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Promotionen und Habilitationen

Steffi Bahro: „Unter dem Schein des schlechten Wercks“ – Ein Beitrag zur Mnemonik des Zaubermärchens am Beispiel von Soldatenmärchen als Quellen einer Medienkulturgeschichte des Politischen (Dissertation)

In den europäischen Märchensammlungen sind eine Vielzahl von Soldatenmärchen archiviert. Unter dem Begriff „Soldatenmärchen“ werden von mir Texte summiert, deren Helden entweder Soldaten sind oder die sich mit Hilfe magischer Gaben durch die gezielte Anwendung militärischer Gewalt als Soldaten profilieren, aber auch Märchen, die von einem Soldaten erzählt wurden, ohne einen Soldaten im Figurenensemble aufzuweisen. Unerforscht ist, welche Bedeutung und Funktion diese Märchen und ihre Varianten als Kommunikate innerhalb der kriegerischen Frühen Neuzeit hatten. Die Heterogenität der Darstellungen innerhalb des überlieferten Materials lässt vermuten, dass es sich hierbei nicht generalisierend um sozialdisziplinierende moralisierende Erziehungsmedien handelt, sondern um ordnungsstiftende oder die Kontingenz der Ordnung veranschaulichende Quellen einer Medienkulturgeschichte des Politischen. 

Doch wer den Versuch ihrer kulturhistorischen Verortung unternehmen möchte, nach der Bedeutung und Funktion einzelner Varianten fragt, oder nur die Relation von Wahrheit und Lüge in ihnen ergründen möchte, muss feststellen, dass hierfür noch immer keine befriedigende kulturhistorische Märchentheorie zur Verfügung steht. Auch gibt es bislang keine Anwendung etablierter wissenschaftlicher Methoden, um die Märchenvarianten in ihrem Entstehungskontext zu verorten. Letzterer lässt sich weder rekonstruieren, indem man die Quellen nur aus dem Kontext ihrer Aufzeichnung und partiell homogenisierenden Bearbeitung versteht, noch dadurch, dass der Ursprung eines Märchens auf Grund der Entdeckung seines uralten handlungsleitenden Motivs beispielsweise in der Antike verortet wird. Selbst der reflektierte Blick auf Märchen als semi-literarisches Medium verhindert durch seine Beschränkung auf das transitorische Gattungskontinuum des Märchens die intermediale Erweiterung des hermeneutischen Fragehorizontes auf Präfigurationen und Konfigurationen populärer Narrative der Kulturgeschichte des ‘Abendlandes’ mit einer spezifischen Intention innerhalb eines Diskursgeschehens der Frühen Neuzeit. Die Frage nach den kausalen- und funktionalen Entstehungsbedingungen der Darstellungen von Soldaten und deren politischer Sinndimensionen im Märchen als bildhafter Erkenntnisform kann im Grunde nur in Relation zur Idee hinter der Form, ihrem Anspruch und ihrer spezifischen Aneignung stichhaltig beantwortet werden. 

Die Forschungsgemeinschaft stellt sich die Frage nach den philosophischen und rhetorischen Grundlagen der Poetik des Zaubermärchens meines Erachtens nicht nachdrücklich genug. Ein Pionier einer anderen Märchenforschung, der Volkskundler Rudolph Schenda, schreibt 2000 in seinem Nachwort zu Basiles „Pentamerone“ auf Basis eines Zitates von Giambattista Marini (1569-1625):

„Der Dichter muß nach Wunderbarem dürsten, [...] wer nicht zum Staunen bringt, soll Pferde bürsten.“ Ist nicht dieses poetische Rezept und dieses dichterische Prinzip eine der Wurzeln europäischer Märchenüberlieferungen? 

An diesen Gedanken anknüpfend möchte ich versuchen, die Herkunft des Zaubermärchens mit dem Aufstiegs-Plot zu ergründen. Hierfür frage ich nach seiner Relation zur „rhetorischen Poetik des Wunderbaren“ und zur Mnemonik der Renaissance. Ich werde einerseits die bislang in der Forschung unzureichend beachteten poetologischen Darlegungen zu „Mährlein“ als „Allegorien der Wahrheit“ aufzeigen. Andererseits sollen die produktions- und wirkungsästhetischen Entstehungsbedingungen des Zaubermärchens anhand diverser hermetischer Schriften nachvollzogen werden.

