Vorbereitung des Auslandsaufenthaltes

Ich studiere an der Universität Potsdam Computerlinguistik im Bachelor. Das Sommersemester 2020 habe ich an der Universidad Nacional de Colombia (UNAL) in Bogotá, Kolumbien, verbracht. Dort habe ich Kurse des Studiengangs Ingeniería de Sistemas y Computación (im Prinzip Informatik) belegt, und war damit Teil der Ingenieursfakultät. Ursprünglich hatte ich beabsichtigt zwei Semester dort zu studieren, also vom Februar bis Dezember 2020. In Anbetracht der weltweiten durch den Coronavirus verursachten Krisensituation entschied ich mich letztlich allerdings meinen Aufenthalt bereits im Juli 2020 abzuschließen und bin am 11. Juli 2020 mit einem humanitären Flug nach Deutschland zurückgekehrt.


Studienfach: Computerlinguistik

Aufenthaltsdauer: 02/2020 - 07/2020

Gastuniversität: Universidad Nacional de Colombia

Gastland: Kolumbien

Ungefähr ein Jahr im Voraus fing ich an zu planen, zunächst für die Bewerbung an der Universität Potsdam auf den Auslandsaufenthalt an Partnerhochschulen. Ich wusste, ich würde gerne in Lateinamerika studieren, und hatte die Auswahl zwischen Costa Rica, Argentinien und Kolumbien. In Kolumbien ist Informatik ein Ingenieursstudiengang und auf diesen Ansatz war ich neugierig. Innerhalb Kolumbiens entschied ich mich für die UNAL, eine öffentliche und für ihre extrem politisch aktiven Studierenden bekannte Universität, und gegen die Universidad de los Andes, eine private Universität. Ich fand es erstaunlich hilfreich und informativ mein Motivationsschreiben zu verfassen, denn wie ich so daran arbeitete, haben sich viele Erwartungen und Absichten für mich noch weiter kristallisiert.

Die Bewerbung an der UNAL war gut vorbereitet: ich hatte das Infoblatt zur UNAL vom International Office, auf dem so ziemlich alles Relevante stand. Für die Bewerbung wird ein Motivationsschreiben, die Empfehlung der Universität Potsdam, ein Bescheid über die finanzielle Absicherung, ein Scan des Personalausweises, der Sprachnachweis und ein Transcript of Records (Übersicht der an der Uni Potsdam erbrachten Studienleistungen)  verlangt. Außerdem musste ich im Bewerbungsformular angeben, welche Kurse ich belegen wollte, und in welchem Studiengang (diese Angabe war letztlich aber nicht verbindlich). In Vorbereitung auf den Aufenthalt gab es ein paar Sachen zu tun: Ich musste den Antrag auf Beurlaubung und zur Befreiung der Kosten des Semestertickets stellen, das war ziemlich unkompliziert. Dann musste ich mich noch um mein UNICert Zertifikat kümmern. Außerdem habe ich mich auf so ziemlich alles impfen lassen, was für Kolumbien empfohlen wird, inklusive Gelbfieber. Damit sollte so früh angefangen werden wie möglich, weil es einige Impfungen gibt, die aus mehreren Teilimpfungen bestehen, die teilweise im Abstand von fast einem Monat gespritzt werden müssen, und andere Impfungen nicht gleichzeitig gegeben werden können. Der Abschluss der Auslandsreisekrankenversicherung lief für mich über meine normale Krankenkasse, die BARMER, die dafür ein Abkommen mit der HUK hat. In Bogotá musste ich dann für einen geringen Betrag gegen Vorlage der Versicherungsbescheinigung noch eine weitere Versicherung der UNAL abschließen.

Die Bewerbung an der UNAL war bis Ende Oktober fällig und meine Bestätigung kam erst zwei Monate später, die Bearbeitung hat also ziemlich lange gedauert. Außerdem hatte ich ein Problem: von Seiten der Universität Potsdam waren mir zwei Semester bewilligt worden, und ich hatte mich zunächst nur für das erste Semester beworben, um dann erst später den Aufenthalt zu verlängern. Allerdings hatte mir die UNAL die Bestätigung für das zweite Semester geschickt, womit ich mich allerdings nicht für das korrekte Visa bewerben konnte. Erst im Januar, nach Ende der Ferien in Kolumbien, kam endlich die korrigierte Bestätigung. Im Endeffekt war es halb so wild, weil das Semester ohnehin wegen der Streiks im Vorjahr nach hinten verschoben wurde und daher alle Bestätigungen geändert und neu verschickt werden mussten. Die Beamten der kolumbianischen Botschaft in Berlin waren glücklicherweise sehr freundlich zu mir. In Kolumbien musste ich dann zur Einwanderungsbehörde, um meinen mit dem Visa korrespondierenden Ausweis (Cédula de Extranjería) zu beantragen. Das hat auch wieder was gekostet, aber ich konnte den Ausweis innerhalb weniger Tage abholen.

