Praktikum in der Bente Kahan Stiftung in Breslau

Zu meinem großen Glück hat mir Frau Borsdorf vom International Office der Universität Potsdam die besondere Empfehlung für meinen Praktikumsplatz gemacht. Ich selbst war eher auf England oder Irland ausgerichtet, jedoch sind meine Initiativbewerbungen dort unbeantwortet geblieben. Frau Borsdorf hat mir diesen konkreten Platz sehr ans Herz gelegt, weil sie zumindest die Stadt auch persönlich kennt. Dass es im Endeffekt Polen als Praktikumsland zu werden schien, hat mich zunächst etwas abgeschreckt. Schließlich hatte ich bis dato im Prinzip überhaupt keine Verbindung zu dem Land. Aber da die Bente Kahan Stiftung als Praktikumsgeberin optimal zu meinen Studieninhaltenpasste, habe ich mich trotzdem beworben. 


Studienfach: Angewandte Kulturwissenschaft und Kultursemiotik

Aufenthaltsdauer: 08/19 - 10/19

Praktikumsgeber: Bente Kahan Stiftung

Gastland: Polen

Bewerbung, Vorbereitung und Finanzierung

Die Bewerbung selbst bestand aus den üblichen Unterlagen wie Anschreiben und Lebenslauf, hier auf Englisch. Die Bente Kahan Stiftung hat schon nach kurzer Zeit an Frau Borsdorf zurückgemeldet, dass sie mich als Praktikantin annehmen. Die weiteren Formalien liefen über das International Office, so dass ich zum Beispiel lediglich den fertigen Praktikumsvertrag unterschreiben musste. Die Unterkunft dort habe ich durch einen Tipp von Frau Borsdorf bekommen. Ich habe die Praktikumszeit über in dem Edith-Stein-Haus gewohnt und hatte dort ein wunderbares kleines Apartment. Insgesamt kann ich wirklich bestätigen, dass der Auslandspraktikumsvermittlungsbereich „Praktikum auf dem Silbertablett“ des International Office seinem Namen absolut gerecht wird. 

Die Finanzierung hätte ich durch Erasmus+ organisieren können. Ich weiß von zwei Studentinnen, die ich in Wrocław kennengelernt habe, dass sie darüber 400 Euro pro Monat bekommen haben. Das Praktikum selbst wurde leider nicht vergütet, aber ich habe immerhin eine Fahrkarte für die 3 Monate meines Praktikums von der Stiftung Bente Kahan bekommen. Im Kulturbereich ist das immerhin mehr als sonst üblich. Jedoch muss ich auch anfügen, das Polen ein Land mit recht niedrigen Lebenshaltungskosten ist und damit die finanziellen Einbußen vergleichsweise niedrig sind. So habe ich nur 200 Euro pro Monat für meine Unterkunft bezahlt und nach meinen Einkäufen immer gestaunt, wie günstig man leben kann. Generell bin ich die Zeit dort ohne polnisches Bankkonto ausgekommen. Meistens habe ich mit meiner Visa-Karte bezahlt und nur manchmal Euro in Zloty getauscht. Es gibt miese und gute Wechselstuben, und die guten erkennt man an der langen Schlange davor.

Leben in Breslau/Wroclaw

Wrocław ist als Aufenthalt für einige Monate sehr zu empfehlen. Der Stadtkern ist unglaublich lebendig. Hinter jeder Ecke ist etwas zu entdecken. Insgesamt hat die Stadt diesen herrlichen Charme, mit den bunt bemalten Häusern und den vielen Kirchen und öffentlichen Plätzen. Ich liebte es sehr, in den warmen Sommernächten mit den vielen anderen Menschen, die auch unterwegs waren, durch das Stadtzentrum zu streifen. Die Beleuchtung der Stadt ist dann wunderschön. Tagsüber kommt man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln überall hin. Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass man notfalls zu Fuß innerhalb von einer halben Stunde schnellen Schrittes innerhalb des Stadtzentrums überall sein kann. Neben dem Praktikum in der Stiftung hatte ich viel Zeit, um meinen persönlichen Interessen und Hobbies nachzugehen. Wrocław bietet hier sehr viel für junge Leute. Das kulturelle Angebot ist riesig, aber auch Kino, Sporteinrichtungen (Boulderhallen, Schwimmhallen), Cafés und Restaurants und jede Menge interessante Sehenswürdigkeiten der Stadt (Jahrhunderthalle, diverse Gärten und Parks) geben immer Anreiz für Ausflüge.

