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Ein Loch im System oder die Suche nach der Evidenz

Religionswissenschaftler Johann Hafner und Physiker Martin Wilkens über „alternative Welten“ und warum man sie braucht
Prof. Hafner (li.) und Prof. Wilkens im Gespräch. | Foto: Tobias Hopfgarten.

Prof. Hafner (li.) und Prof. Wilkens im Gespräch. | Foto: Tobias Hopfgarten.

„Strings, Sphären und Sci-Fi“ – sie alle sind Ziele der Reise in „alternative Welten“, zu der das „Forum Religionen im Kontext“ an der Universität Potsdam ab Oktober 2019 mit einer Tagung und Ringvorlesung einlädt. Darüber, was dahintersteckt und was Mitreisende erwartet, sprach Matthias Zimmermann mit dem Religionswissenschaftler Prof. Dr. Johann Hafner und dem Physiker Prof. Dr. Martin Wilkens.

Herr Hafner, Herr Wilkens: Gibt es eine Alternative zu unserer Welt – und wenn ja wie viele?

Wilkens: (Lacht.) Wir leben in einer. Und über die Alternativen wird kräftig nachgedacht. Aus mathematischer und physikalischer Sicht sind das aber alles Spekulationen. Es gibt etwa keinen empirischen Hinweis darauf, dass es außer unserem Universum ein weiteres gibt.
Hafner: Da möchte ich widersprechen. Paralleluniversen mögen spekulativ sein. Aber es gibt sie ja auch im Alltag. Wer sich in ein Buch vertieft, Tolkiens „Herr der Ringe“ oder Manns „Joseph und seine Brüder“, kann sehr wohl in einer alternativen Welt abtauchen – und ist dann wochenlang im alten Ägypten unterwegs.
Wilkens: Stimmt, Mythen und Märchen sind wichtig. Aber mit dem Blick der harten Physik gibt es nur die eine Welt.
Hafner: Zum Begriff „Welt“ gehört, dass sie ein abgeschlossenes Ganzes ist. Darin muss alles erreichbar, erkennbar sein. Die Alternative hingegen ist unerreichbar, aber möglich. So müssen wir sie denken.

Was unterscheidet „alternative Welten“ von der einen, die wir die reale Welt nennen?

Wilkens: Oh, das ist ein ganzes Kontinuum. Es ist eine Welt denkbar, die mit unserer identisch ist, nur ohne dieses Buch hier auf dem Tisch. Möglich ist aber auch eine Welt mit 17 Dimensionen. Die Alternativen sind vielfältig – aber immer im Rahmen der Möglichkeiten unserer Vorstellungskraft.
Hafner: Religionen vertreten jedoch durchaus die Position, es gebe eine Welt jenseits unserer Fantasie; das trifft gerade auf die Beschreibungen eines Jenseits zu. Wenn dieses „nur“ die Erfüllung dessen ist, was wir uns wünschen, ist es eigentlich nichts Besonderes. Eine Welt, die so ist, wie ich sie erwarte – da will ich nicht rein. Das Jenseits, so die Beschreibung, muss uns überraschen. Das beschreibt das Bedürfnis nach dem Bedürfnisunabhängigen.
Wilkens: Das wäre ja schwierig. Die maximal alternative Welt wäre also die maximal unvorstellbare.
Hafner: Ja, aber es gibt eine Einschränkung – das Ich bleibt das Gleiche. Wenn auch der Betrachter, der in diese Welt wechselt, sich verändert, dann wird es schwierig.

Welche Rolle spielen „alternative Welten“ – für die Physik?

Wilkens: Seit Anfang des 20. Jahrhunderts gab es zwei große Revolutionen in der Physik: die eine, die Entwicklung der Quantenmechanik, hat unser mechanistisches Weltbild ad acta gelegt; die andere, Einsteins Relativitätstheorie, unsere Vorstellung von Raum und Zeit. Man kann sagen, die eine bestimmt unseren Blick auf die kleinen Dinge, während die andere beeinflusst, wie wir die großen Dinge sehen. Als man dann aus einem metaphysischen Bedürfnis der Einheitlichkeit die beiden Theorierahmen zusammenzuführen versuchte, stellte sich heraus, dass das so nicht geht. Von da an hielten immer mehr spekulative Elemente Einzug in die Physik – Multiversen, Stringtheorie und vieles mehr. Doch seit hundert Jahren gibt es keine Evidenz für die Existenz einer anderen Welt. Das Unfassbare für mich: Mit großem Aufwand jagen wir etwas nach, das möglicherweise nicht mehr als ein Mythos ist – und letztlich vor allem ein Bedürfnis, den Wunsch des Menschen nach einer Einheit weiterträgt. Und letztlich wird damit leider auch die Axt gelegt an das Selbstverständnis der Naturwissenschaften.
Hafner: Aber selbst wenn es diese Einheit nicht gibt, muss man doch sagen, es gibt auf einmal zwei Welten nebeneinander, eine Mikrowelt und eine Makro welt, in der sehr unterschiedliche Gesetze gelten.  …

Welche Rolle spielen „alternative Welten“ denn für Religionen – und die Religionswissenschaft?

