Ausstellungsprojekt in Riga: "Das ideale baltische Buchregal im europäischen Kontext"

Lettische Nationalbibliothek in Riga
Foto: Lettische Nationalbibliothek in Riga

In der Lettischen Nationalbibliothek in Riga werden Bücher auf programmatische Weise als integraler Bestandteil von kulturellem Erbe und Gedächtnis sichtbar gemacht. So wurde die Nationalbibliothek im Jahr 2014 in einem symbolischen Akt eingeweiht, indem die Bürger der Stadt Riga ihre Lieblingsbücher in einer Menschenkette vom alten in das neu errichtete Gebäude an der Daugava transportierten: Das Buch wurde so als Medium der kulturellen Identitäts- und Gedächtnisbildung inszeniert. Damit ist das gesamtgesellschaftliche Bildungsprojekt der Bibliothek ins Bild gesetzt: Bücher sollen nicht nur verliehen, sondern erfahrbar gemacht werden. Derzeit wird in der Nationalbibliothek eine Dauerausstellung zum "Buch in Lettland" präsentiert. Diese Ausstellung ist methodisch und museumspädagogisch vor allem deshalb innovativ, weil sie das Buch in eine übergreifende Kulturgeschichte Lettlands einbettet, die von der Reformation über das Projekt der Volksaufklärung bis zur lettischen Unabhängigkeitsbewegung führt. Dabei wird das Buch als Gegenstand religiöser Verehrung, als Träger aufgeklärten Wissens und als politisches Kampfmittel gleichermaßen sichtbar gemacht. Deutlich wird dabei, wie sich die nationalkulturelle Identität Lettlands in einem Spannungsfeld verschiedener kultureller Einflüsse herausbildete und sich nun in einem europäischen Bezugsfeld neu zu definieren sucht.

Im Rahmen des Erasmus+Projekts zum "Europäischen Kulturerbe" wird eine neue innovative Ausstellung entwickelt, unter dem Titel "Das ideale baltische Buchregal im europäischen Kontext". Das Konzept zur Ausstellung hat das Projektteam an der Lettischen Nationalbibliothek unter der Leitung von Dr. Pauls Daija und Dr. Beata Paskevica entwickelt. Beide haben bereits einschlägige Ausstellungen zur Buchgeschichte und Folklore realisiert. Das Konzept des "idealen Buchregals" bezieht sich zunächst auf die regulative Idee, die deutschbaltische Aufklärer des 18. Jahrhunderts wie Gotthard Friedrich Stender davon entwickelten, wie lettische Bauern alphabetisiert und zur eigenständigen Lektüre bestimmter Bücher herangeführt werden sollten, um aufgeklärt zu werden - zentral für diese aufklärerischen Bibliotheksfiktionen war, dass neben der religiösen Literatur (Bibel, Katechismus und Gesangbuch) insbesondere die Gebrauchtsliteratur an Bedeutung gewann (etwa durch Ratgeber für landwirtschaftliche oder medizinische Fragen). Das Ausstellungsprojekt nimmt diese Fikionen zum Anlass, um nach dem Verhältnis von Ideal und Realität der Lektüre vom 17. bis ins 19. Jahrhundert zu fragen, wobei das Leseverhalten sowohl sozial (gelehrt / ungelehrt), als auch ethnisch (deutsch / undeutsch) und genderspezifisch (männlich / weiblich) als Prozess der fortschreitenden Diversifikation rekonstruiert werden soll.

Das Ausstellungsprojekt knüpft methodisch zunächst an Frageperspektiven an, die bereits im Erasmus+Projekt zu den "Medienpraktiken der Aufklärung" entwickelt wurden. Das betrifft vor allem die gesteigerte Aufmerksamkeit für die materiellen Bedingungen der Buch- und Lesekultur: Wurden Bücher auf dem Land im 18. Jahrhundert überhaupt in Regale gestellt oder nicht vielmehr in Ledersäcken aufbewahrt? Wurden die Bücher, die im Regal standen, tatsächlich gelesen? Und wenn ja, wie? Die lettische Lesegeschichte wird dabei jedoch in einen übergreifenden europäischen Kontext gerückt:  So spiegelt sich im idealen Buchregal etwa auch wider, wie Werke der deutschen Klassik in Lettland rezipiert, übersetzt und produktiv abgewandelt wurden, bevor sich dann eine eigenständige lettische Nationalliteratur nach deren Vorbild entwickelte: Im ersten lettischsprachigen Gedichtband "Liederchen" von Juris Alunans von 1856 wurde dann nicht nur auf deutsche Vorbilder, sondern auf die europäische Dichtungstradition seit der griechischen Antike Bezug genommen, um diese kreativ umzuschreiben. Diese Wechselwirkungen zwischen der lettischen und der gesamteuropäischen Literaturgeschichte insbesondere im 19. Jahrhundert sind bisher kaum erforscht und sollen einen Schwerpunkt der Ausstellung bilden. Eine zentrale Frage wird dabei sein, inwiefern die Geburt der lettischen Nationalliteratur ein Modell dafür sein kann, wie sich ,kleine Völker' an den großen Klassikern abarbeiten, um ihre eigenen Geschichten zu erfinden, ihre eigenen Traditionen und kulturellen Bindungen zu stiften.

Lettische Nationalbibliothek in Riga
Foto: Lettische Nationalbibliothek in Riga