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[Der Porträtierte[Bildbeschreibung] [Zitierhinweis]

Das Portrait des Raphael Levi (nach 1760)

von Christoph Schulte

Quelle: © Historisches Museum Hannover
[Ausschnitt] unbekannter Maler: Porträt Raphael Levi, nach 1760

Der Portraitierte: Raphael Levi

(1685 Weikersheim/Tauber – 17. Mai 1779 Hannover)

Raphael Levi wurde 1685 in Weikersheim an der Tauber in Franken geboren und vermutlich schon im Knabenalter in eine angesehene Jeschiva in Frankfurt am Main gegeben, um wie sein Urgroßvater, R. Raphael Levi aus Hanau, Rabbiner zu werden. Nach dem Tod seines Vaters Jakob Josef Levi kehrte Levis Mutter Eva in ihre Geburtsstadt Hannover zurück, wo sie 1706 starb. Unklar ist, ob Raphael Levi dann wegen des Todes seines Vaters aus Geldnot die Jeschiva verlassen mußte; jedenfalls kommt er in den Jahren nach 1700 ebenfalls nach Hannover, wo er als Buchhalter im Bankhaus des Simon Wolf Oppenheimer, dem Sohn des einflußreichen kaiserlichen Hofjuden Samuel Oppenheimer in Wien und Hannoveraner Residenten des Bankhauses Oppenheimer, angestellt wird.


Raphael Levi

Erfahren Sie mehr über die Biographie des Aufklärers Raphael Levi.


Bildbeschreibung- und Interpretation

Ganze Ansicht

Das berühmte Ölgemälde des Raphael Levi im Historischen Museum Hannover ist eine Arbeit von unbekannter Hand, die nach 1760 entstanden sein muß. Es hat die Maße 89,6 x 71,3 cm, ist in Öl auf Leinwand gemalt und zeigt Levi nicht einfach als naturwissenschaftlich und rabbinisch Gelehrten, der er selbstverständlich auch war. Es zeigt ihn vielmehr als Forscher. [1] Es handelt sich hier vermutlich um das historisch und kunsthistorisch erste Porträt eines Juden als Forscher, das wir überhaupt haben.

Das Porträt von unbekannter Hand zeigt Levi als Halbfigur stehend in der rechten Bildhälfte; in der linken Bildhälfte sind auf einem Tisch oder einer Arbeitsfläche seine Forschungsinstrumente abgebildet. Levi steht vor diesen Forschungsinstrumenten: einem astronomischen Teleskop, einem Globus, den Zeicheninstrumenten des Mathematikers, einem Manuskript und einem Buch. Das Manuskript trägt gut leserlich den Titel "Die Algebra" (obschon auf dem Manuskript gut erkennbar geometrische Figuren gezeichnet sind), beim Buch handelt es sich um Levis eigenes, deutschsprachiges mathematisches Werk Neue compendiöse Allgemeine Cours- und Wechseltafeln, gedruckt 1760 in Hannover. Das Druckdatum dieses Buchs, das auf der Leipziger Buchmesse des Jahres 1760 angeboten wurde, erlaubt es, die Entstehungszeit des Porträts zu datieren, die sonst nirgends vermerkt ist.

Ganze Ansicht
Foto: © Historisches Museum Hannover
Portrait: Raphael Levi, Öl auf Leinwand, 89,6 x 71,3 cm, nach 1760

Der Präzision dieser Details wegen können wir annehmen, daß es sich um eine Auftragsarbeit Levis handelt, zumindest muß er den unbekannten Maler genau instruiert haben, mit welchen seiner wissenschaftlichen Errungenschaften er gemalt werden möchte. Insofern bringt dieses Gemälde die Selbstwahrnehmung und das Selbstverständnis des damals schon über 75jährigen Levi zum Ausdruck, der dem Beschauer aus dem Gemälde zufrieden und stolz entgegenlächelt.

Dies ist kein Standard-Gelehrtenporträt mit obligatem Totenschädel und Bücherwand, hier präsentiert sich ein erfolgreicher und vielseitiger Forscher mit dem Ertrag seiner Forschungen. Nichts weist dabei auf den Juden Raphael Levi hin, gar den rabbinisch gelehrten Juden Raphael Levi, der doch 1756/57, dem Titel und der Sache nach im Anschluß an Maimonides, ein zweibändiges hebräisches astronomisches Werk mit dem Titel Luchot Ha’Ibbur (‚Tafeln der Monatszyklen’) publiziert hatte, das astronomische Kalendertafeln zur Berechnung des jüdischen Schaltjahres bzw. Schaltmonats enthält. Dieses Werk war noch jahrzehntelang bei Rabbinern in Gebrauch, denn die astronomische Berechnung der jüdischen Monate, Feiertage und Feste, das exakte Wissen um ihren Beginn und ihr Ende, ist religionsgesetzlich von größter Bedeutung. Ebenfalls 1756, also nur wenige Jahre vor der Entstehung seines Porträts, erschien das Buch Techunat HaSchamajim ('Himmlische Astronomie'), das ein breiteres jüdisches Publikum über die Astronomie nach Kopernikus aufklären und belehren soll. Diese beiden hebräischen Bücher sind ausschließlich an ein jüdisches Publikum adressiert und zeigen Levi als sowohl in der rabbinischen Tradition als auch in den modernen Naturwissenschaften bewanderten Gelehrten.

