Internationale Konferenz des Networks on Cultural Diversity and New Media: „REVOLUCIÓN 4.0 EN UN MUNDO GLOBAL: ESTADO-EMPRESAS-EDUCACIÓN / REVOLUTION 4.0 IN A GLOBAL WORLD: STATE-COMPANY-EDUCATION“

13. – 15. November 2019, Universidad Autonoma de Santo Domingo (UASD)

Dr. Julius Erdmann

Department für Bildungswissenschaften, Professur Primarstufe Sachunterricht

Universität Potsdam

 

Thema der Konferenz:

Im November 2019 wurde an der Universidad Autonoma de Santo Domingo (UASD), Dominikanische Republik, erstmals eine Konferenz des Networks on Cultural Diversity and New Media (CultMedia) mit lokalem Fokus auf Mittelamerika veranstaltet. Vorsitzender des Organisatorenteams war Prof. Dr. Andres Merejo von der UASD. Ziel dieser Konferenz war der Austausch zwischen dominikanischen und europäischen ForscherInnen zu aktuellen und innovativen Themen medientechnologischer und medienkultureller Forschung. Inhaltlicher Schwerpunkt war die „Revolution 4.0“, ein in Süd- und Mittelamerika verbreitetes Konzept, welches einerseits mit der Digitalisierung einhergehende, ökonomische Veränderungen (Industrie 4.0), andererseits sozial-kulturelle Veränderungen, die mit der Digitalisierung der Hauptbereiche des modernen Lebens einhergehen, umfasst. Zu diesem Zweck wurden WissenschaftlerInnen aus den Fachbereichen Philosophie, Technikethik, Technikfolgeabschätzung, Ingenieurwesen, Lehrerbildung sowie Bildungswissenschaften zu einem Dialog eingeladen.

 

Beiträge der Konferenz:

Nach der feierlichen Eröffnung der Konferenz durch die LeiterInnen des Forschungsnetzwerks, Herrn Prof. Dr. Björn Egbert und Herrn Dr. Julius Erdmann, sowie durch die Präsidentin der Autonomen Universität Santo Domingo, Frau Dr. Emma Polanco Melo und durch den Vertreter des deutschen Botschafters in der Dominikanischen Republik, Herrn Dr. von Schröter, folgte der Eröffnungsvortrag durch die Vizepräsidentin der Dominikanischen Republik, Frau Dr. Margarita Cedeno. Neben der politischen Würdigung, die dadurch der gesamten Konferenz zuteilwurde, gab dieser Vortrag einen wichtigen politischen Einblick in die Herausforderungen der digitalen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in der Dominikanischen Republik. Frau Dr. Cedeno hob hierbei vor allem hervor, dass ethische und wissenschaftliche Reflexionen den Prozess der Digitalisierung begleiten müssen, um solche technisch-medialen Entwicklungen zu einer, für den größtmöglichen Teil der Bevölkerung guten Dynamik zu wenden. Darauf folgte der zweite Eröffnungsvortrag von Herrn Prof. Dr. Banse, welcher sich der Industrie 4.0 und der Digitalisierung der Wirtschaft aus der Sicht der Technikfolgeabschätzung widmete. Herr Prof. Banse stellte dabei heraus, dass weniger die zumeist unreflektierten Heilsversprechen der Automatisierung von Fertigung und Produktion zu betrachten sind, sondern vielmehr die aktuellen Herausforderungen im Bereich ökonomischer Umsetzung und technisch-individueller Bildung.

Diesen Gedankengang griff der Vizerektor der UASD für Forschung, Prof. Dr. Mauro Canario, zu Beginn des nächsten Konferenztages auf. In seinem Vortrag beschrieb er die Umsetzung von Digitalisierungsstrategien an der größten Universität des Landes, der Autonomen Universität Santo Domingo. Diese Dynamik sei insbesondere durch mangelnde Ressourcen (finanziell sowie bzgl. des technologischen Know-Hows) in der Dominikanischen Republik eingeschränkt. Ebendiesen Punkt unterstrich der Wirtschaftswissenschaftler Dr. Antonio Ciriaco in seinem Vortrag zur Bedeutung der Industrie 4.0 in entstehenden Industriekulturen, wie der der Dominikanischen Republik.