Die exemplarische Untersuchung von Soldatenmärchen hinsichtlich ihrer buchstäblichen und allegorischen Sinndimensionen und ihre Einordnung innerhalb eines frühneuzeitlichen Diskursgeschehens erfolgt mit Hilfe eines auf die Problematik der minimalen Herkunftsangaben zugeschnittenen methodischen Werkzeugkastens. Letzterer vereint Beschreibungsweisen intertextueller Phänomene aus den Feldern der Kulturpoetik, Diskursanalyse, Systemtheorie und kulturhistorischen Narratologie, um Einblicke in den bislang verborgenen Resonanzraum der Märchentexte zu ermöglichen und Märchenvarianten nach Luhmann nicht als Einzel-, sondern als Anschlusskommunikationen verstehen zu können. Die Tradierung von Zaubermärchen wird zwar als geprägt durch die sich überlappenden Kommunikationsmodi mündlicher und schriftlicher Literatur angenommen. Die schriftlich fixierten Varianten werden aber im Sinne des New Historicism als Teil eines texte général bzw. innerhalb eines Netzwerkes verortet und interpretiert, in dem Texte, Diskurse, kulturelle Praktiken, populäre Narrative und Kollektivsymbole zirkulieren, die über Äquivalenzbeziehungen miteinander verlinkt und semantisch determiniert sind. 

Durch die Entdeckung der semantischen Vielfalt der Soldatenmärchen sollen differenzierte Schlussfolgerungen bezüglich des Identifikationspotentials der dargestellten abgedankten und aktiven Soldaten sowie der Deserteure für ihresgleichen, für den dritten Stand, für das Volk als Masse der Untertanen und für liberal gesinnte Zeitgenossen im absolutistischen Staat erfolgen. Generell soll in Bezug auf die Fragestellung nach den kausalen und funktionalen Entstehungsbedingungen der Gattung die These überprüft werden, ob die kontrafaktische Als-Ob-Welt des Zaubermärchens als imaginäres Speichermedium politischer Kulturen im Sinne Le Goffs zu verstehen ist, in der aber nicht nur Wünsche und Ängste oder die Kontingenz der eigenen Situation reflektiert wird, sondern vor allem die Kontingenz gesellschaftlicher Ordnungen und Wirklichkeiten. Inwiefern ist die Märchenwelt als utopischer Allegorieraum politischer Reflexion lesbar?

Kai Steffen Knörr: Funken – eine Medienkulturgeschichte (Dissertation)

"Rundfunk-Ära geht zu Ende." Mit dieser knappen wie drastischen Überschrift betitelte eine Berliner Journalistin im September 2013 ihren Artikel über die Abschaltung des Mittelwellensenders Berlin-Britz. 90 Jahre nachdem die "Funk-Stunde" als erster deutscher Rundfunksender sein Programm aufnahm, erlosch "Berlin" endgültig von den Skalen der Mittelwellenempfänger. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben die sukzessive Abschaltung der Lang- und Mittelwellenfrequenzen fast abgeschlossen und damit das Ende eines analogen Systems in Deutschland besiegelt, dessen Nachteile im hohen Energieverbrauch und der eingeschränkten Klangqualität lagen. Gleichzeitig wurde damit auch eine krisensichere und reichweitenstarke Infrastruktur aufgegeben, die im Gegensatz zu heute propagierten digitalen Technologien mit einfachsten Mitteln genutzt werden konnte. Es scheint, dass mit dem Verstummen der von Knistern, Knacken und Rauschen im Lautsprecher begleiteten Stimmen nicht nur die Herzen der Dampfradio-Nostalgiker bluten, sondern tatsächlich eine medienhistorische Zäsur zu konstatieren ist - eben das Ende der Rundfunk-Ära. Auch als Begriff hat sich Rundfunk inzwischen musealisiert. Allein im Kontext institutioneller Legitimierung, also beispielsweise in den Kennzeichnungen der erwähnten Rundfunkanstalten, findet er noch Verwendung. Es scheint, dass Veränderungen in der Sende- und Empfangspraxis den Begriff haben obsolet werden lassen. Deshalb ist es jetzt an der Zeit und Ziel der beabsichtigten Monographie, Rundfunk und funken als medienhistorischen Gegenstand zu betrachten.

