Die in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlichte Studie analysierte eine einzigartige Datenbank mit über 6.000 Vegetationsaufnahmen in Wäldern, Graslandschaften und auf Berggipfeln in Europa - von Irland bis zur Ukraine und von Norwegen bis Spanien, darunter auch zahlreiche in Brandenburg. Die Beobachtungen umfassen Zeiträume von 12 bis 78 Jahren.
Wichtigste Erkenntnisse
- Thermophilisierung ist allgegenwärtig: Pflanzenarten, die wärmere Bedingungen bevorzugen, nehmen im Verhältnis zu kälteangepassten Arten zu.
- Gebirge sind am stärksten betroffen: In den Alpen und anderen Gebirgsregionen verschwinden kälteangepasste Arten in auffallend schnellem Tempo.
- Wälder und Grasland: Diese Ökosysteme weisen einen starken relativen Anstieg wärmeangepasster Arten auf, hauptsächlich aufgrund der Besiedlung durch neue Arten, verlieren aber gleichzeitig auch einige kälteangepasste Arten.
- „Klimaschulden“: In allen Ökosystemen reagieren Pflanzengemeinschaften langsamer als der Klimawandel selbst, was zu einer Anhäufung von „Klimaschulden“ (der Differenz zwischen dem aktuellen Klima und der bisher beobachteten Reaktion der Arten) führt, die Risiken für die Biodiversität und die Stabilität der Ökosysteme birgt. Pflanzen befinden sich nicht mehr im Gleichgewicht mit dem lokalen Klima.
Warum ist das wichtig?
Die Ergebnisse aus dem Vergleich aktueller Daten mit historischen Aufzeichnungen zeigen erstmals deutlich, dass die Klimaerwärmung nicht überall die gleichen Auswirkungen hat. Ökosysteme reagieren je nach Struktur und Zusammensetzung unterschiedlich. Auch in den kommenden Jahren könnten schnellere Veränderungen in der Vegetationszusammensetzung folgen, wenn sich die Arten an die neuen Bedingungen anpassen; deren Geschwindigkeit wird je nach lokalen Gegebenheiten variieren. Das bedeutet, dass Klimaanpassungsstrategien spezifisch auf jedes Ökosystem zugeschnitten werden müssen.
„Unsere Studie zeigt, dass wir keine einheitliche Geschichte über die Auswirkungen der Klimaerwärmung erzählen können. Während Bergregionen Arten verlieren, die nirgendwo anders überleben können, verschieben sich Wälder und Graslandschaften hauptsächlich hin zu wärmeangepassten Arten. Dies hat tiefgreifende Konsequenzen für den Erhalt der Biodiversität in Europa“, erklärt Thilo Heinken vom Institut für Biochemie und Biologie der Universität Potsdam.
Über die Studie
Die Forschung ist eine Zusammenarbeit von Dutzenden Wissenschaftlern aus ganz Europa, Nordamerika und Asien. Der einzigartige Datensatz kombiniert Langzeituntersuchungen von Pflanzengemeinschaften aus Wäldern, Graslandschaften und Berggipfeln. Für Europa ist dies die bisher umfassendste Analyse, die Reaktionen in verschiedenen Ökosystemen direkt vergleicht.
Yue, K., Vangansbeke, P., Myers-Smith, I.H. et al. Contrasting thermophilization among forests, grasslands and alpine summits. Nature (2026). https://doi.org/10.1038/s41586-025-09622-7
Kontakt
PD Dr. Thilo Heinken
Institut für Biochemie und Biologie
Allgemeine Botanik
Universität Potsdam