Arbeit bei der Bente Kahan Stiftung

Mit dem Praktikumsplatz selbst, der Bente Kahan Stiftung, war ich überaus zufrieden. Als kulturelle Organisation ist bei der Stiftung jede helfende Hand aufs herzlichste willkommen. Kernprojekt der Stiftung war die Restaurierung der Synagoge zum Weißen Storch. Heute beherbergt diese unter anderem ein kulturelles Bildungszentrum, das von der Stiftung geleitet wird. Es gibt dort mehrere Ausstellungen zur jüdischen Kultur und dem Holocaust und zudem Räumlichkeiten für stattfindende Workshops, Konzerte und Lesungen.  Der Kern des Teams der Stiftung besteht aus vier jungen Frauen und der Leiterin, Bente Kahan (eine sehr bekannte jüdische Schauspielerin und Sängerin) sowie ihrem Gründungspartner. Ich persönlich habe sie alle als aufgeschlossen, wertschätzend und immer hilfsbereit erlebt. Zu den Aufgaben kann ich sagen, dass es zwar zum einen die „typischen“ Praktikant_innenaufgaben gab (Botengänge, Flyer verteilen). Aber überwiegend waren es viele interessante und spannende Sachen, die ich dort miterleben- und gestalten durfte. Ich habe zum Beispiel oftmals die Mikwe, das rituelle jüdische Bad in der Synagoge zum Weißen Storch, betreut und war da für die Fragen der Besucher_innen erste Ansprechpartnerin. Bei der Vorbereitung der Sommerkonzerte war ich dabei und konnte die Konzerte gleich miterleben. Während meines Aufenthalts gab es drei Vernissagen innerhalb der Synagoge, deren Aufbau und Ausstellungsführung ich mitgestaltet habe. Da in der Stiftung selber nur die Leiterin Deutsch spricht, kam es immer wieder mal zu Übersetzungen von Englisch in Deutsch, hauptsächlich für Veranstaltungshinweise und Annoncen. Mein persönliches Hauptprojekt bestand in dem Lesen von alten Dokumenten, die der Stiftung vorlagen, aber in altdeutscher Handschrift (größtenteils Sütterlin) geschrieben waren. Ich habe mich aus einem ganz persönlichen Interesse heraus für dieses Projekt entschieden, hätte also auch etwas anderes machen können. Damit möchte ich andeuten, dass die konkreten Projekte durchaus mit den individuellen Interessen verhandelt werden können. Sehr gut fand ich  auch, dass ich überhaupt die Chance bekam, mir ein Hauptprojekt auszusuchen, an dem ich prinzipiell immer arbeiten kann und für das ich alleine die Verantwortung übernahm. 

Auch das Ausmaß und der Umfang der eigenen Beiträge in der Stiftung sind individuell aushandelbar. Meine Nachfolgepraktikantin hat sich zum Beispiel äußerst engagiert in Sachen Verbesserung und Ausbau der Ausstellungen und der Öffentlichkeitsarbeit gezeigt, was auch dankend von der Stiftung angenommen wurde. 

