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Online-Reisetagebuch Afghanistan: Kabul, 22. September

Unterstützung für afghanische Verwaltungswissenschaften, Tag 1
Foto: Julka Jantz

Foto: Julka Jantz

Nach langen Vorbereitungen beginnt sie heute – unsere Rundreise zu vier Universitäten in Afghanistan, die wir seit 2012 beim Aufbau ihrer verwaltungswissenschaftlichen Bachelorstudiengänge unterstützen: Jalalabad, Herat, Kabul, Mazar-e-Sharif. Afghanistan braucht qualifiziertes Verwaltungspersonal, Eignung und Können sollen über Einstellung entscheiden, nicht die richtigen Kontakte. Vor der Abreise noch die erlösende Nachricht: Die beiden Präsidentschaftskandidaten Ashraf Ghani und Abdullah Abdullah haben sich nach vier Monaten auf eine neue Einheitsregierung für Afghanistan geeinigt, auf die alle gehofft hatten. Abdullah Abdullah, der schon bei den letzten Wahlen zugunsten von Hamid Karzai „verzichtet“ hat, war nicht bereit, ein zweites Mal zu unterliegen. Offizielle Wahlergebnisse werden wohl nicht mehr bekannt gegeben – gemunkelt wird von 46 Prozent zu 54 Prozent für Ghani nach den erneuten Auszählungen –, wichtig scheinen jetzt einzig der Konsens und die Hoffnung auf Stabilität. 

Milde 20 Grad empfangen Werner Jann und mich auf dem Flughafen Kabul. Der Flug über Istanbul mit einer riesigen Maschine landet pünktlich, wir bestaunen die Ansammlung militärischer Flugobjekte. In der Ankunftshalle werden wir spontan mit heimischen Datteln versorgt. Nach 13 Stunden Reise sind wir übermüdet und sehen offensichtlich auch so aus.

Mit Kollegen der Universität Freiberg, die Ausbildungsgänge im Bergbau und der Rohstoffgewinnung etablieren, laufen wir vorbei an überlebensgroßen Bildern des Volkshelden Massoud. Afghanistans Bodenschätze müssen erschlossen werden, ohne dass Korruption und Misswirtschaft das Land von den Gewinnen aus seinen Ressourcen abschneiden. Wir stimmen schnell überein, eine Zusammenarbeit „unserer“ Fakultäten ist wichtig. Weiter über den Parkplatz A – und Parkplatz B – hier wird man nur mit dem „RED-Plate“, dem Diplomatenkennzeichen vorgelassen. In diesen Genuss kommen wir heute nicht, also immer weiter durch die Sonne und vorbei an afghanischen Familien, die Heimkehrer mit grellgelb-pink-grünen Ketten empfangen, ein bisschen Farbe im Kabulstaub.

Endlich sammelt uns der gepanzerte Jeep des Dispatch ein. Ein lückenloses Sicherheitsmanagement, fragen wir uns etwas verwirrt.  Der Flughafen ist häufig Ziel von Attacken.

Auch unser Hotel gleicht einer Festung: Vor einigen Monaten hatten zwei Attentäter trotz Kontrollen im Restaurant etliche Gäste hingerichtet. Unser Gepäck und auch wir passieren drei Sicherheitsschleusen, X-Ray, Visitationen und Sprengstoffhunde. Der klimatisierte Luxus unserer Hotels und der kunstvolle Garten hinter dem kalten Beton, Stacheldraht und Panzerstahl entschädigen uns. Überall finden sich wunderschöne Oasen hinter den Mauern von Kabul. Der ganze Stolz ist die Rosenkultur. Wiedersehen mit Harald Fuhr und Thurid Hustedt, die schon seit einer Woche für ein anderes Projekt in Kabul interviewen: Wie kann die neue Regierung Strukturen und Prozesse umstrukturieren, für weniger Korruption sorgen, Löhne in den Verwaltungen etablieren, die nicht mehr mit Gebergeldern aufgestockt werden müssen, jungen Menschen die Chance geben, ohne die richtigen Kontakte eine Anstellung im öffentlichen Dienst zu bekommen? Die afghanische Bevölkerungspyramide steht nicht wie die deutsche auf dem Kopf: Jedes Jahr drängen Tausende von jungen Menschen an die Unis. Wie kann Afghanistan den jungen Akademikern später eine Zukunft bieten? Eine der brennenden Fragen, zu eng scheint der Zusammenhang zwischen Radikalisierung und Perspektivlosigkeit.

