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Vielfalt von Welten

Campus Griebnitzse, Haus 6, H 06

Sa. 26.10.19 10 Uhr

Konzepte und Probleme einer Logik möglicher Welten

Dirk Evers (Universität Halle, Theologie)

In unserem Denken wie in unserer Alltagssprache gehen wir ganz selbstverständlich davon aus, dass Vieles in unserem Leben anders hätte sein können und dass noch nicht feststeht, wie es in Zukunft mit uns weitergeht. Ohne diese Differenz zwischen möglich und wirklich könnten wir nicht Planen oder Entscheiden. Und vielleicht könnte sogar der Kosmos als solcher anders sein, als er tatsächlich ist. Von dem Möglichen und Wirklichen unterscheiden wir dann das, was notwendig ist, also gar nicht anders sein oder anders nicht gedacht werden kann. Doch als die moderne philosophische Logik seit den 1930er Jahren Modelle entwickelte, wie man die Art unseres Redens und Denkens vom Möglichen, Wirklichen und Notwendigen formal darstellen kann, zeigten sich neue Herausforderungen. Man begann, die alte Idee des Philosophien Gottfried Wilhelm Leibniz aufzugreifen und von möglichen Welten zu reden. Doch sind die Welten ihrerseits „real“? Braucht die Wirklichkeit gar den Raum des Möglichen, in den sie sich entfalten kann? Wann ist ein Gegenstand anders, als er tatsächlich ist, und wann ist er ein anderer? Wären wir noch wir, wenn manches oder auch nur einiges anders wäre? Und ist Gott der Inbegriff des Notwendigen, des Möglichen oder des Wirklichen? Muss man in religiöser Perspektive annehmen, dass diese Welt die beste alle möglichen Welten ist? Der Vortrag versucht in die Grundbegriffe der so genannten Modallogik einzuführen und damit die Grundbegriffe und Schwierigkeiten der Rede von möglichen Welten verständlich zu machen.

Quelle: Dirk Evers

Dirk Evers, seit 2010 Professor für Systematische Theologie (Dogmatik und Religionsphilosophie) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Studium der Evangelischen Theologie in Münster, Tübingen und Madurai (Südindien). 1994–2005 Assistent an der Theologischen Fakultät der Universität Tübingen bei Eberhard Jüngel. 1999 Promotion, 2005 Habilitation: „Gott und mögliche Welten. Studien zur Logik theologischer Aussagen über das Mögliche“.

Quelle: Dirk Evers

Warum es nicht nur einen Himmel gibt – zur Logik religiöser Kosmologien

Johann Hafner (Universität Potsdam, Religionswissenschaft)

Der Vortrag wird die These vertreten, dass jede Religion von mindestens zwei Welten ausgeht. Erst, wo eine Kultur außerhalb ihrer Weltblase ein eigenes Reich der Toten, Engel, Buddhas oder Götter annimmt, kann von Religion gesprochen werden. Das kann verschiedene Formen annehmen: als heilige Urzeit oder als erlöste Endzeit, als schattenhafte Unterwelt oder Erwachen im Nirvana, als Kosmos von Ideen oder Werten, als furchtbare Hölle oder als seliger Himmel.

Wie kommt es, dass sich einige Religionen nicht mit einem Himmel zufriedengeben? Anhand von jüdischen und christlichen Texten wird gezeigt, wie sich aus einem Himmel drei, später sieben oder gar zehn Sphären entwickeln, so dass „Himmel“ schließlich nur im Plural verwendet wird: „Vater unser in den Himmeln“. Woher kommt diese Inflation der Welten? Ist es Lust an der Spekulation, Übertreibungssucht?

In der Theologie wurde stets betont, dass die Himmel nicht einfach bessere Varianten des Irdischen darstellen, sondern dass dort eigene Gesetze gelten: Zeit, aber ohne Richtung; Raum, aber ohne Ausdehnung. Am Beispiel des Begriffs „Äon“ sollen diese Überlegungen für die Debatte mit der Physik aufbereitet werden.

Foto: ZIM Tobias Hopfgarten

Johann Hafner ist seit 2004 Professor für Religionswissenschaft mit dem Schwerpunkt Christentum an der Universität Potsdam. 1982-88 Studium der Philosophie und Theologie in Augsburg, München und Vigan/Philippinen. 1990-2002 Assistent am Lehrstuhl für Pastoraltheologie an der Universität Augsburg. 1995 Promotion in Philosophie. 1996/1997 Visiting lecturer für an der University of Dayton/USA. 2001 Habilitation für Systematische Theologie. 2005 Diakon. Seit 2010-2014 Dekan der Philosophischen Fakultät. 2015/2016 Visiting researcher an der University of Southern California/Los Angeles. Johann Hafners Forschungsschwerpunkte sind die niedrige Transzendenz (Engel und Mittlerwesen), religiöse Gruppen in Potsdam sowie die Systemtheorie und Mehrweltentheorien.

Foto: ZIM Tobias Hopfgarten

Filmbild und Wirklichkeit

Christine Reeh-Peters (Filmuniversität Babelsberg, Kunstphilosophie) 

Der Vortrag beleuchtet den vom Philosophen Stanley Cavell als „magisch“[1] und „beunruhigend“[2] bezeichneten ontologischen Status des realitätsbasierten Bewegtbildes, dh die Beziehung zwischen dem Sein eines Objekts im Film und des Objekts in der „wirklichen“ Welt. Ausgehend vom Filmtheoretiker André Bazin, auf dessen Denken auch Cavell seine Reflektionen über Film gründet, untersuchen wir die „Wirklichkeitsübertragung vom Ding auf seine Reproduktion“[3] – aufgrund welcher wir gezwungen sind „an die Existenz des wiedergegebenen Gegenstands zu glauben“[4]. Dies ist Anlass um nach der zeitgenössischen Usurpation des Realen im Zusammenhang des digitalen Filmbilds zu fragen, bei welchem es eben kein „Dasein im Modell“[5] mehr gibt. In diesem Zusammenhang werden wir am Ende auch auf Gilles Deleuzes Begriff der Welt als „Meta-Film“[6] eingehen. In Anlehnung an die Theorien Henri Bergsons denkt Deleuze das Universum als Film-an-sich, verschieden von dem Film als Welt. Hieraus ergibt sich auch sein Interesse an einer „Realität des Virtuellen“ [7], verschieden von einer „virtuellen Realität“[8].

[1] Stanley Cavell,  The World Viewed: Reflections on the Ontology of Film, Harvard University Press, Harvard 1979, S. 16 (Übersetzung: C.R.P.)

[2] Ebd., S. 17-18

[3] André Bazin, „Ontologie des photographischen Bildes“, in: Was ist Film?, Alexander Verlag, Berlin 2004, S. 37 [4] Ebd., S. 37

[5] Ebd., S. 37

[6] Gilles Deleuze, Das Bewegungs-Bild: Kino 1, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1996, S. 88

[7] Slavoj Zizek, Körperlose Organe. Bausteine für eine Begegnung zwischen Deleuze und Lacan, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2005, S. 13

[8] Ebd., S. 13

Quelle: Christine Reeh-Peters

Seit dem WS 2019/20 ist Dr. Christine Reeh-Peters Juniorprofessorin für "Theorie und Praxis künstlerischer Forschung in digitalen Medien" an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Diplom in Filmregie an der Escola Superior de Teatro e Cinema in Lissabon. Promotion in Kunstphilosophie und Ästhetik an der Faculdade de Letras, Universität Lissabon. Forschungsschwerpunkte sind die Verbindung von Audiovisuellen Bildern und Philosophie. Regisseurin und Produzentin künstlerischer Dokumentarfilme (www.crim-productions.com).

Quelle: Christine Reeh-Peters