Lehrforschungsprojekt "Soziale Ungleichheit und Elitenbildung" 2018/19

Hier stellen Studierende des MA Soziologie Ergebnisse ihrer Forschungsprojekte vor. Diese sind im Rahmen des Seminars "Soziale Ungleichheit und Elitenbildung: Ethnografisches Lehrforschungsprojekt“ im Wintersemester 2018/19 und Sommersemester 2019 entstanden (Dozentin: Dr. Käthe von Bose).

Social Freezing.Zwischen Mutterschaft und selbstbestimmter Lebensführung

von Phila Hädler, Elisabeth Kraft und Matthias Küster

Diese Forschungsarbeit beschäftigte sich mit der Implementierung des biotechnologischen Verfahrens der Eizellkonservierung durch Einfrieren als Verfahrensangebot der Reproduktionsmedizin, umgangssprachlich bekannt als “Social Freezing” (SF). Das aus der Onkologie stammende Verfahren der Eizellextraktion bei Frauen dient dabei im Sinne medizinischer Indikation der Vorbeugung zur Fertilitätsfähigkeit im Anschluss an chemotherapeutische Verfahren. Aus diesem medizinischen Verfahrensansatz heraus bildete sich eine neue Einsatzmöglichkeit rein sozialer Indikation, welche das Eizellkonservierungsverfahren nutzt, um auf die Bedürfnislagen von Frauen einzugehen, deren Lebensplanung innerhalb von Familien- und Berufskontexten somit zu mehr Kontrolle, Planbarkeit und Flexibilität verholfen werden soll.

Das Forschungsprojekt befasste sich in einer Ethnografie und mit dem Forschungsstil der Grounded Theory folgende Frage: Welches Frauenbild wird im Kontext des Verfahrens des “Social Freezing” konstruiert? Unsere Forschungsfragen zielten vor allem auf soziale Ungleichheit und Geschlecht: Wie kann es sein, dass sich bestimmte Maximen der Ökonomisierung bis hinein in intime Sphären privater Lebensbereiche internalisieren? Wie funktionieren diese und warum sind sie so wirkmächtig? Inwiefern erlauben und bedingen Aspekte der sozialen Ungleichheit vergeschlechtlichte technologische Angebote wie Social Freezing überhaupt erst?

Anhand der Analysen verschiedener Materialien – Interview mit einer Gynäkologin, teilnehmende Beobachtung auf einer Kinderwunschmesse, Blogs, Informationsmaterial – eröffneten sich zwei analytische Dimensionen sozialer Ungleichheit, die mit dem Thema verwoben sind. Zum einen wird das ‘Subjekt’ Frau verallgemeinert und die sozioökonomische Ungleichheit verschleiert bzw. untergraben. Zum anderen trägt das Angebot nicht dazu bei, die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ‘Mann’ und ‘Frau’ aufzulösen. Das von den Frauen entworfene Bild ‘guter Mutterschaft’ ist durch traditionelle Mütterlichkeitsideale geprägt, welche diametral zu ihrem Verständnis von Selbstbestimmung stehen, so dass sie spätestens ab dem Zeitpunkt der eigenen Schwangerschaft in die „Retraditionalisierungsfalle“ (vgl. Seehaus, Rhea: Die Sorge um das Kind. Eine Studie zu Elternverantwortung und Geschlecht, 2014) tappen.

Daher sollte nicht nur die Frage gestellt werden, was SF im Allgemeinen für eine moderne Gesellschaft bedeutet, sondern vor allem, welche Lebensumstände von Frauen dazu führen, dass sich Ungleichheitsverhältnisse immer wieder verlagern und damit, wie im Kontext des SF-Verfahrens, letztlich nur neu rekonstituiert werden.


"... es geht ja auch son bisschen um den Spaß" - Über das Sozialisationsverhalten einer studentischen Frauenverbindung

von Nicole Wiedemann

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Über die Elitenkonstruktion der "Neuen Rechten" - Eine medienethnografische Untersuchung am Beispiel der Identitären Bewegung

von Katharina Lübstorf

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Faschismus der Gegenwart?

