SMS ersetzt Bargeld - Das Handy als Geldbeutel

Von H. HochrinnerAm 17.12.09 erschienen in "Süddeutsche Zeitung"


Bereits heute können Parkgebühren, Briefmarken oder Zugtickets per Handy bezahlt werden. Bis zum Supermarkteinkauf per Mobiltelefon ist es jedoch ein weiter Weg.

Die Sonne kitzelt angenehm in der Nase, die Luft ist rein, keine Wolke verhängt den Blick vom Nebelhorn auf die benachbarten Gipfel. Trotzdem bleibt die erhoffte Entspannung aus, denn unten im Tal läuft gleich die Parkzeit für das Auto ab. Um ein Knöllchen zu verhindern, gilt es also, die nächste Gondel zu erwischen. Könnte man doch einfach per SMS die Parkzeit verlängern.

In Oberstdorf, am Fuße des Nebelhorns, ist das inzwischen auf öffentlichen Parkplätzen möglich. Um ein Ticket zu kaufen, müssen Autofahrer lediglich eine SMS mit dem Autokennzeichen und der gewünschten Parkzeit an die Nummer senden, die auf dem Parkautomaten angegeben ist - kurz darauf kommt die Bestätigung per Kurzmitteilung und der Parkschein ist gelöst. Die Parkgebühr wird anschließend mit der Handyrechnung beglichen oder vom Prepaid-Guthaben abgebucht; für den SMS-Versand fällt der normale Preis einer Kurzmitteilung an.

Vor allem für Touristen, die ihr Auto länger abstellen wollen, soll es interessant sein, per Handy zu bezahlen: "Zwei Euro Kleingeld hat man noch dabei, wenn aber Bergwanderer die Parkgebühren für eine Woche am Automaten zahlen müssten, wäre das ein ordentlicher Batzen, den niemand bei sich hat", sagt Matthias Zobel, Leiter für Bauverwaltung und Liegenschaften der Stadt Oberstdorf. Praktischer Zusatzdienst beim Handy-Parkticket: Kurz vor Ablauf der Parkzeit erinnert eine SMS daran, die Parkzeit zu verlängern.

Kontrolle per Handcomputer

Was für die Nutzer des Handyparkens praktisch ist, verlangt von den kontrollierenden Politessen eine Umstellung. Denn nicht mehr jeder Autofahrer, der keinen Parkschein hinter die Windschutzscheibe gelegt hat, ist auch tatsächlich ein Schwarzparker. Per Handcomputer oder Mobiltelefon mit Internetverbindung müssen die Kontrolleure die Kennzeichen der parkenden Autos mit einer Datenbank abgleichen und können so feststellen, ob die Parkzeit per SMS bezahlt wurde.

Die Gemeinde in den Allgäuer Alpen arbeitet beim Handyparken mit dem Anbieter Sunhill Technologies zusammen. Das Unternehmen aus Bubenreuth hat das "sms&park" genannte System entwickelt. Die Firma sorgt für die Verarbeitung der Parkscheinanfragen und pflegt im Auftrag der Stadt die Datenbank mit den Nummernschildern der Handy-Parker. Bisher nutzen 17 deutsche Städte - unter anderem Kassel, Fürth und Erlangen - das System. Drei weitere sollen dieses Jahr noch dazu kommen.

Auch in der kroatischen Hauptstadt Zagreb hat sich der Dienst von Sunhill Technologies schon etabliert. Nach Angaben von Geschäftsführer Christoph Schwarzmichel werden dort bereits bis zu 80 Prozent aller Tickets per SMS gelöst; in den deutschen Städten nutzt nur maximal ein Drittel der Autofahrer diesen Service.

Das Bezahlen mit dem Mobiltelefon kann allerdings nicht nur die lästige Sucherei nach Münzen am Parkautomat ersetzen. Auch Tickets für den öffentlichen Nahverkehr, Bahnfahrkarten oder Briefporto gibt es bereits per Handy. Ein einheitliches System für die Bezahlung hat sich bisher jedoch noch nicht etabliert. Sowohl bei der Bahn als auch bei 14 Verkehrsverbünden, die Handytickets anbieten, muss man sich vorher im Internet registrieren.

Die Post dagegen verschickt die zwölfstelligen Codes, die als Porto dienen, auch ohne Anmeldung; allerdings kostet dann ein Brief 95 Cent und die Postkarte 85 Cent. Ähnliches gilt beim Handyparken. Abhängig von Stadt und Anbieter, müssen sich die Nutzer teilweise vorher registrieren oder ein Guthaben, ähnlich der Handykarte, kaufen. sms&park ist Sunhill zufolge in Deutschland bisher der einzige ohne Anmeldung.

Der Chip im Handy fehlt

Laut Key Pousttchi, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Uni Magdeburg, fristet die Handybezahlung in Deutschland derzeit aber noch ein Nischendasein. "Die Anwendung ist halt noch recht kompliziert", sagt Pousttchi, der über mobile Bezahlverfahren forscht. Er sieht die Zukunft der Handy-Zahlung in der sogenannten Near Field Communication Technik (NFC). "NFC wird die Schlüsseltechnologie bei allen Bezahlverfahren sein, bei denen der Kunde physischen Kontakt hat." Also bei nahezu allem, was der Verbraucher nicht über Internet oder über Kataloge kauft.

Die für die Zahlung relevanten Daten werden dabei drahtlos über kurze Distanz zwischen einem NFC-Chip im Handy und einer Schnittstelle zum Beispiel an der Supermarktkasse übertragen.

Bisher gibt es allerdings kaum Geräte auf dem deutschen Markt, die über einen solchen Chip verfügen. Einen Ausblick, wie künftig mit dem Handy gezahlt werden kann, gibt das Pilotprojekt Touch&Travel der Deutschen Bahn. Auf der ICE-Strecke zwischen Berlin und Hannover und von 2010 an auch auf der Trasse von Frankfurt am Main ins Ruhrgebiet probieren Testkunden NFC in der Praxis aus.

Dafür wurden an den Bahnhöfen sogenannte Touchpoints aufgestellt: Passagiere, die am Projekt teilnehmen, müssen diese vor und nach der Fahrt mit ihren Handys berühren, um so die gefahrene Strecke zu ermitteln; abgerechnet werden die Fahrten dann am Ende des Monats. Pousttchi glaubt an den Erfolg: "Da wurde viel Geld in die Hand genommen, um die Touchpoints aufzustellen - bestimmt nicht, um sie bald wieder abzubauen."