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Auf nach Indien – Ein Forschungs-und Austauschprogramm verbindet die Universitäten Potsdam und Delhi

20 Studierende erkundeten bei einer Exkursion die kulturelle Vielfalt Delhis. Foto: Paul Carlisle.

20 Studierende erkundeten bei einer Exkursion die kulturelle Vielfalt Delhis. Foto: Paul Carlisle.

2010 fanden in Indien die Commonwealth Games statt: ein traditionsreiches Sportereignis von internationalem Rang, mit Cricket, Polo und Rugby. Ins Leben gerufen wurde es bereits in Kolonialzeiten für die Mitglieder des britischen Empire. Die eigens für die Spiele 2010 errichteten Gebäude sind inzwischen Ruinen und prägen das Stadtbild indischer Metropolen. Auch auf dem Campus der Universität Delhi liegt ein ganzes Rugby-Stadion brach. Für solche und andere Spuren der Vergangenheit in einer globalisierten Welt interessiert sich das Forschungs- und Austauschprogramm „Writing the cosmopolitan imagination: genre transactions in world-literary space“.

2016 startete das Programm an den Universitäten Potsdam und Delhi. Seither gehen jedes Jahr mindestens fünf Studierende, Promovierende und Dozierende nach Delhi und ebenso viele indische Studierende und Lehrende kommen nach Potsdam. Gefördert wird das Projekt zunächst bis 2021 vom Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD) und von der indischen University Grants Commission (UGC). „Die Gleichberechtigung der beiden Projektpartner ist uns sehr wichtig“, sagt der Initiator des Programms, Prof. Dr. Dirk Wiemann. Auf indischer und auf deutscher Seite sind jeweils die Institute für Anglistik/Amerikanistik und Germanistik beteiligt.

„Die Moderne ist kein rein westliches Phänomen“, sagt Wiemann. „Wir fragen, wie überall auf der Welt Modernität gestaltet wird.“ Im Zentrum stehen Literaturen in Zeiten der Transnationalität. So sind zum Beispiel englischsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Indien weltweit bekannt – wie Salman Rushdie, Arundhati Roy oder Kiraṇ Nagarkar. „Doch diese wahnsinnig erfolgreichen Literaten überschatten jene Autoren, die in indischen Sprachen schreiben“, erklärt der Anglist. Diese Debatte werde in Indien sehr kontrovers geführt. Schließlich geht es um die Frage, wie Inderinnen und Inder auf die Vergangenheit des Landes als britische Kolonie zurückblicken.

Das Programm erforscht jedoch nicht nur Literaturen im klassischen Sinn, sondern auch Kulturphänomene, die aus semiotischer Perspektive ebenfalls als Texte ‚gelesen‘ werden: Architekturen, Filme, Bilder, Mode und vieles mehr. Immer geht es um ein Spannungsverhältnis zwischen Alt und Neu, lokal und global. Bei der Exkursion „Masala Modernities“ im Frühjahr 2018 erkundeten rund 20 Studierende aus ganz verschiedenen Fachbereichen – neben Anglistik und Germanistik auch Soziologie, Geschichte und Psychologie – die kulturelle Vielfalt Delhis. Ihre Forschungsthemen reichten von zeitgenössischer Street Art, muslimischer Architektur und Kleiderfragen bis hin zur Gleichberechtigung der Geschlechter. Eine Studentin widmete sich den besagten Hinterlassenschaften der Commonwealth Games 2010.

Angeleitet wurden die jungen Forscherinnen und Forscher von den Projektmitarbeitern Dr. Tania Meyer und Florian Schybilski. „Bei den praktischen Studien vor Ort ging es auch darum, Stereotype auseinanderzunehmen“, sagen die beiden. Und das war beeindruckend: „Eine schöne und spannende Erfahrung, eine neue Welt und auch mich selbst besser kennenzulernen“, sagt eine Studentin. Eine andere, die in Delhi zur „Macht der Kleidung“ geforscht hat, fasst die Erlebnisse poetisch zusammen: „Indien hat sich um meinen Finger gewickelt, wie der Sari sich um den Körper einer Frau schlingt.“ Ein Höhepunkt der Exkursion war eine große gemeinsame Konferenz der beiden Universitäten mit internationalen Forschungsgrößen wie Arjun Appadurai und Emily Apter. „Vielleicht ermuntert der Aufenthalt in Delhi ja sogar einige Studierende, nach ihrem Studienabschluss weiter zu forschen“, hofft Meyer. Sie ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Grundschulpädagogik Kunst, wo sie interdisziplinäre Projekte mit dem Schwerpunkt Ästhetische Forschung entwickelt – wie die Exkursion nach Delhi.

Im nächsten Jahr kommen dann indische Studierende für eine Spring School nach Potsdam. Bei den gegenseitigen Besuchen erkunden Gäste und Gastgeber immer auch gemeinsam die jeweiligen Stadtregionen. „Beide Seiten können vom Außenblick ihres Partners profitieren“, sagt Wiemann. Wie geht die Stadt Potsdam mit dem eigenen historischen Erbe um? Und wie wird Stadtgeschichte in Delhi geschrieben? Zu sehen, wie „andere Leute in anderen Tälern andere Schafe hüten“, das könne Augen öffnen. Und das Projekt hat Wachstumspotenzial, sagt der Anglist. „Wir würden die Kooperation gerne nach 2021 fortsetzen.“

Text: Jana Scholz
Online gestellt: Marieke Bäumer
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.nomorespam.de