Empirische Untersuchung zur Wirklichkeitskonstruktion und zum Selbstverständnis der Identitären Bewegung Deutschland im Kontext von „Neuer Rechten“ und „Rechtspopulismus“

 von Sten Siegel

Ziel dieses Forschungsberichtes ist, eine empirisch begründete Einschätzung darüber zu entwickeln, ob die als Teil der „Neuen Rechten“ klassifizierte Identitäre Bewegung Deutschland (IBD) eine faschistische Ideologie in zeitgenössischer Form propagiert und sich in ihrem Selbstverständnis als faschistische Bewegungselite versteht.

Auf Grundlage verschiedener, von der IBD öffentlich gemachter Dokumente (Flyer, Aufkleber, Videos, Websites), haben wir mit Hilfe der Grounded Theory (Strauss: 1996) in einem mehrstufigen qualitativen Kodierprozess einen sinnhaften Strukturzusammenhang in den Dokumenten entdeckt, der den weltanschaulichen Kern der IBD freilegt sowie uns Auskunft über ihr Selbstverständnis und ihre Wirklichkeitskonstruktion gibt.

Durch den von Roger Griffin (Griffin: 1991) entwickelten idealtypischen Faschismusbegriff theoretisch sensibilisiert, können wir diesen Strukturzusammenhang als zeitgenössische Form einer faschistische Ideologie klassifizieren. Die IBD führt einen Kampf gegen die als dekadent empfundenen Phänomene der Moderne (Globalisierung, Pluralismus, Individualisierung) mit dem Ziel, einen ethnisch/völkisch und weltanschaulich/kulturell homogenen, souveränistischen Nationalstaat herzustellen. Die IBD sieht sich in diesem Kampf als völkische Avantgarde, die mittels eines elitären Populismus (Griffin: 1991) versucht, das ethnisch definierte Volk zum Zwecke einer nationalen Palingenese zu mobilisieren.

Dieser Beitrag kann im Rahmen der Rechtsextremismusforschung helfen, politische Strömungen wie „Neuer Rechten“ und „Rechtspopulismus“ - in denen neben der IBD auch politische Parteien wie die Alternative für Deutschland (AfD) zu verorten ist - als zeitgenössische Formen faschistischer Ideologie zu erkennen und Unterscheidungskriterien Geltung zu verschaffen, die klar zwischen rechten Populismus oder Konservatismus und Faschismen der Gegenwart unterscheiden können.

 

Keywords: Identitäre Bewegung - Faschismus  - Rechtsextremismus  - Grounded Theory - Ideologie


Studentisches Wohnen in Berlin und Potsdam:Privat finanzierte Studierendenwohnheime als Spiegelbild sozialer Ungleichheit

von Isabella Völzke, Regina Bock und Christian Zänkert

Dieses Lehrforschungsprojekt setzte sich mit der Wohnsituation von Studierenden in Berlin und Potsdam auseinander. Untersuchungsgegenstand der Forschung waren privat finanzierte Studierendenwohnheime, speziell die Einrichtungen Campus „Viva 1“ und „Youniq“. Da es für Studierende zunehmend schwieriger wird, eine bezahlbare Wohnung in Berlin und Potsdam zu finden, bieten jene Einrichtungen nach eigener Aussage eine schnelle, komfortable und unkomplizierte Lösung an.

Ziel der vorliegenden Studie war es, darzustellen, wo die Licht- und Schattenseiten dieses Konzeptes liegen. Speziell wurde die Frage gestellt, inwiefern privat finanzierte Studierendenwohnheime soziale Ungleichheit konstruieren und (re-)produzieren. Zur Beantwortung dieser Frage wurden die raumtheoretischen Ansätze von Pierre Bourdieu und Martina Löw herangezogen. Zudem wurden im Rahmen der Grounded Theory verschiedenen methodische Verfahren angewendet: Einerseits wurden Leitfadeninterviews mit einigen Bewohner*innen und der Organisation „Hände weg von Wedding!“ geführt. Andererseits wurde eine detaillierte Analyse der Webseiten und eine teilnehmende Beobachtung rund um die Wohnheime durchgeführt. Aus der Analyse der genannten Methoden ließen sich verschiedene Ergebnisse zu dem Habitus, der Herkunft und zu den Distinktionsmerkmalen der Bewohner darstellen. Es wurde aufgezeigt, welche sozialen Gruppen privat finanzierte Studierendenwohnheime konkret ansprechen – und welche nicht. Zudem konnten Aussagen zu der Integration der Einrichtungen in den sozialen Raum getroffen werden.