Auf dem Weg zum Projektbüro haben wir vier genug zu diskutieren. Wieder ein schöner Garten hinter Mauern, diesmal sogar mit einem gedeckten Mittagstisch im Schatten eines Granatapfelbaumes. Alle essen gemeinsam, zwei Köchinnen kommen kaum hinterher. Sehr viel später haben wir Vortragsthemen besprochen, sind alle zehn Reisetage mit Andreas Glodde, dem Büroleiter aus Mazar-e-Sharif, minutiös durchgegangen. Logistik und Sicherheit sind das A und O. Nummern des Sicherheitsmanagements müssen gespeichert werden, unsere Reisedaten im Sicherheitssystem werden eingegeben, wir bekommen afghanische SIM-Karten, damit wir immer erreichbar sind. Unsere Maße werden genommen, wir brauchen traditionelle Kleidung für unsere Reise nach Jalalabad am nächsten Morgen. Selber einkaufen dürfen wir nicht. Dann ist es vier Uhr, weiter in die GIZ Hauptzentrale. Dort sollen wir über die Entwicklungen in Afghanistan und neue Bestimmungen unterrichtet werden– sich an die Regeln zu halten, ist hier absolutes Muss.

Plötzlich geht gar nichts mehr: Der neue Präsident Ashraf Ghani hält eine Rede in einer Schule – die gesamte Innenstadt ist blockiert. Unser Sicherheitsbriefing werden wir wohl verpassen. Wir stehen eingekeilt zwischen Polizeiautos, Eselskarren, Fahrrädern und Panzerwagen im „Ring of Steel“, dem schwer gesicherten Innenstadtbereich Kabuls. Ein etwas mulmiges Gefühl, die Nähe von afghanischen Polizeijeeps und Militärfahrzeugen ist gefährlich. Niemand ist stärker von Anschlägen bedroht als die afghanischen Sicherheitskräfte. Jetzt einfach austeigen und zu Fuß weiter, das wäre schön. Nach einer Stunde ist der Spuk vorbei, wir erreichen die Zentrale. Was muss in einen „Running Bag“, wie verhält man sich bei Polizeikontrollen, warum soll nicht ohne Erlaubnis fotografiert werden?

Langsam schwirrt uns der Kopf, dazu die Höhenlage Kabuls. Wahrscheinlich haben wir in der trockenen Hitze auch zu wenig getrunken. Aber alles hat noch geklappt, beruhigt können wir zum Abendessen ins Hotel. Noch im letzten Jahr wären wir in eines der schönen gesicherten Restaurants und Kaffes gegangen – aber damit ist es vorbei seit dem Anschlag in einem bei Ausländern beliebten Restaurant. Eine afghanische Journalistin aus Deutschland hat mich mal als „Gefangene“ bezeichnet – nicht ganz zu Unrecht, wütend war ich trotzdem. Nicht selten müssen wir private Einladungen nach Hause aus Sicherheitsgründen absagen, das macht traurig. Aber viel wichtiger ist, dass wir weiter machen können mit unserem Projekt, und morgen sind wir das erste Mal in Jalalabad. Wir nehmen früh die kleine UNHAS-Maschine, die hauptsächlich Hilfsgüter transportiert – der Flug dauert nur 30 Minuten, aber die Straße Kabul–Jalalabad ist keine empfehlenswerte Route.

Text: Julka Jantz, Koordinatorin „Stärkung der Verwaltungsausbildung in Afghanistan“, Online gestellt: Julia Schwaibold

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