An der Gastuniversität gab es anfangs zwei Wochen mit Einführungsveranstaltungen, bei denen auch alle bürokratischen Hürden erklärt wurden: nach Fakultäten aufgeteilt wurden uns bei der Campusführung die für uns relevanten Gebäude gezeigt. Wir mussten die Anmeldung an der Universität abschließen (vinculación), damit unsere Email-Konten und Studentenausweise erstellt werden konnten. Es gab auch eine Bibliotheksführung, die mich vor allem in Hinsicht auf die Zugänglichkeit für blinde und taube Studierende beeindruckt hat: es gab für diese Einschränkungen speziell ausgestattete Scanner und weitere Technik. Bei diesen Einführungsveranstaltungen habe ich einerseits die anderen deutschen Austauschstudenten kennengelernt, was sehr geholfen hat, wenn Fragen aufkamen oder wir z.B. unsere Aufenthaltsgenehmigungen abgeglichen haben. Ansonsten habe ich dabei auch viele andere Austauschstudenten getroffen; die am meisten vertretenen Nationalitäten waren Franzosen, Deutsche und Mexikaner, und sonst vor allem andere lateinamerikanische Länder.

Ich konnte mich für einen dreiwöchigen Spanischkurs anmelden; dafür gab es einen Einstufungstest, bei dem mir mein B2 Niveau bestätigt wurde. Für die, deren Ergebnisse zu gut waren, gab es keinen Kurs. Der Spanischkurs war hilfreich, um sich einzugewöhnen: Wir hatten ganztägig Unterricht und in der Mittagspause haben wir gequatscht, Informationen zur Uni und zur Stadt ausgetauscht und die Essensmöglichkeiten rund um die Uni probiert (auch vegetarisch war möglich). Nach dem Spanischkurs sprach ich bereits deutlich ungehemmter und jetzt am Ende meines Aufenthalts merke ich, dass sich vor allem mein Hörverständnis maßgeblich verbessert hat. Da ich für meine Kurse kaum Schriftliches abgeben musste, habe ich mich in diesem Bereich weniger verbessert.

Unsere Ansprechpartner waren zum einen die Mitarbeiter des ORI (Oficina de Relaciones Interinstitucionales), zu dem das International Office dort gehört, das International Office der jeweiligen Fakultät, die uns bei der Kursbelegung unterstützt haben, und letztlich auch noch unsere Spanischprofessorin. Die meisten Kurse haben eine Anwesenheitspflicht, und deutlich mehr Abgaben während des Semesters als das bei meinen Kursen an der Uni Potsdam der Fall war. Meine Professoren waren zugleich streng und großzügig: sie haben sehr offen Kritik und Missfallen geäußert, und haben zugleich ebenso offen Fragen beantwortet und uns unterstützt.

Bevor die Quarantäne anfing, hatte ich glücklicherweise schon drei Wochen auf dem Campus studiert: ich hatte meine Professoren und Kommilitonen kennengelernt, was mir den Umstieg auf virtuelle Kurse erleichtert hat. Außerdem hatte ich die Campuskultur erlebt - viele Studierende verbringen (unter normalen Bedingungen) den Großteil ihres Tages auf dem Campus; es gibt viele Sportkurse, Tanzkurse, verschiedene Cafés, Mensen und Essensstände, Fußballfelder, große Rasenflächen, Bänke usw. Hinter dem Hauptgebäude der Ingenieursfakultät ist eine große Wiese, auf der vor allem zur Mittagszeit viele Studierende waren, die diversen zirkusnahen Tätigkeiten nachgingen, so wie Slacklining, Luftartistik und Jonglieren. Diese und auch die anderen Kommilitonen waren sehr offen und freundlich.

Vor meiner Ankunft hatte ich eine vorübergehende Unterkunft gefunden: Bibiana, eine Bekannte eines Bekannten meines Vaters hatte ein Zimmer frei und wohnt außerdem in der Nähe der UNAL. Von dort aus habe ich gute zwei Wochen gebraucht, um eine permanentere Unterbringung zu finden: ich habe vor allem in der entsprechenden facebook-Gruppe gesucht und dann acht verschiedene Zimmer besichtigt. Meistens werden Zimmer in kleinen, privaten Wohnheimen oder in Familien angeboten, letztlich hatte ich jedoch das Glück ein Zimmer in der WG zweier kolumbianischer Studentinnen zu finden. Es war richtig toll mit Frauen in meinem Alter zusammen zu wohnen; sie hatten ähnliche Tagesrhythmen und haben mich mit auf den Markt mitgenommen, mir die Stadt gezeigt usw.

Finanziell kam ich mit ziemlich wenig zurecht, vor allem wegen des Wechselkurses: Ich habe 800.000 kolumbianische Pesos (je nach Wechselkurs ca. 200€) Miete gezahlt, es gibt aber auch günstigere Zimmer. Ich habe immer eher selten und dafür viel Geld auf einmal abgehoben, die Gebühr kann nämlich ziemlich hoch sein. Außerdem konnte ich mit einer deutschen Bankkarte nicht bei allen Banken Geld abheben (bei der Bancolombia z.B. nicht), deswegen war ich eigentlich immer bei Davivienda und hatte für Notfälle auch eine Kreditkarte.

