Der Fingerabdruck ersetzt die Kreditkarte

Von Hans SchürmannAm 02.02.10 erschienen in "Handelsblatt"


Freunde des gepflegten Shoppens dürften es bald leichter haben: Auf das Portemonnaie mit EC- oder Kreditkarte können sie künftig getrost verzichten – zum Bezahlen reicht der Fingerabdruck oder ein Tastendruck auf dem Handy. In Pilotprojekten hat sich die Abrechnung im Schnellverfahren schon bewährt.

DÜSSELDORF. Mit großen Schritten treiben Handelsunternehmen wie Rewe, Edeka und Metro solche Techniken bei der bargeldlosen Bezahlung voran. Das soll Warteschlangen an den Kassen verringern und den Einkauf attraktiver machen.

In Pilotprojekten funktioniert die Abrechnung im Schnellverfahren schon wunderbar: In Köln-Hürth beispielsweise können Kunden seit kurzem in ihrem Rewe-Markt per Fingerabdruck bezahlen. Sie müssen sich vorher nur an einem Terminal im Laden registrieren. Ein Scanner zeichnet dazu die Abdrücke eines Fingers der rechten und der linken Hand auf, das Gerät verknüpft die Daten dann mit der Anschrift des Kunden und seiner Bankverbindung. Offene Beträge zieht das System per Lastschrift vom Konto ein.

Wartezeiten verringern sich

„Wir wollen Kunden künftig eine Alternative zur EC- und Kreditkarte bieten“, sagt Rewe-Sprecher Andreas Krämer. Das Projekt in Hürth solle die Alltagstauglichkeit und die Akzeptanz bei den Einkäufern überprüfen. Ob und wann Rewe die Technik in anderen Märkten anbieten wird, steht aber noch nicht fest.

Die 300 Testkunden hat der Konzern zumindest begeistert. Auch ältere Menschen kämen mit der Technik gut zurecht, sagt Krämer. Das biometrische Zahlverfahren sei aber nicht nur bequemer, sondern auch schneller als der Einkauf mit der EC-Karte. „Wir sehen bereits jetzt, dass es die Wartezeiten an den Kassen verringern könnte.

Im Gegensatz zu den Konkurrenten Edeka und Metro setzt Rewe auf eine optimierte Technik. Entwickelt hat sie der Hamburger Biometrie-Spezialist Dermalog. Der Scanner an der Kasse erfasst nicht nur biometrische Merkmale, er überprüft erstmals auch die Blutzirkulation. Das soll Betrügern das Handwerk legen: Bei der ersten Gerätegeneration konnten diese den Fingerscanner austricksen, indem sie eine Attrappe nutzten oder einen Abdruck auf einem Tesastreifen einlesen ließen.

Ein weiterer Vorteil: Das System scannt nur einige charakteristische Merkmale des Fingers ein und wandelt diese in einen anonymisierten Zahlencode um. Damit lasse sich der Fingerabdruck auf keinen Fall rekonstruieren, sagt Dermalog-Vertriebsleiter Oliver Jahnke.

Marktexperten sehen in der Technik großes Potenzial. Als „vielversprechend“ bezeichnet Horst Rüter, Leiter Zahlungssysteme beim EHI, dem wissenschaftlichen Institut des Handels in Köln, das Fingerabdruck-Verfahren – vor allem, weil die Kunden es generationenübergreifend akzeptierten.Das EHI beschäftigt sich seit längerem mit Alternativen zur EC-Karte: dem kontaktlosen Bezahlen, wie es Fußballfans per drahtloser Übertragungstechnik RFID in einer Scheckkarte in einzelnen Stadien nutzen, ebenso wie mit der Fingerprint-Identifikation.

Noch aber sind Rewe & Co. vom Masseneinsatz weit entfernt. Bisher gibt es nur Einzellösungen, die die Firmen in Supermärkten testen. Dermalog will hingegen ein übergreifendes System Anfang März auf der Messe Cebit vorstellen. Mit diesem könnten sich biometrische Daten zentral auf einer Datenbank ablegen und verwalten lassen, sagt Vertriebsleiter Jahnke. Seine Tauglichkeit unter Beweis stellen könne das System aber erst, wenn es eine breite Akzeptanz gefunden habe – und das ist noch nicht der Fall. „Rewe ist unser erster Kunde“, räumt Jahnke ein.

Weiter ist eine andere Methode – die Bezahlung per Handy: Die Mobilfunkanbieter O2 und Vodafone haben mit M-Pass ein System etabliert, das sich nicht nur an die eigenen Kunden richtet. „Jeder, der ein Handy besitzt, kann sich für den Dienst anmelden. Er muss nur seine Bankverbindung hinterlassen“, sagt Jochen Bornemann, Leiter Bezahldienste bei Vodafone D2.

Kooperation mit Onlineshops

Kunden von O2 und Vodafone mit Mindestvertragslaufzeit sind bereits automatisch registriert. Sie müssen sich nur noch mit ihrer Handynummer und ihrem Kundenkennwort anmelden. Beträge, die sie mit M-Pass bezahlen, buchen die Firmen automatisch per Lastschrift vom Girokonto ab.

Der Dienst kooperiert mit mehr als 20 Onlineshops, etwa der Kinokette Cinemaxx, dem Ticketanbieter Konzertkasse oder dem Geschenkeshop Mydays. „Die Kunden können mit M-Pass einkaufen, ohne ihre Bankverbindung oder Kreditkartendaten preisgeben zu müssen – damit ist das Verfahren besonders sicher“, nennt Bornemann den wichtigsten Vorteil. Beim Bezahlen müssen sie auf der Internetseite des Shopbetreibers nur ihre Handynummer sowie den M-Pass-Pin angeben und den Bezahlvorgang anschließend mit dem Handy per SMS autorisieren.

M-Pass will sein Angebot dieses Jahr um eine Variante für den Handel erweitern. Zum Einsatz kommen soll dabei die sogenannte Near Field Communication (NFC). Ein Chip im Telefon schickt dabei einen Identifikationscode an das Kassensystem, mit dem sich der Kunde ausweist. Abhängig von der Betragshöhe muss zusätzlich eine Pin-Nummer eingegeben werden. Kunden mit älteren Handys will M-Pass einen separaten Chip zur Verfügung stellen, den sie auf dem Mobiltelefon anbringen können.

Das Bezahlen per Handy habe durchaus eine Chance, sagt der Augsburger Wirtschaftsinformatiker Key Pousttchi, der sich seit Jahren mit Mobile-Payment-Lösungen beschäftigt. „Es wundert mich, dass es hierzulande noch keine vernünftige Lösung gibt.“ Frankreich und Italien seien da schon weiter.