Zufriedenheit und persönlicher Mehrgewinn

Denke ich über das Praktikum nach, und was es für mich persönlich gebracht hat, bin ich beeindruckt darüber, wie sehr es meine Persönlichkeit gestärkt hat. Für mich war der persönliche Kontakt mit vielen Menschen mit unterschiedlicher Sprache anfangs eine große Herausforderung, doch mit der Zeit erlernte ich einen Teil der Sprache und wichtige Mittel und Taktiken, um sehr gut durch alle zwischenmenschlichen Situation zu kommen. Dies hat auch die Langzeitwirkung, dass es mir, wieder in Deutschland lebend, noch nie, wirklich noch nie so leicht gefallen ist, mit anderen, fremden Menschen in intensive Gespräche zu kommen. Auch ganz allgemein spüre ich die Nachwirkungen dieser Erfahrung in meiner Persönlichkeit, zum Beispiel wenn es um die Inangriffnahme neuer Projekte geht oder darum, wie sich mein Verhältnis zu neuen Aufgaben und Situation hin zu Offenheit und Schaffensdrang verbessert hat. 

Betrachte ich, was mir das Praktikum fachlich gebracht hat, so kann ich festhalten, dass ich nun auf Polnisch gut durch den Alltag inklusive Essen bestellen und Einkaufen komme. Zuvor hatte ich keinerlei Kenntnisse der polnischen Sprache. Ich habe einige Wochen vor Praktikumsstart angefangen, polnisch zu lernen, über die online-Plattform Babbel. Prinzipiell kann ich diesen Weg auch empfehlen, jedoch ist der Lernerfolg im Vergleich zu einem Sprachkurs mit Sicherheit geringer. Zurückblickend finde ich selbst es sehr schade, dass ich nicht mit besseren Sprachkenntnissen dorthin gegangen bin. Ich glaube, man bringt sich selbst doch sehr um die kulturelle Gesamterfahrung, wenn man die Sprache des Landes, in dem man, wenn auch nur zeitweise, lebt, nicht beherrscht. 

Außerdem habe ich durch die Übersetzungen, die ich für die Stiftung ins Deutsche gemacht habe, den eigentlichen Prozess beim Übersetzen verstanden. Ein Übersetzungsprozess ist wesentlich komplizierter und tiefgründiger, als man im ersten Moment denken mag. Es war sehr interessant, das zu verstehen und mit diesen Erkenntnissen zu arbeiten.

Durch meine Arbeit mit den altdeutschen Dokumenten kann ich nun grundlegend Sütterlin ziemlich gut lesen. Wer weiß, ob es mir eines Tages auch beruflich hilft.

Allgemein betrachte ich die Erfahrung der Kulturarbeit inklusive des Projekt- und Eventmanagements als sehr wertvoll. Ich war zwar jetzt nicht tief integriert in diese Prozesse, was sich allein sprachlich schon ausgeschlossen hat, aber ich habe doch den enormen Aufwand, den die einzelnen Projekte mit sich bringen, mitbekommen und die Ergebnisse gesehen. 

Rückblick

Zusammenfassend betrachte ich dieses Praktikum als einen großen Gewinn. Auf persönlicher Ebene ist es für mich eine noch weitreichendere Erfahrung gewesen als auf der beruflichen Ebene. Dieses Verhältnis hängt aber sicherlich stark von den individuellen Gegebenheiten der/s Einzelnen ab. Mein abschließender Tipp wäre, unbedingt ein Praktikum bei der Bente Kahan Stiftung zu machen und dies auch gerade in der Stadt Wrocław. Beides ist so lebendig und am Puls der Zeit, dass ein persönlicher und fachlicher Mehrgewinn auf jeden Fall zu erwarten ist. Mit viel Offenheit, Neugier und der Bereitschaft, Neues kennenzulernen kann dieses Praktikum zur Bereicherung auf allen Ebenen werden.

Studienfach: Angewandte Kulturwissenschaft und Kultursemiotik

Aufenthaltsdauer: 08/19 - 10/19

Praktikumsgeber: Bente Kahan Stiftung

Gastland: Polen


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