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Lesen lernen - Wie es besser gelingen kann

Lesendes Mädchen. Foto: Fotolia/Tatyana Gladskih

Lesendes Mädchen. Foto: Fotolia/Tatyana Gladskih

Nicht erst seit PISA ist bekannt, dass der Bildungserfolg von Kindern auch von ihrer sozialen und kulturellen Herkunft abhängt. Wie aber entsteht dieser Zusammenhang? Die Potsdamer Bildungsforscher Nadine Spörer und Guido Nottbusch wollen dies genauer untersuchen. Sie schauen, wie sich bei Kindern die Lesekompetenz entwickelt und welchen Beitrag das familiäre und das institutionelle Lernumfeld dazu leisten.

Kinder lieben Geschichten. „Wenn wir etwas Spannendes vorlesen, vergessen sie alles um sich herum“, berichtet Jenny Ziemann. Sie ist Erzieherin in einer Potsdamer Kita und hat noch mehr im Repertoire, um Kinder für Bücher zu interessieren. 

Besonders jene, die zu Hause nur wenige Anregungen bekommen. Der Trick sei, ihre Neugier zu nutzen. „Wenn sie im Garten einen Käfer beobachten, schlagen wir im Naturbuch nach, wie das Tier heißt. Und wenn wir in der Küche einen Kuchen backen, schauen wir gemeinsam ins Rezeptbuch.“ Man könne Kinder aber auch ganz anders auf das Lesenlernen vorbereiten: „Buchstaben, Silben und Wörter sind praktisch überall versteckt. Man muss nur darauf hinweisen“, sagt Jenny und zeigt auf das „H“ an der nahen Bushaltestelle. So wie ihr gelingt es vielen Erzieherinnen und Erziehern, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich die Kinder spielend Sprache aneignen, den Wortschatz erweitern, aufmerksam zuhören und verstehen lernen. Wissenschaftler nennen dies eine „positive Lernumgebung“, die sich mitunter stark von der häuslichen Lebenswelt unterscheidet. Nicht in jeder Familie wird ausreichend gesprochen, erzählt und vorgelesen. Doch kann die Kita solche Defizite tatsächlich ausgleichen? Und profitieren die benachteiligten Kinder von den Anregungen der Erzieher genauso stark wie ihre Altersgenossen, die zu Hause mehr Zuwendung und Bildung erfahren? „Traditionell sind in der Forschung die Effekte von institutioneller und häuslicher Lernumgebung isoliert voneinander betrachtet worden. Uns aber interessiert ihr Zusammenwirken“, sagt Nadine Spörer, Professorin für Psychologische Grundschulpädagogik an der Universität Potsdam. Gemeinsam mit ihrem Kollegen, dem Pädagogikprofessor Guido Nottbusch, nimmt sie nun erstmals die differenziellen Effekte in den Blick: Wirken beide Umgebungen bei Kindern unterschiedlicher Herkunft auf dieselbe Weise und gleich stark? Wie ergänzen sich die Erfahrungen in Kita, Schule und Familie?

Mehr als 3.000 Kinder befragt

Für ihre Untersuchung nutzen die beiden Wissenschaftler Daten des Nationalen Bildungspanels, in dem die Entwicklung von mehr als 3.000 Mädchen und Jungen von der Kita bis zur Schule erfasst wird. Eine Vielzahl wertvoller Informationen von und über die Heranwachsenden, deren Eltern, Erzieher und Lehrer, die es den Forschern erlaubt, Querverbindungen und Wechselwirkungen zu analysieren. Besonders interessieren sich Spörer und Nottbusch für die Zeit vom Kindergarten bis zur zweiten Klasse. „In der Grundschulpädagogik beschäftigen wir uns ja vor allem mit den Bedingungen im Unterricht, um wirksamere Lernmethoden entwickeln zu können“, sagt Nadine Spörer. „Wir wissen jedoch, dass der Lernerfolg auch von den vorherigen Erfahrungen in Kita und Familie abhängt, und müssen deshalb viel früher ansetzen.“ In der aktuellen Längsschnittstudie schauen die Wissenschaftler deshalb auch, welche Effekte die verschiedenen Lernumgebungen im Vorschulalter hatten und wie sie sich gegenseitig beeinflussten. Sie suchen nach den „Stellschrauben“, an denen man drehen kann, um die spätere Entwicklung in der Schule besser zu unterstützen. 

Für Nadine Spörer ist es eine neue Erfahrung, mit fremden Daten zu arbeiten. Als Bildungswissenschaftlerin keinen Einfluss auf die Befragungen zu haben, musste sie erst einmal akzeptieren. Andererseits erhält sie aus dem Bildungspanel über einen langen Zeitraum eine große Stichprobe mit aufbereiteten Daten. „Das ist der Vorteil. Die Studie ist so breit angelegt, dass sie für unsere Fragestellungen viel hergibt“, erklärt sie.

