05.06.2021 | 10-12 Uhr

Von hörenden Herzen und sich neigenden Ohren – Erkundungen biblischer Tonspuren  

Prof. Dr. Kathy Ehrensperger

Im Anfang war das Wort….Gemäß biblischer Tradition wird die Schöpfung geschaffen durch Gottes Wort, durch Kommunikation. Durch das Wort wird ein Resonanzraum geschafften, die Anrede sucht nach Resonanz – des Geschaffenen. Menschen sind in biblischem Verständnis Gerufene, Angerufene. Die Tonspur der Stimme Gottes durchzieht die biblischen Traditionen in ihrer Vielfalt wie ein Cantus Firmus. Den Anruf Gottes zu hören und darauf zu antworten ist die Bestimmung des Menschen, sein Leben zu leben in hörendem Ant-worten, in der Ver-antwortung gegenüber den Mit-angerufenen. Davon erzählen diese Traditionen, vom Anruf Gottes ‚Adam wo bist du?‘, zum Blut Abels das von der Erde zum Himmel schreit, dem Anruf Gottes an sein Volk ‚Höre Israel‘  bis hin zu Elias Hören des Daseins Gottes in der Stille. Hören und Verstehen werden nicht als aufeinanderfolgende Prozesse verstanden, Ohren, die nicht hören, sind wie Herzen, die nicht verstehen. So wird in prophetischen Aussagen, die auch in neutestamentlichen Texten aufgenommen werden, denn die Hoffnung ausgedrückt, dass dereinst verschlossene Ohren geöffnet werden, die Schwingungen des Anrufes Gottes ver-antwortend aufgenommen werden. Anhand von ausgewählten Beispielen   wird der Bedeutung des Hörens in diesen faszinierenden, vielstimmigen Traditionen nachgegangen werden.

Kathy Ehrensperger
Foto: Kathy Ehrensperger

Kathy Ehrensperger hat eine Forschungsprofessur für Neues Testament in jüdischer Perspektive am  Abraham-Geiger-Kolleg, Universität Potsdam inne. Sie war zuvor Reader for New Testament Studies an der University of Wales, Trinity Saint David, UK (bis 2017) und Pfarrerin der evang-ref. Kirche in Basel, Schweiz (bis 2004). Ihr Forschungsinteresse konzentriert sich auf jüdische Traditionen der Antike, wozu auch die Schriften des Neuen Testaments zählen. Zu ihren Veröffentlichungen zählen Paul at the Crosroads of Cultures, 2013, Searching Paul: Conversations with the Jewish Apostle to the Nations, 2019, und Gender and Second Temple Judaism hrsg. mit Shayna Sheinfeld, 2020. Sie ist Koordinatorin des 'Forum Religionen im Kontext' der Universität Potsdam, und Chefredakteurin der Enzyklopädie der jüdisch-christlichen Beziehungen, eines Forschungs- und Publikationsprojekt am Selma-Stern-Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg.

Kathy Ehrensperger
Foto: Kathy Ehrensperger

Klänge – Atmosphären – Hörerfahrungen. Der auditive turn in der Religionswissenschaft

Prof. Dr. Udo Tworuschka

Die ältere Religionswissenschaft interessierte sich vorwiegend für historische Religionen und war textorientiert. Der "Visible Turn" machte auf Räume, Gewänder, Bilder, Rituale, Filme, Museen, Ausstellungen usw. aufmerksam. Die gegenwärtige Religionsästhetik spiegelt dagegen die Randständigkeit des Akustischen und Auditiven. Doch diese sind allgegenwärtige Merkmale unserer sinnlichen Umwelt und ihrer Wahrnehmung. Seit den 1980/ 90er Jahren macht sich eine Konjunktur des Hörens bemerkbar und eine „neue Aufmerksamkeit“ gegenüber akustischer Wahrnehmung entstand. Es scheint an der Zeit, analog zur „visible religion“ systematisch das Programm einer "auditive religion" zu entwickeln – vielleicht einen „auditive turn“ in der noch reichlich tauben Religionswissenschaft anzuschieben. Der Vortrag bemüht sich um eine religionswissenschaftliche Systematisierung des religiös geprägten Phänomenbereichs Klänge/ Töne/ Geräusche/ Stimmen/ Musik. Dabei widmet er sich insbesondere religiösen Klangräumen und -welten, Hör- und Zuhörereignissen und ihren emotionalen Wirkungen.

