Das Handy als Geldbörse

Von SWAm 12.06.09 erschienen in "Funkschau"


Trotz guter Konzepte mangelt es den mobilen Bezahlverfahren der Mobilfunkbetreiber in Deutschland an Marktdurchdringung und Wachstum. Nur in Nischenanwendungen wie die Bezahlung von Parkscheinen, von Handytickets der Deutschen Bahn und der Lufthansa sowie bei Briefmarken der Deutschen Post nimmt Mobile Payment an Fahrt auf.

Noch vor einem Jahr wurde viel vom Aufbruch auf dem deutschen M-Payment-Markt gesprochen. Mit Vodafone und O2 drängten zwei Mobilfunkanbieter (Mpass), mit der Deutschen Telekom der größte Festnetzanbieter (Call and Pay flexible) und mit Contopronto (Luupay) ein spezialisierter M-Payment Dienstleister mit ihren mobilen Bezahlverfahren auf den Markt. Contopronto hat derweilen seine deutsche Niederlassung geschlossen. Transaktionen für Luupay sollen zwar noch funktionieren, wie lange noch, ist allerdings ungewiss. Branchengerüchten gemäß will sich der M-Payment-Dienstleister aus dem Endkundengeschäft zurückziehen. Mit „Call and Pay flexible", der Deutschen Telekom, lassen sich Waren und Dienstleistungen per Handy bezahlen. Der Kunde nutzt dabei sein Handy, um die Zahlung zu autorisieren, die Abrechnung erfolgt über die Festnetzrechnung der T-Com. Es spielt dabei zwar keine Rolle, aus welchem Mobilfunknetz der Kunde kommt, er muss allerdings über einen T-Com-Festnetzanschluss verfügen. Bisher hat „Call and Pay flexible" keine große Verbreitung. Lediglich an ausgesuchten Snack- Automaten und für Fahrten mit der Braunschweiger Verkehrs AG lässt sich das mobile Bezahlverfahren einsetzen.

Interneteinkauf: Bezahl’s mit dem Handy

Auch der Bezahlservice „Mpass“ leidet an der mangelnden Verbreitung des Dienstes. Bisher können Kunden gerade einmal bei 13 Online-Händlern wie Blume2000.de, Cinemaxx und Beate Uhse bezahlen. „Ich würde mir eine konsequentere Strategie bei der Marktdurchdringung wünschen“, so Mobile- Payment-Experte Dr. Key Pousttchi, Leiter der Forschungsgruppe Wi-Mobile der Universität Augsburg. Potenzial hat das Bezahlsystem, da es sich zum einen, einfach bedienen lässt. Zum anderen ist es sicherer als die Systeme wie Paypal und Co. Der Kunde benötigt für die Transaktion nicht nur die Zugangsdaten („Wissen“), sondern auch sein persönliches Mobiltelefon („Besitz“), erklärt O2-Pressesprecher Dr. Roland Kuntze. „Mpass“ funktioniert wie folgt: Es kombiniert das Lastschriftverfahren mit einer SMS-Zahlungsbestätigung mittels Handy. Das heißt in der Praxis: Der Kunde bestellt ein Produkt im mobilen Portal oder im Internetshop, gibt seine Mobilfunknummer und ein Passwort ein. Im Anschluss erhält er eine SMS und braucht diese nur kurz zu bestätigen, um den Betrag per Lastschrift vom Konto abbuchen zu lassen.

Insgesamt können rund 70 Millionen Bankund Mobilfunkkunden „Mpass“ nutzen. Ohne jede Registrierung bietet der Bezahlservice rund 14 Millionen Vertragskunden von Vodafone und O2 die Möglichkeit, ihre Interneteinkäufe zu bezahlen. Mobifunk-Teilnehmer wie Prepaid-Kunden, Kunden mit Firmenhandy sowie Kunden anderer Mobilfunkanbieter melden sich einmalig beim Online-Zahlungsprozess kostenfrei an.

Parkgebühren & Bahnticket per Handy

Parkgebühren per Handy bezahlen

Im Vergleich zu „Mpass“ und „Call and Pay flexible“, scheint die Begleichung von Parkgebühren mit dem Mobiltelefon besser zu laufen: Rund 60.000 Autofahrer in etwa 26 Städten entrichten inzwischen ihre Parkgebühren per Handy, zum Beispiel in Berlin, Hamburg oder Köln. Ein Anruf startet die Parkzeit. Vor dem Wegfahren melden sich die Fahrer telefonisch wieder ab. Der Berliner Verein Telematics Pro ist maßgeblich daran beteiligt, dass sich das Handyparken etabliert. „Seit drei Jahren helfen wir Städten diesen Service anzubieten“, erklärt Michael Sandrock von Telematics Pro.

Er schätzt, dass sich noch in diesem Jahr die Nutzerzahl auf mindestens 180.000 verdreifachen wird. Telematics Pro betreibt seit kurzem auch die Webseite mobil-parken.de, auf der viele Provider gelistet sind. Wer am Handyparken teilnehmen möchte, registriert sich bei einem Betreiber und erhält eine Vignette, über die das Ordnungsamt informiert wird, dass der Fahrzeughalter am mobilen Parkservice teilnimmt. Die Abrechnung erfolgt per monatlicher Rechnung. Der Vorteil für den Nutzer: Die Parkdauer muss nicht vorab festgelegt werden, sie wird minutengenau erfasst.