Die 3.000 im Panel untersuchten Kinder wurden an unterschiedlichen Punkten ihrer Entwicklung getestet: Wie groß ist ihr Wortschatz? Wie flüssig erzählen sie? Was verstehen sie von dem, was sie aufnehmen? Parallel dazu haben ihre Eltern, Erzieher und Lehrer Fragen zum konkreten Lernumfeld beantwortet. Wie viele Bücher und welches Spielzeug gibt es in der Kita und zu Hause? Wie gehen die Kinder und Erwachsenen miteinander um? Welchen Bildungsstand haben die Eltern? Wird in der Familie deutsch gesprochen? 

Das Fehlende kompensieren 

Kinder mit Migrationshintergrund, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, hat Nadine Spörer besonders im Blick. Aber auch ein schwacher sozioökonomischer Hintergrund oder ein niedriger Schulabschluss der Eltern wirken sich unter Umständen nachteilig auf den Bildungsverlauf der Heranwachsenden aus. Die Wissenschaftlerin fragt, ob und in welcher Form Kita und Schule das Fehlende kompensieren können. Gelingt es den benachteiligten Kindern, die institutionelle Bildung anzunehmen und für sich zu nutzen, oder verstärken sich ihre Probleme eher noch? Ein Schlüssel, glaubt Nadine Spörer, liegt in der diagnostischen Kompetenz der Lehrer und Erzieher. Es komme darauf  an, ein Kind in seiner besonderen Lage zu erkennen, seine Fähigkeiten zu sehen und es gezielt zu fördern.

Lernumwelten zu schaffen, in denen sich Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen gleich gut entwickeln können, ist ein Ziel, dem sich auch die Potsdamer Forschergruppe „Heterogenität und Inklusion“ verschrieben hat, die im Projekt mitarbeitet. Noch bis 2018 haben die Wissenschaftler Zeit, den umfangreichen Datenschatz zu heben. Ihre gewonnenen Erkenntnisse bringen sie ein in das DFGSchwerpunktprogramm 1646, das die Datensätze des Nationalen Bildungspanels auswertet – ein bundesweites Netz von 25 Einzelprojekten, von dem sich die Deutsche Forschungsgemeinschaft einen enormen Schub für die empirischen Bildungswissenschaften erhofft. Noch nie zuvor sind in dieser Form Längsschnittstudien über individuelle Bildungsverläufe in Deutschland durchgeführt worden. Die Ergebnisse werden mit Spannung erwartet. Sie sollen dabei helfen, Entwicklungsmuster bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu dokumentieren, Handlungsoptionen für die Bildungspolitik zu entwickeln und nicht zuletzt: angehende Pädagogen besser auf die Begleitung von Heranwachsenden vorzubereiten.

Das Projekt

„Heterogenität und Lesekompetenz: Die Rolle der institutionellen und häuslichen Lernumwelten“ ist Teil des DFG-Schwerpunktprogramms 1646 „Education as a Lifelong Process“ und wird in Zusammenarbeit mit der Forschungsgruppe „Heterogenität & Inklusion“ der Universität Potsdam durchgeführt.
https://www.uni-potsdam.de/psych-grundschulpaed/forschung/heterogenitaet.html

Die Wissenschaftler

Prof. Dr. Nadine Spörer ist Professorin für psychologische Grundschulpädagogik an der Universität Potsdam und forscht insbesondere zur Entwicklung der Lesekompetenz, zur Förderung des selbstregulierten Lernens und zu den Gelingensbedingungen inklusiven Grundschulunterrichts.

Universität Potsdam 
Strukturbereich Bildungswissenschaften
Karl-Liebknecht-Str. 24–25
14476 Potsdam
E-Mail: nadine.spoerer@uni-potsdam.nomorespam.de

Prof. Dr. Guido Nottbusch ist Professor für Grundschulpädagogik/ Deutsch an der Universität Potsdam. Er forscht insbesondere zu Schriftspracherwerb und Lesekompetenz, zum digitalen Lernen in der Grundschule, zum Einfluss der Groß- und Kleinschreibung auf Leseprozesse und zur schriftlichen Textproduktion.
E-Mail: gnott@uni-potsdam.nomorespam.de

Text: Antje Horn-Conrad
Online gestellt: Agnetha Lang
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.nomorespam.de

Diesen und weitere Beiträge zur Forschung an der Universität Potsdam finden Sie im Forschungsmagazin „Portal Wissen“.