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Sabattia Joseph Wolff - Freymüthige Gedanken

Quellenkommentar

von William Hiscott

Das anonym veröffentlichte Buch – laut Titelblatt „von einem Juden mit Zusätzen eines Christen“ geschrieben – wurde im Frühjahr 1792 verfasst und in Halle bei dem bedeutenden Verleger Johann Jacob Gebauer (1745–1818) für die Michaelismesse desselben Jahr gedruckt. Das Werk wurde entsprechend im Messkatalog annonciert.[1] In der Originalfassung hatte das Büchlein im Klein-Oktav-Format einen Umfang von 56 Seiten. Es ist in drei Teile gegliedert: zuerst eine im Sendschreibenstil verfasste Einleitung – beginnend mit der bekannten Formel „Werthester Freund!“ –, dann der Aufsatz selbst und anschließend die Zusätze des christlichen Korrespondenten. Für die ersten zwei Teile ist die Autorenschaft Wolffs gesichert: 1815 druckte Wolff am Ende eines seiner weiteren Werke eine Liste der von ihm verfassten Bücher, auf der sich auch dieser Titel wiederfindet.[2] In einer Korrespondenz von 1824 mit dem preußischen Kultusminister Karl von Altenstein paraphrasiert Wolff die Schlusspassage dieses Aufsatzes aus dem Jahr 1792 und erwähnt dabei, dass er der Autor dieser Zeilen gewesen sei.[3] Ob jedoch auch die Zusätze „eines Christen“ aus der Feder Wolffs stammen oder wie angegeben von einem christlichen Freund geschrieben worden sind, ist unklar. Insgesamt scheint das Werk wenig Aufmerksamkeit hervorgerufen zu haben. Eine Rezension des Buches wurde etwa in den Stats-Anzeigen erst 1793 zum Erscheinen des Etwas zur Charakteristik der Juden von Lazarus Bendavid veröffentlicht.[4]

Im einleitenden Teil stellt Wolff die grundlegende Idee des Aufsatzes dar. Obgleich Wolff die Bedeutung der fehlenden politischen Gleichberechtigung bei der Frage nach der bürgerlichen Verbesserung der Juden nicht unterschätzen wolle, irre man sich, wenn man glaubt, „daß mit der Naturalisation alles gethan sey“. (S. 7) Vielmehr bedürfe es einer „Reformation“ (S. 4) des Judentums, um die Juden überhaupt für einen solchen Schritt empfänglich zu machen. „Jene Empfänglichkeit“, so Wolff, sei nur möglich, wenn Männer von Kraft und Ansehen es sich angelegen seyn lassen wollten, so manches Vorurtheil, und Aberglauben, so manche unnöthige Gesetze, die talmudistischen Ursprungs sind, so manche abgeschmackte äußerliche Gebräuche durch Vernunftgründe zu bekämpfen; wenn sie mit Eifer darauf dringen wollten, daß man in den Synagogen den Vortrag einer vernünftigen Moral an die Stelle jener unnützen Ceremonien setzte, […]; daß man endlich aufhörte, den großen Haufen mit Hersagung von Gebeten zu quälen, die er nicht versteht, und bei denen er sich also nichts denken kann. (S. 7f.)

Mit der Problembeschreibung steht Wolff 1792 unter seinen Zeitgenossen keineswegs allein da. Veröffentlicht unmittelbar nach dem – nach Ansicht vieler Maskilim durch den Widerstand der traditionalistischen Deputierten verursachten Scheiterns der seit 1788 zwischen den jüdischen Colonien und der preußischen Regierung andauernden Verhandlungen zur Reform der Judenpolitik –, vertritt Wolff eine ähnliche Position wie Saul Ascher in seinem Leviathan von 1792.[5] Wie Ascher avanciert Wolff ein religionsphilosophisches Programm, wodurch das „Unwesentliche“ am Judentum – im Kern die halachischen Gesetze – mit der Zeit zugunsten einer Neuformierung des jüdischen Glaubens aufgegeben werden solle. Zentral darin: eine Besinnung auf das „Wesentliche der Religion“. (S. 33)