Was Funken als 'Objekt', Tätigkeit, Ursache und Effekt technischer, physikalischer, kommunikativer Handlungen und sozialer Kontexte ausmacht, lässt sich außerhalb schwer zugänglicher und exklusiver Medientheorien durch Betrachtungen der konkreten Medienpraxis erkennen. Mediengeschichte als Gebrauchsgeschichte soll in der geplanten Monographie in Form eingängiger Fallgeschichten erzählt werden. Die bisher zum Thema versammelte medien- und technikhistorische Literatur, zu deren Spektrum auch biographische Texte wie die Erinnerungen des Rundfunkpioniers Hans Bredow oder Feldhaus' Abhandlung über den Entdecker der "Kleistschen Flasche" gehören, lässt sich in ihren unterschiedlichen Methodiken, Genres, Periodisierungen und Mediendefinitionen schwerlich auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Was ist denn eigentlich gemeint, wenn gefunkt wird bzw. es funkt? In den verschiedensten Fallgeschichten scheint es signifikante Stellen zu geben, in denen wesentliche Eigenschaften des Funkens dargestellt sind, die gleichzeitig ganz elementare bzw. typische Eigenschaften elektrischer Medien offenbaren. In Momenten des Gebrauchs, zu dem neben gewünschter Wirkungsentfaltung natürlich auch Störungen, Interferenzen, "Missbrauch" oder das die eigentliche Handlung unterbrechende wie konstituierende Warten gehören. Aus den Quellen lassen sich diese Fallgeschichten herauslösen, welche dann, nebeneinander gestellt, ein Gesamtbild ergeben, dass die etablierten medienhistorischen Diskurse um neue Facetten und Kontexte (die möglicherweise nur "vergessene" sind) bereichert.

Begrenzung, Strukturierung und somit Handhabbarkeit soll die Auswahl der Fallgeschichten dadurch erhalten, dass diese innerhalb eines definierten semantischen Raums ereignen, den Funken als Begriff historisch eingenommen hat. Die Bedeutung sprachlich-kultureller Formationen in der Entwicklung von Technik und Medien sind kaum zu unterschätzen. Die Etablierung des Begriffs funken im deutschen Sprachraum war etwa zu Beginn des Ersten Weltkriegs abgeschlossen, dem folgte Rundfunk um 1920. Nicht der "Volksmund" hat sie geprägt, vielmehr waren sie der Erfolg einer sprachpolitischen Kampagne, deren Ziel die Anbindung des neuen Mediums an eine nationale Technikkultur war. Den Verfechtern dieser Sprachpolitik, zu denen auch der "Vater des deutschen Rundfunks" Hans Bredow gehörten, ging es darum, der Expansion der angloamerikanischen wireless bzw. radio Einhalt zu gebieten, indem sie mit Rekurs auf die (in ganz anderer Absicht erzeugten) Hertzschen Laborfunken die neue Medientechnologie auf das Fundament einer "deutschen Idee" zu stellen versuchten. Schenkt man den Momentaufnahmen erstaunten Glauben, die Enzyklopädien der Umgangs- bzw. Gegenwartssprache (z.B. Küpper, Splett) liefern, ließen sich noch bis vor etwa zwei Jahrzehnten mit Wortkombinationen um das Funken praktisch alle Arten menschlicher Kommunikation (bzw. deren Abwesenheit) benennen. Dies hat sich im Zuge der "digitalen Revolution" radikal geändert; die einstmals alltäglichen Kontexte unserer Alltagssprache sind selbst zu etymologischem Sediment geworden. Das Buchprojekt zur Geschichte des Funkens will dieses Sediment medienkulturhistorisch anbohren und noch tiefere und unbekanntere Schichten eröffnen.

Susanne Müller: Format und Formatieren. Zwei Schlüsselbegriffe der Medienwissenschaft (Habilitation)

Mit dem Begriff Format verbindet sich eine große Bedeutungsvielfalt (Papier- und Datenträgerformate, formatierte Texte, Datei- und Audioformate, Rundfunk- und Fernsehformate). Als 'mediales Format' könnte man ganz allgemein eine 'Form-Inhalt-Kopplung' bezeichnen. Wir erkennen Formate, wenn wir sie sehen - mühelos und auf den ersten Blick unterscheiden wir Kochbücher von Reiseführern, Nachrichtensendungen von Gameshows, wissenschaftliche Texte von Kriminalliteratur. Das Formatieren von Medien markiert einen Wendepunkt in der Kultur- und Mediengeschichte: mediale Produkte werden massenhaft hergestellt, und zwar für eine potenziell große Nutzeranzahl. Genau das ist der Ausgangspunkt des Forschungsprojekts. Es geht um 'gemachte' Formate und darum, was Formate mit ihren Nutzern 'machen', ferner darum, wie und warum sich mediale Formate im Laufe ihres Gebrauchs ändern. Aus dieser Ausgangssituation ergeben sich zwei Teilaspekte. Erstens: Was ist eigentlich Format und ab wann wird aus dem Begriff eine formatierende mediale Praxis? Zweitens: Wo entfaltet die Kategorie des medialen Formats ihre Stärken für die Medienwissenschaft?

Christian Richter: Altes Medium auf neuen Kanälen. Zum Fernsehen im Zeitalter von Netflix, YouTube & Co. (AT) (Dissertation)

Bis noch vor wenigen Jahren war der Begriff FERNSEHEN eng mit einem bestimmten Gerät und einem bestimmten technischen Übertragungsweg verbunden, mit dem zugleich eine Reihe fester Eigenschaften, Rituale und Verbindlichkeiten einher gingen. Mittlerweile aber können Serien, Nachrichten, Reportagen, Shows oder Filme nicht mehr ausschließlich auf einem Fernsehapparat empfangen werden, sondern lassen sich zusätzlich auf Laptops, Smartphones oder Tablets über Mediatheken, Online-Plattformen oder Streaming-Dienste (scheinbar) flexibel, ungebunden sowie orts- und zeitsouverän abrufen. Doch obwohl diese Angebote weder über ein TV-Signal verbreitet werden, noch an einen Fernsehsender, feste Sendezeiten, einen unveränderbaren Ausstrahlungsrhythmus oder gar eine Einbettung in einen Programmablauf gebunden sind, werden sie dennoch als fernsehartig wahrgenommen und besprochen. Das vormals (vermeintlich) stabile Verständnis von FERNSEHEN gerät durch diese Entwicklung ins Wanken, denn es werden offenbar eher inhaltliche oder ästhetische Merkmale und weniger Ausstrahlungs- und Empfangstechniken, zeitliche Anordnungen oder institutionelle Strukturen als charakteristisch für FERNSEHEN angesehen. Dann aber muss der Begriff FERNSEHEN grundsätzlich neu gedacht werden, denn die meisten klassischen Fernsehtheorien zielen in ihrer Beschreibung genau auf diese Merkmale ab. Was also ist noch kennzeichnend für FERNSEHEN, wenn all das entfernt wird?

Dazu wird untersucht, inwieweit sich in der Internetserie «House of Cards» sowie in den Online-Angeboten von Netflix, Amazon und YouTube Strukturen und Ästhetiken wiederfinden lassen, die auf „klassisches“ FERNSEHEN verweisen und jene fernsehartige Wirkung verursachen. Ebenso sollen fernsehtypische Begriffe wie Flow, Linearität, Serialität, Segmentierung oder Programm auch auf solche Internet-Dienste angewandt und gegebenenfalls angepasst werden. Das Ziel ist es schließlich, den Begriff FERNSEHEN von einem bestimmten technischen Verbreitungsweg oder einer feststehenden Distributionsform abzulösen und ihn stattdessen als ein Inszenierungsmittel - als eine Art wie Inhalte gestaltet, aufbereitet und strukturiert werden – aufzufassen. Damit soll ein Verständnis entwickelt werden, das solche Online-Angebote als eine Form von FERNSEHEN begreift. Oder kurz gefragt: Wie viel „altes“ Fernsehen steckt in den „neuen“ On-Demand-Plattformen?