Mit dem Handyticket Bahn fahren

Bis zehn Minuten vor Abfahrt können Bahnkunden mit ihrem Handy von unterwegs direkt ihr Bahnticket buchen. Nach Angaben der Bahn nutzten diesen Service im letzten Jahr durchschnittlich 3.553 Nutzer pro Monat. Bahnfahrer müssen dazu mit ihrem Mobiltelefon eine Internetverbindung zum Portal „mobile.bahn.de“ herstellen. Dort wählen sie die gewünschte Reiseverbindung aus und buchen ihr Handyticket. Wenige Minuten später erhält der Anwender eine MMS mit 2-D-Barcode auf sein mobiles Endgerät, die als Fahrkarte fungiert. Entsprechend lassen sich auch Sitzplätze ohne und mit Ticket reservieren. Die Voraussetzung zur Nutzung des mobilen Fahrkartenservices ist, dass der Nutzer sich im Vorfeld im Buchungssystem der Bahn per Internet registriert. Der Kunde kann sich dann unter „Meine Bahn“ für den mobilen Dienst anmelden, indem er seine Handynummer hinterlegt und eine persönliche Geheimnummer (mobile PIN) definiert.

Der Nachteil des Handytickets: Fahrkarten lassen sich nur zum Normalpreis – mit oder ohne Bahncard-Ermäßigung – für die einfache Fahrt für eine Person innerhalb Deutschlands buchen. Handytickets sind außerdem nicht erhältlich für die Sparpreise 25 und 50, für Fahrten innerhalb von Verkehrsverbünden und Aktionspreisen.

Check-In/Portozahlung

Check-In und Boarding per Mobiltelefon

Seit September letzten Jahres können Lufthansa- Gäste auf allen Flügen aus Deutschland nach Europa die „Mobile Bordkarte“ nutzen. Vorausgegangen war die Einführung des mobilen Dienstes auf allen innerdeutschen Strecken. Nach Angaben der Fluglinie stößt das Angebot auf eine breite Akzeptanz bei den Reisenden. Bis letzten September nutzen mehr als 7.000 Passagiere pro Woche die elektronische Bordkarte.

Die „Mobile Bordkarte“ wird Fluggästen per E-Mail oder SMS-Link an ihr Mobiltelefon gesendet. Neben den relevanten Flugdaten wie Name des Reisenden, Flugnummer und Abflugzeit enthält die Bordkarte einen so genannten 2-D-Barcode, mit dem Passagiere die Sicherheitskontrollen passieren und direkt ans Abfluggate gehen können. Dort wird der Barcode über einen Scanner eingelesen und der Gast kann ohne ein ausgedrucktes Papierdokument ins Flugzeug einsteigen.

Fluggäste können die elektronische Bordkarte sowohl über das mobile Portal „lufthansa.com“ per internetfähigem, mobilem Endgerät als auch per Online-Check-in über das Internet anfordern. Zur Identifizierung beim Check-in über das mobile Endgerät reicht neuerdings schon der Buchungscode in Kombination mit dem Namen des Reisenden aus. Die Fluggäste können sich jederzeit alternativ eine gedruckte Bordkarte an einem Check-in-Automaten oder am Schalter abholen, sollte die elektronische Bordkarte nicht auf dem Mobiltelefon darstellbar sein, beispielsweise wenn der Akku leer ist.

Porto per Handy

Auch die Deutsche Post hat das Potenzial der Zahlung per Handy erkannt. Seit August 2008 können Mobilfunkkunden von E-Plus, T-Mobile und Vodafone Standardbriefe und Postkarten mit dem so genannten „Handyporto“ frankieren. Dazu genügt es, eine SMS mit dem Stichwort „Brief“ oder „Karte“ an die Nummer 22122 zu schicken oder direkt dort anzurufen. Innerhalb weniger Sekunden erhält der Absender einen zwölfstelligen Code. Diesen handschriftlich auf den Brief zu übertragen reicht aus, um die Sendung passend zu frankieren. Eine Registrierung ist zur Nutzung nicht erforderlich. Der Preis des Handyportos liegt bei stolzen 85 Cent für die Postkarte beziehungsweise 95 Cent für den Standardbrief plus der providerabhängigen Kosten für die Bestell-SMS oder den Anruf und wird direkt über den Handyanbieter abgerechnet. O2-Kunden müssen allerdings noch warten. Nach Auskunft des Münchner Netzbetreibers ist die Einführung des Portos im Sommer dieses Jahres geplant.