Im Unterschied zu Aschers Ausführungen ist Wolffs Aufsatz weniger philosophisch. Es gibt bei Wolff keinen Hinweis auf die kantische Wende, die viele Vertreter der Haskala nach dem Tode Moses Mendelssohns mit Begeisterung vollzogen. Vielmehr geht es Wolff darum, mit einem diagnostischen Blick die praktischen Hindernisse aufzuzeigen, welche die „Strenge der jüdischen Gesetze“ (S. 14) mit sich bringen und wodurch der Jude[6] niemals ein „brauchbares Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft seyn“ (S. 11) könne. Wolff verdeutlicht dies anhand der Schwierigkeiten, die einem rechtlich und politisch gleichberechtigten jüdischen Berufstätigen in der bürgerlichen Welt widerführe, sofern das Judentum nicht im Voraus reformiert werden würde. Über mehrere Seiten beschäftigt sich Wolff mit Spezifika: die täglichen Gebete, die vielen Feiertage, Trauertage und Perioden religiös verordneter Untätigkeit, der Schabbat an einem für die übrige Gesellschaft üblichen Werktag – summa summarum die „ewigen Collisionen“ (S. 18) zwischen religiösem Brauch und bürgerlicher Existenz in ökonomischer Hinsicht. Jüdische Berufstätige hätten zudem „unendlich mehr Abhaltungen, und bei weitem mehr Ausgaben“ (S. 18) als die christlichen, darunter auch die privaten Kosten, die durch die koschere Küche und ähnliche Vorschriften entstünden. Aus Wolffs Sicht zwängen solche Mehrkosten und die religiös verursachte Unwirtschaftlichkeit im Vergleich zu Christen den Juden dazu, „Wucherer“ (S. 20) in ihren potentiellen bürgerlichen Professionen zu werden, d.h. genau wie sie es im (in Preußen den Juden im 18. Jahrhundert gestatteten) Handelsberuf schon seien. Wolff lässt nicht außer Acht, dass die diskriminierende Judenpolitik Preußens – vor allem die unverhältnismäßig drückende Steuerlast auf den jüdischen Kolonien – ebenfalls dazu führe, dass jüdische Berufstätige „mit den Christen nicht gleiche Oeconomie“ (S. 23) treiben können. Er fordert den Staat auf, die seinerseits errichteten Ungleichheiten nach und nach aufzuheben, auch wenn es für Wolff „wahr ist, daß größtentheils die Religion es ist, die den Juden hindert“. (S. 23)

Danach geht Wolff zu seinen Vorschlägen über, wie eine „den Umständen angemessene vollkommene Reform“ stattfinden soll, nämlich mit „Vorbereitung, Behutsamkeit [und] Beharrlichkeit“. (S. 24) Es müssen zunächst „Reformatoren“ (S. 25) in den weltlichen Wissenschaften ausgebildet werden, die dann die Lehrerschaften an den jüdischen Schulen weiterbilden können. Der Lehrerberuf müsse insgesamt professionalisiert und das Schulwesen erheblich erweitert werden, sodass „de[m] gemeine[n] Mann unter den Juden“ begreiflich gemacht werden könne, dass „so manche religiöse Einrichtung für unsere Zeiten eben so wenig passe, als ein Kleid anderer Himmelsgegend und anderer Zeiten“. (S. 30)

Wolff strebt zwar einen umfassenden religionsphilosophischen Umsturz des jüdischen Glaubens an, aber in praktischer Hinsicht dringt er auf eine behutsame Befähigung der Juden „zu allen bürgerlichen Handtierungen“. (S. 31) Darin ist für Wolff der Zusammenhalt der Juden und der Erhalt des Judentums wichtiger als die philosophische Vollständigkeit einer übereilen Reformation des Judentums: „[M]it dem Schneckengange wird man gewiß Riesenschritte machen.“ (S. 31) Am wichtigsten sei es, dass sich alle Juden gemeinsam dem Reformationsprozess unterzögen; Wolff warnt vor einer Individualisierung des Glaubens und einer persönlichen Auswahl der zu haltenden religiösen Gesetze und Vorschriften. „Der sich selbst überlassene Laie“ (S. 33) würde sich so daran gewöhnen, aus Eigennutz- und nicht aus Moralitätsgründen zu handeln: „Er, der sich gewöhnt hat, seinem Vortheil Ceremonie, Gesetz und Religion aufzuopfern, wird seinen Vortheil endlich allein zum Maaßstabe seiner Handlungen machen.“ (S. 24)

Der Fokus der Zusätze „eines Christen“ beschäftigt sich mit einigen Detailfragen, die nach seiner Ansichten der konkreten Reformation des Judentums dienlich sein könnten. Der Autor dieses Teils der Schrift empfiehlt eine umfassende Reform der jüdischen Schulen unter staatlicher Aufsicht, darunter die Hinwendung zur weltlichen Bildung und das Ablegen der hebräischen zugunsten der deutschen Sprache als Wissens- und Religionssprache. Wolffs Argumente unterstützend bezieht sich der Autor auf die Bedeutung der breiten Volksaufklärung. Zwei Zielgruppen fasst er genauer in den Blick: die Jugend, denn „bei den Alten fange man das Reformationswerk nicht an“, (S. 41) und die Frauen, da diese ohne ein produktives und substantielles Bildungsangebot die „Coquetterie, die Lesesucht, die Empfindelei und romaneske Denkungsart“ (S. 54) auf schädliche Weise vorziehen würden. Ein Zurück zu tradierten Geschlechterverhältnissen ist für den Autor jedoch keine Option, denn die „Orthodoxie der Väter“ (S. 55) lasse sich nicht mehr herstellen. Insgesamt stimmt der Autor der Zusätze mit Wolff darin überein, dass das Hinarbeiten zu einem aufgeklärten Judentum dringlich notwendig sei, aber vorsichtig umgesetzt werden müsse.