In seinem Beitrag nahm Dr. Julius Erdmann globale und lokale Kulturen der Technikaneignung in den Blick. Dazu wurden Konzepte der Medienaneignungsforschung auf deren Kompatibilität mit der algorithmischen Struktur und der Interface-Kultur digitaler Medien geprüft. Dabei wurde ein Schwerpunkt auf kulturelle Dynamiken gelegt, welche in der Spannung zwischen mittlerweile global geltenden Medienregimes und lokalen Aneignungs- und Anpassungspraktiken stehen. Anschließend stellte Prof. Dr. Andreas Metzner-Szigeth von der Universität Bozen Gemeinsamkeiten der Paradigmen Internet of Things, Smart City und Industrie 4.0 vor. Im Unterschied zu Herrn Prof. Banse, welcher einen Blick auf die Realität der Industrie 4.0 lenkte, zeigte Metzner-Szigeth insbesondere die paradigmatischen Ideologien vor, welche mit diesen Begriffen verbunden sind. Er beendete seinen Vortrag mit der Frage der sozialen Erwünschtheit solcher Dynamiken und mit der provokativen Aussage, dass doch der Mehrwert insbesondere bei solch technikidealistisch besetzten Konzepten erneut geprüft werden müsse. Zum Ende des Vormittags führte Prof. Altagracia Suriel diesen Gedankengang fort, indem sie die ethischen Probleme und insbesondere zu veranschlagende Werte der sozial auszurichtenden Revolution 4.0 vorstellte. 

Am Nachmittag nahm Prof. Xabier Insausti der Universität des Baskenlandes eine philosophische Reflexion der Digitalisierung vor. Unter Rückgriff auf die Phänomenologie (u.a. Husserl) verstärkte Insausti den Eindruck, dass die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft nicht ohne begleitende Maßnahmen erfolgen kann. Diese betreffen insbesondere die Wiedereinführung eines sinnlichen Zugangs zu Technologie. Aus bildungswissenschaftlicher Sicht bestätigte der Potsdamer Wissenschaftler Prof. Dr. Björn Egbert diese Wahrnehmung. Prof. Egbert zeigte auf, inwiefern technologische Kompetenzen im Sinne individueller Steuerungs- und Programmierfähigkeiten in das schulische Curriculum aufgenommen werden müssen, um den Herausforderungen einer durch Industrie-4.0-Produktionsprozesse geprägten Gesellschaft begegnen zu können.

Nach einem theoretischen Vortrag zur Reflexion der digitalen Gesellschaft aus Sicht der hermeneutisch orientierten Philosophie durch Herrn Prof. Dr. Edickson Minaya beschloss der spanische Technikpädagoge Dr. Roberto Feltrero den Konferenztag mit einer Präsentation zur inklusiven Gestaltung digitaler Produktions- und Anwendungsprozesse. Dr. Feltrero führte hierbei erfolgreich die Konzepte der Technikaneignung mit Technikbildung und der Inklusion gesellschaftlicher Minoritäten (insbesondere Menschen mit Behinderung) zusammen und stellte Best Practices zivilgesellschaftlicher Initiativen vor.

Die Konferenz wurde am 14. November mit einem resümierenden Vortrag des baskischen Philosophen Prof. Dr. Nicanor Ursua in der Autonomen Universität Santo Domingo, Zweigstelle Higuey, beschlossen. Prof. Ursua brachte hierbei die verschiedenen vorgestellten Forschungsansätze und Analysen in einen Zusammenhang und bezog diesen insbesondere auf die europäischen und dominikanischen Realitäten. Er hob final die Bedeutung didaktischer und individuumszentrierter Konzepte als Begleitung der technisch-medialen Entwicklung vor. 

 

Beschreibung des Forschungsnetzwerks CultMedia:

Das internationale Forschungsnetzwerk „Kulturelle Diversität und Neue Medien“ (Network on Cultural Diversity and New Media) CultMedia hat das Anliegen, Veränderungen kultureller Praxen (etwa Nutzungsmuster, Nutzungsmotivationen und Nutzungssituationen), die im Zusammenhang mit der Anwendung digitaler und interaktiver Medien stehen, zu analysieren. Der Wandel der Medienlandschaft wird hierbei im Verbund veränderter Formen der Kommunikation, neuer technologischer Anwendungsoptionen, der Neuausrichtung von Medieninstitutionen und Medieninhalten betrachtet. Die rasante Entwicklung und Ausbreitung insbesondere netzbasierter Kommunikation führt zu einem umfassenden Kulturwandel in allen Lebensbereichen der Gesellschaft, welcher sich in kulturellen Trends und Metaphänomenen wie der Mediatisierung der Alltagswelt und der Globalisierung kultureller Kommunikation und Wahrnehmung ausdrückt und sich auf individuelle Dimensionen der Mündigkeit,  Verantwortung und des Handelns auswirkt. Das entsprechende Forschungsfeld wird im Diskurs mehrerer Fachdisziplinen behandelt. Dazu werden regelmäßige Jahreskonferenzen sowie zusätzliche Konferenzen mit Schwerpunkt auf den Austausch zwischen den geografisch verankerten Netzwerkknoten ausgerichtet.