Udo Tworuschka
Quelle: Udo Tworuschka

Udo Tworuschka, Dr. phil., geb. 1949. Studium der Vergleichenden Religionswissenschaft (bei Gustav Mensching), evangelischen Theologie, Anglistik in Bonn/ Köln; Promotion zum Dr. phil. mit einer Arbeit über "Die Einsamkeit", 1972; von 1973-1992: Wiss. Assistent, dann Dozent und apl. Prof. am Seminar für Theologie und ihre Didaktik; 1979 Habilitation/ Köln; 1984 apl. Prof./ Köln; 1993 Inhaber des Lehrstuhls für Religionswissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Udo Tworuschka
Quelle: Udo Tworuschka

Musik als Diesseitsmetaphysik? – Anmerkungen zu Cages Ästhetik der Stille

Prof. Dr. Sabine Sanio

Daß John Cage heute als einer der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts gilt, läßt sich auch darauf zurückführen, daß er sich in seinen Kompositionen wie in seinen Texten und Vorträgen mit vielen sehr unterschiedlichen musikalischen, künstlerischen und philosophischen Traditionen und Ideen auseinandergesetzt hat: Er war Schüler von Arnold Schönberg und von Henry Cowell, einem der wichtigsten amerikanischen Komponisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er kannte europäische Avantgarde-Künstler wie Marcel Duchamp, Hans Richter, Max Ernst oder Laszlo Moholy-Nagy sehr gut, war eng mit den amerikanischen Malern Robert Rauschenberg und Jasper Johns befreundet und hat bei dem japanischen Zen-Gelehrten Daisetz Suzuki studiert und sich intensiv mit dem Zen-Buddhismus auseinandergesetzt.

In Cages berühmtester Komposition 4‘33‘‘, die heute zu den wichtigsten Musiikwerken des 20. Jahrhunderts zählt, wird die Stille zu Musik. Zum Verständnis dieser paradoxen Konzeption von Musik werde ich neben kunsthistorischen und ästhetischen Aspekten von Cages Ästhetik der Stille auch das Thema der Konferenz aufgreifen und der Frage nachgehen, ob und inwiefern Cages Musik als eine Form religiöser Erfahrung gelten kann oder sogar gelten muß. Denn bei der für Cage zentralen Frage, wie wir Erfahrungen machen und die Welt erleben, kommt dem Zen-Buddhismus entscheidende Bedeutung zu. Ausgehend von einigen für Cage grundlegenden zen-buddhistischen Ideen werde ich der Frage nachgehen, ob die zen-buddhistischen Ideen in Cages Denken und in seiner Musik noch als religiöse Vorstellungen gelten können oder ob Cage mit ihrer Hilfe letztlich die Idee einer Erfahrung der Wirklichkeit entwickelt, die auch als ästhetische Erfahrung beschrieben werden kann – eine Idee, die auch die Dadaisten und Surrealisten beschäftigte, die sich ebenfalls von der Idee (künstlerischer) Subjektivitä distanziert haben. Schließlich werde ich einige aktuelle Anknüpfungspunkte in der westlichen Kunst und Philosophie zu dieser Thematik vorstellen, so etwa Lacans Konzept des Realen oder die akutellen Konzepte des Posthumanismus und des Anthropozän.


12-14 Uhr | Mittagspause

14-16 Uhr

Sabine Sanio
Foto: Sabine Sanio

Sabine Sanio leitet den Schwerpunkt Theory des Masterstudiengang Sound Studies and Sonic Arts an der Universität der Künste Berlin; Studium der Germanistik und Philosophie in Frankfurt/Main und Berlin (FU), Promotion in Germanistik, Habilitation in Musikwissenschaft; zahlreiche Veröffentlichungen zur aktuellen Ästhetik, zur Mediengeschichte und -ästhetik, zu Klangkunst und Neuer Musik sowie zu den Beziehungen der Künste untereinander – in Buchform: Alternativen zur Werkästhetik: Cage und Heißenbüttel (Saarbrücken 1999), 1968 und die Avantgarde (Sinzig 2008) sowie als Herausgeberin: Borderlines/Auf der Grenze: Georg Klein (Heidelberg/Berlin 2014), Sound als Zeitmodell: Zeit als Klang denken (Berlin 2014). und, zusammen mit Christian Scheib: Das Rauschen (Hofheim 1995).