Die Bestrebung, das Religiöse im Judentum geordnet und mit Bedacht zu reformieren, zeigt Wolff erneut 1823 durch seine Unterstützung für die deutschsprachige Reformsynagoge in Berlin.[7] Im Gegensatz zu anderen Maskilim, die sich im Laufe der 1790er Jahren vom religiösen Leben abwandten, hielt Wolff über Jahrzehnte an seinen Vorschlägen zur Reform des jüdischen Gottesdienstes fest, die er in seiner oben zitierten Kritik von 1792 formuliert hatte. 1819 erwähnt Wolff beiläufig, dass er Zeit seines Lebens oft protestantische Gottesdienste besuchte, um die erbauenden Moralpredigten zu hören, die ihm in der Synagoge fehlten.[8] An der Frankfurter Universität hörte er zudem den Aufklärungsphilosophen und rationalistischen Theologen Gotthelf Samuel Steinbart (1738–1809). Steinbarts Vorschläge zur Schulreform und zur Anpassung der (christlichen) Religion an die realen Glückseligkeitserwartungen ihrer Anhänger finden indirekt Eingang sowohl in Wolffs Schrift als auch in die darin enthaltenen Zusätze des Christen.[9]


Anmerkungen

[1] Allgemeines Verzeichniß der Bücher, welche in der Frankfurter und Leipziger Michaelismesse des 1792 Jahres entweder ganz neu gedruckt, oder sonst verbessert wieder aufgelegt worden sind, auch inskünftige noch herauskommen sollen. Leipzig: in der Weidmannischen Buchhandlung 1792. S. 220. [2] Wolff, S[abattia] J[oseph], Tripotage! bey verschiedenen Gelegenheiten eingebrockt und zubereitet, beygesetzt, gekocht und aufgetragen im Jahre 1814. Erstes Gerichtgen zur Speise. Berlin 1815, S. 208. [3] Siehe: Meyer, Michael A. The Orthodox and the Enlightened. In: Leo Baeck Year Book XXV. London: Secker & Warburg 1980. S. 101–132, hier S. 105. Wolffs Autorenschaft wird in zeitgenössischer bibliographischer Literatur angegeben, siehe: Hitzig, Julius Eduard (Hg.). Verzeichniss im Jahre 1825 in Berlin lebender Schriftsteller und ihrer Werke. Aus den von ihnen selbst entworfenen oder revidirten Artikeln zusammengestellt und zu einem milden Zwecke herausgegeben. Berlin: F. Dümmler 1826. S. 309; Schmidt, Friedrich August und Voigt, Bernhardt Friedrich. Neuer Nekrolog der Deutschen, Bd. 10/1: 1832. Ilmenau: Bernh. Fr. Voigt 1834. S. 128f., hier S. 128; Kayser, Christian Gottlob. Vollständiges Bücherlexicon, Bd. VI. Leipzig 1836. S. 280. [4] Bürgerliche Verbesserung der Juden. Extract aus einer Menge von Druckschriften, die hierüber seit 12 Jahren im Publico erschienen sind: A* Freymüthige Gedanken über die vorgeschlagene Verbesserung der Juden in den Preußischen Staaten […], B* Etwas zur Charakteristik der Juden […]. In: Stats-Anzeigen, Bd. 18. Göttingen: in der Vandenhoeck-Ruprechtschen Buchhandlung 1793. S. 482–503. [5] Siehe Ascher, Saul. Leviathan oder Ueber Religion in Rücksicht des Judenthums. Berlin: in der Frankeschen Buchhandlung 1792. [6] Wolff benutzt hier in proto-soziologischer Hinsicht den Singular. [7] Vgl. Meyer, The Orthodox and the Enlightened. S. 105, Fn. 14. [8] Wolff, S[abattia] J[oseph]. Wieder Juden. Sendschreiben an Herrn Julius v. Voss, veranlasst durch die, von ihm mir gewidmete Schrift die Hep Heps, zur Vertheidigung der Christen. Berlin: in der Maurerschen Buchhandlung 1819. S. 37. [9] Vgl. Steinbart, Gotthelf Samuel. System der reinen Philosophie, oder Glückseligkeitslehre des Christenthums für die Bedürfnisse seiner aufgeklärten Landesleute […]. Züllichau/Jena 1778; ders., Gründe für die gänzliche Abschaffung der Schulsprache des theologischen Systems. Züllichau/Jena 1782; sowie ders. Vorschläge zu einer allgemeinen Schulverbesserung, insofern sie nicht Sache der Kirche, sondern des Staats ist. Züllichau/Jena 1789. 

Zitierhinweis:

William Hiscott: Quellenkommentar auf Sabattia J. Wolffs Freymüthige Gednaken (Version II, 2017), in: haskala.net. Das online-Lexikon zur jüdischen Aufklärung / hg. von Christoph Schulte, URL<>, letzter Zugriff [Datum, Uhrzeit].