Hafner: Dass es keinen Beleg für alternative Welten gibt, mag stimmen für die Idee beliebig wiederholbarer Evidenz, wie ihn Wissenschaft anstrebt mit einem experimentellen Beweis. Gleichzeitig ist die Welt ist voll von Menschen, die von Wundern erzählen: Hier ist mir Jesus erschienen, dort stand das Wasser wie eine Mauer … Meist handelt es sich dabei aber um ein einmaliges Ereignis, quasi ein Loch im System unserer Welt, das man nicht experimentell nachweisen kann, etwa ein Wunder, eine Vision, eine Audition. Ganz ohne solch eine Evidenz kann keine Religion bestehen, sonst ist sie nichts weiter als spekulative Philosophie. Ohne dieses eine Wunder stürzt das Gebilde zusammen. Es dient dazu, das gängige Wirklichkeitsverständnis zu kritisieren: Eure Welt hat Löcher, Sprünge, die sich nicht aus dieser Welt erklären lassen. Und diese anderen Welten, die hindurchscheinen, kann man nicht mehr belegen, sondern muss sie behaupten, um hier Zuversicht zu haben. Je moderner Religionen wurden, umso weniger Löcher gab es. Während man heute die Wunder Jesu vielleicht schon als mythologische Sprache entzaubert, haben die Auferstehung Jesu, die Zeugung Jesu oder wenigstens die Erschaffung der Welt nach wie vor wundervollen Bestand – schon um sicherzustellen, dass sie kein Aufpoppen aus dem Quantenschaum war. Darin steckt für mich ein Gottesbeweis: Unser metaphysisches Bedürfnis nach Einheit, einem Totalbegriff von Welt, kommt daher, dass wir immer im Kopf haben, es könnte noch eine andere Welt geben.

Woher stammt die Idee „alternativer Welten“?

Hafner: In der klassischen Metaphysik gibt es sie seit Platon. Dieser hat in seinem Kosmos zwei Welten einander gegenübergestellt: die Welt der Sinneserfahrungen, den kosmos aisthêtos, und die Welt der Ideen, den kosmos noêtos. Letztere ist Platon zufolge der Ersteren deutlich überlegen: Nicht der Hund ist wahr, sondern der Begriff des Hundes. Begriffe sind schärfer als ihre Anschauung …
Wilkens: Deshalb sind die meisten Mathematiker auch Platoniker.
Hafner: In den Religionen gab es alternative Welten aber schon viel früher. Meist fing es an mit der Idee, dass es eine Welt gibt, in der die Toten wohnen – und von dort kehren sie immer wieder zeitweise in unsere Welt zurück. Denn sie müssen ja irgendwo sein, während sie uns nicht erscheinen.

Und heute?

Hafner:  … gibt es in den Religionsgemeinschaften geradezu Verdunstungserscheinungen.
Wilkens: Stattdessen entstehen mehr und mehr Privatreligionen. Jeder entwickelt seine eigenen Löchrigkeitsvorstellungen.
Viele Menschen wenden sich der Unterhaltung zu, virtuellen Welten in Spielen oder auch dem Sport. Diese Selbsttranszendenz, wie die Soziologie es nennt, ist natürlich auch in Arbeit, Musik und Literatur möglich.

Wie nähern sich Ihre Disziplinen – also die Physik und Religionswissenschaften – „alternativen Welten“?