Sabine Sanio
Foto: Sabine Sanio

Die Stimmung der Welt – Von den hurritischen Hymnen zu Max Plancks Eitz Harmonium

Prof. Dr. Martin Wilkens

Die Tonsysteme, Tonleitern, (Kirchen)Tonarten, Skalen und Harmonien von den Anfängen bis zur Gegenwart sind eng mit den Modellbildungen in Mathematik und Physik verflochten. Nicht nur Biografisch, wie bei Kepler, Galilei, Newton und Planck, sondern eben auch systematisch. Angefangen bei den Hurritischen Hymnen, dem ersten Buch Mose und Pythagoras in der Schmiede, über Newtons Vorliebe für den “Dorischen Modus” und Eulers Versuch einen objektiven Lieblichkeitsgrad musikalischer Klänge zu bestimmen, bis hin zu Max Plancks Untersuchungen zur Rolle der natürlichen Stimmung in der Vokalmusik.

Martin Wilkens
Foto: Martin Wilkens

1976–1983 Physik und Philosophie an der Universität-Gesamthochschule Essen. Bis 1988 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Physik der Universität Gesamthochschule Essen. Promotion 1987 ("Theorie kritischer Eigenschaften von Spingläsern"). Danach Forschungsaufenthalt am Institut für Theoretische Physik der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau sowie ein Post-Doc-Aufenthalt am Optical Sciences Center in Tuscon, Arizona/USA. 1994 Habilitation an der Fakultät für Physik der Universität Konstanz ("Mechanische Effekte der Strahlungswechselwirkung beweglicher Atome"). Seit 1997 Professor für Quantenoptik an der Universität Potsdam. 2008–2010 Ehrenamt als Vorsitzender der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin.

Martin Wilkens
Foto: Martin Wilkens

400 Jahre nach Kepler: Die Verwirklichung der Sphärenmusik

Norbert Böhm

Die Idee von den tönenden Planetenbewegungen begleitet die Menschheit seit Jahrtausenden. In Ägypten und Babylonien muss sie Teil der hermetischen Priesterlehren gewesen sein, Pythagoras (ca. 570 - 510 v.u.Z.) entwickelte sie im antiken Griechenland, Johannes Kepler (1571 - 1630) formulierte sie mathematisch, Hans Cousto (geb. 1948) lieferte mit seiner "Kosmischen Oktave" das Skalierungsgesetz und Norbert Böhm (geb. 1975) vollendete die Mathematik mit seiner "Winkelperiode" und schuf die Algorithmen der Vertonung.Ein bedeutender Forscher auf dem Felde der Harmonik war Dr. Hans Kayser.

Hans Kayser widmete sein ganzes Leben der Erforschung der altertümlichen und antiken Harmonik, die er als die erste und wichtigste Wissenschaft der Alten verstand. So kam er zu der sehr systemorientiert anmutenden Auffassung, dass je älter kulturelle Artefakte seien, desto deutlicher transportieren sie harmonikale Inhalte. Nach dieser Auffassung müssten nun auch in unseren ältesten Schriften (und insbesondere in den ersten Kapiteln der Bibel) harmonikale Inhalte, vielleicht nicht explizit, aber doch als Gleichnis vorhanden sein! Im Vortrag sollen einige Grundlagen der Harmonik aufleuchten, um meine sphärenmusikalischen Entdeckungen in deren Licht zu verstehen. Dann können wir die Schöpfungsberichte der Bibel im harmonikalen Licht erkennen. Anschließend soll ein kurzer Klangfilm der beiden großen Himmelslichter (Sonne & Mond) das Gesagte zu Herzen führen. Als Zugabe biete ich eine analytische Auswertung der harmonikalen Klangkurven an.

Norbert Böhm wurde 1975 als Kind einer Ärztefamilie in Brandenburg an der Havel geboren. Bis 2009 Studium der Philosophie, Religionswissenschaft und Chemie in Potsdam. Bis 2019 Verfassen der "Stimmfibel zur Sphärenmusik", in der die Planetenvertonung vollendet wird, Ausstellung "400 Jahre Weltharmonik" in der Friedenswarte. Arbeit als Künstler, Referent & Programmierer.