Auch das Einkaufen kann sehr günstig sein, vor allem auf dem Markt; einmal habe ich für ca. 5€ Gemüse und Obst für zwei Wochen eingekauft. Essen zu bestellen ist teuer, dafür gibt es überall günstig Streetfood, jedenfalls bis die Quarantäne angefangen hat. Vor der Quarantäne waren wir fast immer auswärts Mittagessen, für ca. 10.000 Pesos (ca. 2,50€) aufwärts. Monatlich habe ich ca. 400.000 Pesos (ca. 100€) ausgegeben, wobei gesagt sein muss, dass es durch die Quarantäne wahrscheinlich nochmal günstiger war, als wenn ich weiterhin auswärts gegessen hätte. Insgesamt beliefen sich meine Lebenshaltungskosten also auf ungefähr 1.200.000 (ca. 300€). Es ist vielleicht gut zu wissen, dass in Kolumbien alle importierten Produkte wie Tee und auch Bücher sehr teuer sind. Die Lebensmittel sind im Gegensatz dazu so günstig, weil fast alles aus heimischer Landwirtschaft stammt.

Die öffentlichen Verkehrsmittel sind etwas gewöhnungsbedürftig: es gibt zwei verschiedene Arten von Bussen, zum einen den Transmilenio mit festen Stationen und übersichtlichen Fahrplänen, und andererseits die etwas chaotischen restlichen Busse. Diese Busse haben zwar Stationen, halten aber nur auf Ansage hin an, also musste ich mitverfolgen, wo genau wir gerade waren. Mit etwas Übung ging das ganz gut, denn die Straßenbezeichnungen sind nummerisch und die Berge markieren verlässlich den Osten. Dann gibt es auch noch die Taxis, die natürlich teurer sind, wobei es sinnvoll ist, eine App zu benutzen.

Die Universität bietet normalerweise sehr viele Freizeitaktivitäten an, z.B. diverse Tanz- und Sportgruppen. Während der Quarantäne hat sich die Uni bemüht dieses Programm weiterzuführen. In Bogotá gibt (oder gab) es viele Bars mit Livemusik, wo Salsa getanzt werden kann. Es gibt auch eine ganze Reihe an Museen, Parks und anderen Kulturangeboten, von denen ich allerdings durch die Quarantäne leider nur wenig gesehen habe. Am Schönsten war der offene Abend im botanischen Garten, und ein Spaziergang durchs historische Stadtzentrum.

Die schönsten Erfahrungen waren definitiv die Kameradschaft mit den anderen Austauschstudenten, das gemeinsame Kennenlernen der Stadt und der Universität. Außerdem habe ich mich in den wenigen Wochen, in denen ich das Leben auf dem Campus miterleben durfte, unglaublich willkommen gefühlt, und die viele an der Uni verbrachte Zeit hat viel Raum für gemeinsames Lernen in lockerer Atmosphäre gegeben.

Die größte Herausforderung war für mich die Quarantäne: der Spanischkurs war zu Ende und die ersten zwei Wochen des regulären Semesters waren vergangen, als die Quarantäne verhängt wurde. Die Bestimmungen in Bogotá waren ziemlich streng, so dass z.B. täglich nur eine begrenzte Zeit auswärts verbracht werden durfte. Leider konnte ich letzten Endes überhaupt nicht reisen, bis auf einen kleinen Tagesausflug mit dem Spanischkurs zu dem Dorf Guatavita außerhalb Bogotás.

Zur universitären Email-Adresse gehört ein Google-Konto, daher konnten die Kurse ziemlich schmerzlos zu den regulären Zeiten digital weitergeführt werden, aber ich hatte große Konzentrationsschwierigkeiten. Die Abgaben für meine Kurse waren als Gruppenarbeiten organisiert, darüber hatte ich also weiter Kontakt zu meinen Kommilitonen. Insgesamt bin in der Quarantäne gut klargekommen, vor allem weil ich viel lese, sowieso eher introvertiert veranlagt bin und sehr sympathische Mitbewohnerinnen hatte.  Die tolle Atmosphäre auf dem Campus hat mir trotzdem ziemlich gefehlt und ich hoffe irgendwann noch einmal unter besseren Bedingungen nach Kolumbien zurückkehren zu können.

Studienfach: Computerlinguistik

Aufenthaltsdauer: 02/2020 - 07/2020

Gastuniversität: Universidad Nacional de Colombia

Gastland: Kolumbien


Rückblick

Zukünftigen Studierenden würde ich empfehlen sich früh um die Impfungen zu kümmern, und vor landesinternen Reisen noch einmal zu prüfen, ob der Impfschutz für diese Gebiete auch ausreicht. Bezüglich der Kurswahl würde ich mich rückblickend genauer an dem Studienverlaufsplan der UNAL orientieren. Ich hatte nämlich anhand der Inhaltsbeschreibungen Kurse aus verschiedenen Semestern belegt und musste einen Kurs abbrechen, der für mich deutlich zu schwer war.

Kolumbien

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