Martin Schmidt: Kanalisieren - Eine Mediengebrauchsgeschichte (Dissertation)

Der Kanalbegriff ist in der deutschen Sprache ausgesprochen leistungsfähig und durchzieht eine Vielzahl von Gegenstandsbereichen. Die Geschichte des Baus von Kanalisationsanlagen lässt sich bis in die Frühzeit menschlichen Siedlungsbaus zurückverfolgen, erste Bewässerungskanäle werden in der Zeit um 4000 v. Chr. angenommen und Berichte über erste Schifffahrtskanäle fallen in die Zeit der frühen Antike. Eine Hochkonjunktur erfährt der Kanalbau im Zuge der industriellen Revolution. Sowohl durch ihre praktische Bedeutung als auch durch die Erfordernisse ihres Baus sind Kanäle immer schon Gegenstände politischer und strategischer Interessen. Sie kanalisieren nicht bloß Wasser, sondern Informationsweitergabe, Bewegungsräume von Menschen und den Zugang zu natürlichen Ressourcen. Prominente Beispiele wie der Suez- und der Panamakanal machen dies besonders augenscheinlich. Archäologische und historische Studien, ingenieurswissenschaftliche Handbücher, völkerrechtliche Auseinandersetzungen sowie entwicklungspolitische Traktate bieten hier umfangreiche Quellen für die Forschung.

Medientheoretisch relevant wird der Kanal zunächst mit Brechts Radiotheorie und Claude Shannons mathematischem Kommunikationsmodell. Mit unterschiedlichen Gewichtungen stellt er für die Tradition der Medienwissenschaften von Innis über McLuhan bis Kittler ein zentrales Konzept dar. Wie die deutsche Übersetzung von McLuhans "Understanding Media" mit "Die magischen Kanäle" zeigt, steht der Kanal teilweise in direkter Konkurrenz zum Medienbegriff. Darüber hinaus beschreibt er Ordnungen medial vermittelter Informationen etwa in Form von Radio- und Fernsehkanälen. Mit einer leichten Akzentverschiebung gilt diese Bedeutung auch für digitale Medien. Neben diesen Schwerpunkten existieren eine Reihe abgeleiteter Bedeutungen. Dazu gehören Verwendungen des Kanalbegriffs in der Wirtschaft (Vertriebskanal), Pädagogik (Kanalisierung als Synonym für Erziehungsprozesse), Psychologie (Wahrnehmungskanäle) und Esoterik (Channeling als Kontaktaufnahme zu Verstorbenen) und nicht zuletzt die besonders wirkungsmächtige sprachliche Metapher.

Der Versuch, das Phänomen Kanal über die beschriebenen Einzelaspekte hinweg korrekt anzusprechen, führt mitten hinein in eine Gemengelage aus sprachlichen Konzepten, kulturellen Handlungsmustern und Artefakten. Demgemäß beleuchten zahlreiche Arbeiten in großer Tiefe einzelne Facetten des Kanalbegriffs, bleiben jedoch eine explizite Historisierung ihres Gegenstandes schuldig. Die Orientierung auf die Dimension des Mediengebrauchs erlaubt es, über Einzelaspekte hinweg Kanal bzw. Kanalisieren als einen einzigen Forschungsgegenstand zu begreifen.

Das Projekt nutzt diesen Ansatz, um Bausteine zu einer Medienkulturgeschichte des Kanals zu generieren. Anschließend an eine grundlegende Begriffsgeschichte werden die medienkulturellen Dimensionen des Feldes anhand von ausgewählten Fallgeschichten sichtbar gemacht historisch verortet. Auf dieser Grundlage sollen anschließend Regelmäßigkeiten und Muster der Herstellung und des Gebrauchs von Kanälen identifiziert, verglichen und in ihrer gemeinsamen historischen Tradierung und Transformation sichtbar gemacht werden.