wirtschaftsinformatik stellen wir immer wieder fest, dass unsere Absolventinnen und Absolventen sehr gut auf die Praxis vorbereitet sind. Nicht wenige werden direkt nach dem Abschluss von Firmen angeworben. Sie ziehen los, im Gepäck umfangreiche Spezialqualifikationen – nur die Grundfähigkeiten des wissenschaftlichen Arbeitens sind ausbaufähig.“ Wie definiert man eine eigene Forschungsfrage? Wie funktioniert eine umfassende Literaturrecherche? Wie ist eine wissenschaftliche Arbeit aufgebaut und wie wird richtig zitiert? Die Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens, die alle Studierenden an einer Universität schon in den ersten Semestern lernen sollten, haben es Malte Teichmann besonders angetan. „Diese Scientific Hard Skills und Research Competencies wollen wir in unserem Seminar vermitteln. Und zwar Schritt für Schritt entlang des Bierbrauens.“

Braukeller für alle Disziplinen 

Dafür hat Malte Teichmann mit seinem Team in der Digitalvilla in Potsdam-Babelsberg mit einer Freiraum-Förderung der Stiftung Innovation in der Hochschullehre einen Braukeller eingerichtet – mit vier Braukesseln, einem Kühlschrank, eigenem Leuchtschriftzug und großem Holztisch mit ebenso großem Bildschirm für Präsentationen. Am langen Eichentisch soll das Brauereikonzil tagen: die Versammlung der Studierenden, die im Wechselspiel Bierrezepturen und Forschungsdesigns diskutieren. So die Idee.

Das Seminar ist fächerübergreifend, da es um Kompetenzen geht, die in allen Disziplinen wichtig sind. Studierende der Kulturwissenschaften sind ebenso willkommen wie aus Biologie oder Informatik. Das Programm orientiert sich an den Schritten des Brauprozesses und ist in fünf Tage aufgeteilt: „Am ersten Tag lernen die Teilnehmenden die wichtigsten Basics kennen“, sagt der Wissenschaftler. „Wie sieht eine gute Forschungsfrage aus? Und was brauche ich, um ein Bier zu brauen?“ Anschließend haben alle zwei Wochen Zeit, sich Gedanken über ihr ganz eigenes Forschungsvorhaben zu machen, das sie im Seminar – beispielhaft – entwerfen und verfolgen wollen. Vorgaben gibt es nicht, entscheidend ist die eigene Motivation. An Tag zwei kommen alle wieder am Brautisch zusammen, stellen einander ihre ersten Ideen vor, diskutieren darüber, wo Fragen zu weit oder zu eng gefasst sind, erhalten wichtige Impulse dazu, welche weiteren Schritte sich anschließen. Und sie beginnen, Bier zu brauen. „Die Studierenden finden sich in vier Teams zusammen, die jeweils ein anderes Bier herstellen: ein Pils, ein Weizen, ein Lager- und ein Schwarzbier.“ Auch hier gilt: Schritt für Schritt vorgehen – Zutaten schroten, kochen, abziehen und am Ende des Tages in den Kühlschrank einlagern, wo das Gebräu fermentieren muss. Die folgende Woche nutzen die wissenschaftlich Brauenden zur ersten Datenbank- und Literaturrecherche, schärfen die Forschungsfrage am Quellenmaterial nach. Tag drei lenkt die Vorarbeiten in geordnete Bahnen: Im Konzil werden die Fragen ein letztes Mal besprochen, das gesichtete Material bewertet. Das Bier wird in Flaschen gefüllt und darf die folgenden vier Wochen im Kühlschrank ruhen – während die Köpfe rauchen und die Studierenden Literatur durcharbeiten, systematisieren und auswerten. „Am Tag vier stellen sie ihre ersten Ergebnisse dem kritischen Plenum vor“, so Teichmann. „Sie erhalten noch einmal Input zum wissenschaftlichen Schreiben, Zitieren und Strukturieren. Denn in den zwei Wochen danach formulieren sie ihre Erkenntnisse aus.“ Diese Arbeiten bringen die Studierenden dann zu Tag fünf mit: Der Vormittag ist der Präsentation der Ergebnisse vorbehalten, danach wird das fertige Bier „entkorkt“. „Dieses Finale wollen wir gern als Scientific Braufest organisieren, hochschuloffen, sodass die Studierenden allen Interessierten ihre Forschungsergebnisse vorstellen können – und ihr Bier zur Verkostung“, sagt Malte Teichmann. So profitiert die Hochschulöffentlichkeit in doppelter Hinsicht vom Forschungsinteresse der Studierenden.

Dass hinter dem wissenschaftlichen Braukeller ein gutes didaktisches Konzept steckt, belegt nicht zuletzt schon die Förderung durch die Stiftung Innovation in der Hochschullehre. Doch Malte Teichmann will das Seminar auch selbst wissenschaftlich evaluieren. Erste Veröffentlichungen dazu sind bereits fertig. Und wenn es nach ihm geht, endet die Öffnung des Braukellers nicht mit dem Braufest. „Wir wollen den Keller – und die Idee dahinter – irgendwann auch für die Stadtgesellschaft öffnen und weitere Formate entwickeln, bei denen wir Interessierte einladen, die wissen wollen, welche Rezepte hinter guter Forschung stecken.“

 

Weitere Informationen zum Projekt „Beer an Science“: https://lswi.de/forschung/forschungsprojekte/beer-and-science-uebers-brauen-und-wissenschaft