NFC/Der japanische Markt

NFC: Schlüsseltechnologie für das M-Payment

Inzwischen setzen viele M-Payment-Anbieter weltweit auf den RFID-Ableger Near Field Communication (NFC), der künftig in allen Mobiltelefonen und Kassenterminals zu finden sein soll. Die GSMA setzt mit ihrer „Pay-Buy-Mobile“-Initiative darauf, die NFC-Kundendaten auf der SIM-Karte zu speichern. Schon in wenigen Jahren soll das Bezahlen per NFC-Technik Realität sein. „Im stationären Handel kommt keiner an NFC vorbei“, vertrat Mobile-Payment- Experte Dr. Key Pousttchi, Leiter der Forschungsgruppe Wi-Mobile der Universität Augsburg gegenüber funkschau seine Auffassung. Bei einem sechsmonatigen Pilotversuch der niederländischen Supermarktkette C1000 zeigten sich 90 der 100 Tester von der Technologie begeistert. In der Abschlussbefragung meinten fasst alle Probanten, dass ihr nächstes Mobiltelefon NFC-fähig sein wird, falls Endgeräte verfügbar sind. Sogar 55 Prozent der Befragten würden den Mobilfunkbetreiber wechseln, um weiterhin bequem per NFC-Technik bezahlen zu können.

NFC macht’s möglich

Noch im Testbetrieb ist der E-Ticketing-Service „Touch&Travel“ der Deutschen Bahn, T-Mobile und Vodafone. 2010 soll der Dienst in den kommerziellen Betrieb übergehen und bundesweit allen Fahrgästen zur Verfügung stehen. Mit dem System „Touch&Travel” wird das Mobiltelefon zur Fahrkarte. Der Reisende meldet sich bei Fahrtantritt mit seinem Handy an und nach Erreichen seines Reiseziels wieder ab. Dazu werden alle Bahnhöfe und Haltestellen mit so genannten Touchpoints ausgestattet. Nach Fahrtende werden die gefahrene Strecke und der Fahrpreis berechnet. Der Kunde erhält turnusmäßig eine Abrechnung über seine Fahrten.

Das E-Ticketing-Verfahren setzt auf die Handy-Technologie Near Field Communication (NFC, siehe Kasten, Seite 33). Dieser Übertragungsstandard ermöglicht eine kontaktlose Datenübertragung im Zentimeterbereich (bis zirka fünf Zentimeter). NFC funktioniert ähnlich wie RFID mit einem Chip, der drahtlos mit einem Lesegerät (Touchpoint) kommunizieren kann. Im Gegensatz zu ähnlichen Technologien wie zum Beispiel Bluetooth ist kein langwieriger Verbindungsaufbau notwendig. Nach Angaben der Bahn dauert der Kommunikationsvorgang zwischen Mobiltelefon und Touchpoint bis zu 400 Millisekunden.

Der japanische Markt hat vier Jahre Vorsprung

Ein Markt, auf dem kontaktlose Zahlungen mit dem Mobiltelefon seit Jahren funktionieren, ist Japan. Hier unterstützen nicht nur 90 Prozent der Mobiltelefone bereits schnelle 3G-Datenkommunikation, sondern auch bereits die Hälfte der Geräte verfügt über einen Felica-Bezahlchip. Felica wurde von Sony entwickelt und ist der De-Facto-Standard in der japanischen NFC-Industrie. Erste Geräte wurden bereits im Juli 2004 von NTT Docomo eingeführt. Inzwischen wurden nicht nur über 53 Millionen Handys mit Felica in Japan verkauft, sondern es gibt auch bereits 70 Firmen, die Felica-basierte Applikationen wie Payment, Ticketing oder Loyalty anbieten. Der Trusted Service Manager (TSM) ist Felica Networks, ein Jointventure von Sony, NTT Docomo und Japan Railways East. „Der japanische Markt hat vier Jahre Vorsprung“, so Japan-Experte Jan Michael Hess, CEO der Berliner Beratungsfirma Mobile Economy, die sich auf mobile Innovationen und mobiles Internet spezialisiert hat. Entscheidend dabei sei das Wertschöpfungsnetz der Felica Economy, aus dem man viele Dinge für unsere westlichen Märkte lernen kann.

Aber auch in Frankreich zeigt sich seit einigen Jahren eine spannende Entwicklung. Anders als der japanische, wird der französische Markt nicht von einem einzelnen Mobilfunkanbieter dominiert. Das französische Modell beruht daher vor allem auf Zusammenarbeit. Dies betrifft in erster Linie die technischen Aspekte, aber ebenso das Wertschöpfungsnetz (Ecosystem). „Die Voraussetzungen für die Einführung kontaktloser Mobilfunkdienste sind in Frankreich hervorragend.“, so Susanne Molkentin- Lacuve, die bei Bouygues Telecom in Paris für NFC zuständig ist. „Neben der Kooperation ist hier insbesondere die bestehende Infrastruktur für kontaktlose Zahlungen entscheidend, die in den letzten Jahren geschaffen wurde.“ So sind im öffentlichen Nahverkehr kontaktlose Karten bereits weit verbreitet: über 35 Städte haben die Technik im Einsatz, sechs Millionen Karten sind im Umlauf. Und Chipkarten sind bereits ein etabliertes Zahlungsmittel, das auch für 1-Euro-Zahlungen überall genutzt werden kann. Nach einer Reihe erfolgreicher Piloten sollen Ende des Jahres marktreife kontaktlose Dienste in Frankreich verfügbar sein.