Von all diesem innerjüdischen Wirken und von seinen hebräischen Werken finden sich auf dem Ölgemälde keine Hinweise. Levi läßt sich wie ein christlicher Zeitgenosse in dunklem Rock mit weißen Spitzenmanschetten und schmaler weißer Halsbinde abbilden, er trägt Perücke und ist rasiert. Auch in Kleidung und Aussehen weist also nichts auf den Juden Levi hin, sondern alles auf den weltgewandten Forscher. Stolz ist seine Rechte auf den Globus gelegt und hält diesen fest, während der Zeigefinger seiner Linken auf einen Punkt des Globus in Mitteleuropa deutet, sehr wahrscheinlich auf Hannover: Diese Haltung und der Globus lassen sich interpretieren als ein Hinweis auf den wichtigsten wissenschaftlichen Erfolg des Forschers Raphael Levi, dem es 1748 gelungen war, ein einfaches astronomisches Verfahren zu entwickeln, das es erlaubt, zügig die Längengrade und damit die Position z.B. eines Schiffes an jedem beliebigen Punkt des Globus zu errechnen. Dieses Verfahren hatte er dem aus Hannover stammenden britischen König Georg II. im Schloß Herrenhausen bei Hannover demonstriert und war auf Veranlassung des Königs 1748 nach London eingeladen worden, um, obwohl Jude, der britischen Admiralität und der Royal Society dieses Verfahren vorzuführen.

Dies führte nicht nur zur längsten Reise im Leben des Raphael Levi, sondern war auch die höchste Ehrung, die ihm in seinem Leben zuteil wurde: Ein Vortrag vor der Royal Society war für einen Naturwissenschaftler der Epoche die höchste Ehrung, die ihm zuteil werden konnte. Noch in seiner umfassenden hebräischen Grabstein-Inschrift auf dem jüdischen Friedhof in Hannover, die Levi vermutlich selbst vorformuliert hat, heißt es:

Foto: © Historisches Museum Hannover
Portrait: Raphael Levi, Öl auf Leinwand, 89,6 x 71,3 cm, nach 1760

Fromm, rechtlich und hochangesehen hat er die Bahnen des Himmels beleuchtet und ist auf dem Gefährt des Wissens zum Himmel emporgestiegen, seine Weisheit und Einsicht ist allen Völkern bekannt, und vor Fürsten und Könige durfte er hintreten, der hervorragende Geistesfürst.[2]

Fürsten und Könige, und, ein wichtiger hebräischer Plural, cal amim, alle Völker: nicht nur das jüdische Volk, sondern auch die Nichtjuden, haben Levis wissenschaftlicher Leistung Anerkennung gezollt, sagt der Grabstein. Mit genau diesem Selbstbewußtsein präsentiert sich der 75jährige Levi auf dem Ölgemälde: als Forscher, nicht primär als Jude.

Denn anders als der traditionelle jüdische Gelehrte, allemal der rabbinische Kommentator, hat der Forscher Levi das Wissen nicht nur tradiert, sondern er hat es durch Forschungen gemehrt. Er hat als Forscher neues Wissen hinzugewonnen, das allen Menschen zugute kommt. Und zwar in den Naturwissenschaften, die für viele Rabbiner seiner Zeit eine terra incognita war, wenn nicht gar ihr Studium untersagt und unterbunden wurde. Raphael Levi war demgegenüber besonders stolz darauf, ein unter Juden und Nichtjuden anerkannter Forscher zu sein, nicht bloß ein Gelehrter oder gar nur rabbinischer Gelehrter. Das Porträt präsentiert ihn als aufgeklärten Juden, als erfolgreichen Wissenschaftler und Forscher, und als Mann von Welt.

[1] Shmuel Feiner: Mahapechat HaNe’orut. Jerusalem 2002, S. 62f. [2] Samuel Gronemann, Genealogische Studien (wie Anm. 6), S. 96 u. 130-133.

Zitierhinweis:

Christoph Schulte: Das Portrait des Raphael Levi. Bildbeschreibung und -interpretation (Version II, 2017), in: haskala.net. Das online-Lexikon zur jüdischen Aufklärung / hg. von Christoph Schulte, URL<>, letzter Zugriff [Datum, Uhrzeit].