Wilkens: Ich habe einmal eine kleine Umfrage in meinem Umfeld gemacht. Es stellte sich heraus, dass es viele Physiker gibt, die religiös sind, sich sogar in Gemeinden engagieren. Ein befreundeter Philosoph fragte mich daraufhin: Wie kann das sein? Ihr lasst sonst immer nur das „scharfe Schwert“ des Experiments gelten – und dann geht ihr in die Kirche? Wie geht das zusammen? Darauf kann ich nur erwidern: Das ist ganz einfach. Als Physiker mache ich das, was ich kann – und beweise, was beweisbar ist. Aus allem anderen halte ich mich raus. Das bedeutet aber nicht, dass es nicht möglich ist. Man verträgt sich mit dem Unerklärlichen sehr gut, solange man die Grenzen akzeptiert. Alle möglichen Welten zusammendenken, kann man machen, morgens um vier, wenn man spekulativ unterwegs ist. Aber als wissenschaftliches Narrativ ist es schwierig. Natürlich kann man sich mit der Frage beschäftigen, was die Welt im Innersten zusammenhält, aber das wird dann schnell hochspekulativ und hat nicht mehr viel mit Physik zu tun.
Hafner: Ist das nicht auch in der Mathematik so?
Wilkens: Ja, aber die Mathematik trifft keine Aussagen über unsere Wirklichkeit. Das ist jedoch die Absicht der Physik.
Hafner: Also verunsichern spekulative Theorien eher unser Wirklichkeitsverständnis?
Wilkens: Ja, oder sie laden es mit der Vorstellung von etwas Besonderem auf. Aber damit schaffen sie ein Bild – und keine Evidenz.
Hafner: Für Religionsforscher ist genau das wiederum sehr interessant. Denn das kennen wir aus der Religionsgeschichte. Da gab es irgendwann die Reflexion über das Verhältnis von Zeit und Raum – und zwar in der Diskussion über Engel: Wie viel Zeit kann an einem Ort sein? Gibt es Geschöpfe, die Raum und Zeit überspringen können? Aber nachdem sich die Religionen im 19. Jahrhundert in der Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften die Finger verbrannt hatten, haben sie sich von ihnen lange ferngehalten. Erst in den zurückliegenden Jahren ist da eine neue Verbindung entstanden. Und zwar eine positive: Manch ein Christ sieht seinen Glauben weniger durch die Auferstehungsgeschichte bestärkt als durch Aussagen aus den Naturwissenschaften, dass alternative Welten möglich sind.
Wilkens: Interessant. Tröstungen können jetzt also auch aus der spekulativen Physik kommen …

Sie haben im „Forum Religionen im Kontext“ (FRK) die Veranstaltungsreihe „Alternative Welten: Strings, Sphären und Sci-Fi““ auf den Weg gebracht. Wozu?

Hafner: Es ist das Anliegen des FRK, nicht nur die Religionen und die Religionswissenschaft zusammenzubringen, sondern alle Disziplinen, die einen Bezug haben – zu Religionen oder schlicht einer Art transzendentem Feld. Außerdem denke ich, dass auch die Öffentlichkeit ein großes Interesse an diesem Thema hat, nicht zuletzt aufgrund dessen, was die Wissenschaften in den vergangenen Jahren an Erkenntnissen, aber auch Fragen hervorgebracht haben. Allen voran die Physik und Astrophysik. Es gibt aktuell geradezu einen Hype rund um „Weltraummysterien“.
Wilkens: Dank des Hubble Space Teleskops gibt es tatsächlich inzwischen fantastische, ästhetisch ausdrucksstarke Bilder aus einer Welt, die bislang allenfalls beschrieben wurde.

Warum sollten Wissenschaftler verschiedener Disziplinen miteinander über ihre Zugänge und ihr Verhältnis zu „alternativen Welten“ sprechen?

Wilkens: Lacht. Weil es Spaß macht, sich mit Forschenden anderen Disziplinen zu unterhalten!
Hafner: Wir kommen so aus unserer jeweiligen Disziplin heraus und hören, was andere zu einem ähnlichen Gebiet sagen. Es wäre schade, wenn wir sagen: Ja, jeder hat seins und ich mach jetzt wieder meins – und wir haben nur dasselbe Wort benutzt, sonst aber wenig gemeinsam. Das würde der Geschichte des Wortes nicht gerecht, denn ich denke, wir verwenden dasselbe Wort nicht von ungefähr. Ich denke, es wird Überlappungen geben, Berührungspunkte.

Wie sorgen Sie für diese Berührungen?

Hafner: Nun, zum einen liegt unserer Veranstaltungsreihe ein sehr weiter Weltenbegriff zugrunde: Wir thematisieren literarische Schöpfungen und religiöse Traditionen, aber auch physikalische Kosmologien, philosophische Sprachwelten und Computerspieldimensionen. Zum anderen führen wir die „alternativen Welten“ ganz konkret zusammen. Den ersten Teil bildet eine Tagung, auf der nacheinander Physiker, Filmwissenschaftler, Theologen, Religionswissenschaftler, Philosophen und Medienwissenschaftler über eine „Vielfalt von Welten“ sprechen und dann miteinander diskutieren. Da werden Funken fliegen, da bin ich sicher. Im zweiten Teil unserer Ringvorlesung, gibt es dann Doppelvorträge. Dabei trifft Literaturwissenschaft auf Mathematik, Fernsehwissenschaft auf Theologie und Jüdische Studien auf Theologie. Ob diese sich dann ergänzen oder widersprechen, werden wir sehen.
Wilkens: Wir freuen uns jedenfalls sehr darauf!

Text: Matthias Zimmermann
Online gestellt: Sabine Schwarz
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde