Einkauf per Handy lahmt

Von Oliver HeiderAm 18.01.10 erschienen in "Südwestpresse"


Augsburg/Ulm. Deutsche Banken und Sparkassen haben die Entwicklung im mobilen Zahlungsverkehr verschlafen. Das sagt der Augsburger Forscher Key Pousttchi. Frankreich etwa sei beim Einkaufen mit dem Handy weiter.

Zum Jahresbeginn wollten viele Kunden in Geschäften vergeblich mit ihrer EC- oder Kreditkarte bezahlen. Wer auf die Idee kam, zur nächsten Bank zu spurten, um Geld abzuheben, kehrte gefrustet zurück: Die Karte war "nicht lesbar". "Der Softwarefehler auf Millionen deutscher EC- und Kreditkarten zeigt eindrucksvoll, wie es in Deutschland um die Innovation im Zahlungsverkehr bestellt ist", sagt der Wirtschaftsinformatiker Key Pousttchi. Er leitet die Forschungsgruppe "wi-mobile" an der Universität Augsburg und kritisiert die Banken und Sparkassen: Der obligatorische Systemtest für den Einsatz der Chips in den Plastikkarten sei offensichtlich nicht vollständig gewesen. Ein modernes Mobile-Payment-Verfahren sei robuster gegen ein derartiges Problem. Hier könne die Software über eine Luftschnittstelle, elektromagnetische Wellen also, auf den neuesten Stand gebracht werden. Überhaupt hätten deutsche Banken das Bezahlen per Handy ("mobile payment") vollkommen verschlafen. Dabei registriert sich der Kunde bei einem Anbieter - unabhängig vom Handy-Typ oder Mobilfunk- Provider. Meist kann er wählen, ob er mit einem vorab aufgeladenen Guthaben, per Lastschrift oder Kreditkarte beim Einkaufen bezahlt. In angeschlossenen Internetshops gibt man seine Mobilnummer und ein Passwort ein, bekommt einen Bestätigungscode per SMS und schließt mit dessen Eingabe die Bestellung ab - mit relativ hohen Sicherheitsstandards. In Deutschland ist es bisher nicht gelungen, ein akzeptiertes, einheitliches System zu schaffen. Der Dienst "Paybox" scheiterte 2003. Der internationale Anbieter "Luupay" musste im März 2009 aufgeben. Er hatte zuvor die Zahlung bei wenigen kleinen Internet-Händlern und das "Versenden" von Geld an angemeldete Freunde ermöglicht. Das geht heute noch bei "crandy.com". "Vorreiter beim mobile payment ist das Handy-Parken", sagt August-Wilhelm Scheer, Präsident des Branchenverbands Bitkom. In 54 deutschen Städten, darunter Heidenheim, Günzburg und Augsburg, ist das möglich - Erinnerungs-SMS vor Ablauf der Parkzeit inklusive. Doch neben den Parkgebühren fallen Netzentgelte für SMS an, die je nach Anbieter meist zwischen 10 und 20 Cent liegen. Verbraucherschützer kritisieren das. Dass die Deutschen prinzipiell am "mobile payment" interessiert sind, hat eine Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums gezeigt: Fast jeder Zweite will demnach mit dem Handy bezahlen. Besonders groß sei die Nachfrage nach Ticket-Lösungen für den Personennah- oder Bahnverkehr. Der Donau-Iller-Nahverkehrsverbund (Ding) hat vor zwei Jahren reagiert. Seitdem können Kunden im Raum Ulm ihren Fahrschein per Handy lösen. Das Angebot ist Teil eines Pilotprojekts von 14 Nahverkehrsverbunden, mit 52 500 registrierten Nutzern. "Das Ziel ist es, ein einheitliches Bezahlsystem für alle teilnehmenden Regionen zu schaffen", erklärt Ding-Sprecher Markus Zimmermann. Teilnehmen kann, wer ein Programm auf seinem Mobiltelefon installiert. Das Ticket ist 10 Prozent günstiger als regulär - "um eventuell anfallende Übertragungsgebühren zu kompensieren." Das Pilotprojekt soll im Sommer in den Regulärbetrieb übergehen. Vereinzelte Angebote gibt es auch bei Banken: "Die Sparkassen bieten ihren Kunden Mobil-Banking- Anwendungen an, neuerdings auf dem iPhone", sagt Michaela Roth vom Sparkassen- und Giroverband. Doch damit hat es sich schon. Anders in Frankreich: Dort realisieren Mobilfunkanbieter, Banken und Handelsketten gemeinsam "mobile payment" auf der Basis der "Near Field Communication" (siehe Kasten). Sie gilt als wichtigste Schlüsseltechnologie für das Bezahlen per Handy im direkten Kundenkontakt, also nicht über das Internet, sondern im Laden vor Ort. In dieser Technik sieht Forscher Pousttchi die Zukunft. Aber auch er muss zugeben, dass sie relativ komplex ist. Zudem gebe es bisher kaum Mobiltelefone, die einen entsprechenden Chip haben. Nicht zuletzt geht es laut Pousttchi auch darum, für Kunden ein leicht zu bedienendes System zu entwickeln. Auf der Technologie-Konferenz MCTA in Berlin am 1. und 2. Februar werden einige ausländische Anbieter ihre Anwendungen und Anregungen präsentieren. Vielleicht haben dann ja auch deutsche Kunden bald bessere Alternativen, wenn die EC-Karten mal wieder streiken.