vbw-Medienkongress 2015

„Beherrschbarkeit der Daten – Chancen und Herausforderungen“

Prof. Dr. Pousttchi
Prof. Dr. Key Pousttchi, Universität Potsdam © vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V.

Jetzt ist es raus: Smartphones haben die gleiche Wirkung wie Kaffee. Oder Alkohol. Zumindest, wenn es nach Prof. Dr. Key Pousttchi vom Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Digitalisierung an der Universität Potsdam geht. „Was Smartphones in uns auslösen, ist Suchtmitteln nicht unähnlich“, erklärt er auf dem vbw-Medienkongress 2015. Die Veranstaltung will unter dem Motto „Beherrschbarkeit der Daten – Chancen und Herausforderungen“ aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten, welches Potenzial in Datenvielfalt und Datenquellen liegt und wie wichtig ein sinnvoller und zukunftsorientierter Umgang mit diesen Daten ist.

Für Pousttchi ist die, in Hinblick auf die Zukunft, wichtigste Datenquelle eindeutig das Smartphone. Denn Kommunikation, so der Wirtschaftsinformatiker, sei ein Grundbedürfnis des Menschen, und Smartphones stillen dieses Bedürfnis so ausgiebig wie noch nie. 75 Prozent aller Altersgruppen gehen nicht ohne Smartphone aus dem Haus, zeigt eine Studie von Bitcom, und selbst zuhause ist das Mobiltelefon für viele ständiger Begleiter – 56 Prozent der Fernsehzuschauer nutzen es als Second Screen und 12 Prozent aller Smartphone-Nutzer nehmen es sogar mit ins Bad.

Big Data darf keine Schockstarre auslösen

Was Smartphones und damit vor allem auch die Besitzer der Smartphone-Betriebssysteme von ihren Nutzern wissen, ist diesen bei weitem nicht im vollen Ausmaß bewusst – und wie sie dieses strategisch wertvolle Wissen für sich nutzen können oder dürfen, müssen auch Unternehmen noch herausfinden. Das bestätigt Prof. Dr. Björn Bloching von Roland Berger Strategy Consultants, der als einer der Autoren des Sachbuchs Data unser an Einzelfällen aufzeigt, wie datengetriebene Unternehmensführung funktionieren kann und wohin die Reise mit die Auswertung von Kundendaten in Unternehmen in den nächsten Jahren führen könnte. Momentan sei die Schere zwischen den Unmengen an Daten, die Unternehmen bereits von ihren Kunden besitzen, und der tatsächlichen Nutzung dieser Daten zu groß. Viele Unternehmen, so Bloching, seinen von diesem Begriff „Big Data“ in Schockstarre versetzt. Und die müssten sie ablegen.

„Wir müssen loslassen und mit dem Datenthema experimentieren“, sagt Bloching und gibt zu bedenken, dass sich dafür allerdings erst das kulturelle Denken der Deutschen ändern müsse. „Wir sind nicht sozialisiert, Fehler zu machen“. Fehler, die passieren müssen, um mit den Datenmassen, die bereits gesammelt sind und noch gesammelt werden als Unternehmen auch wirklich etwas anfangen zu können. Digitale Kompetenz müsse man schließlich erst aufbauen.

Smart Data ist Earned Data

Digitale Kompetenz bedeutet aber eben nicht, wahllos Daten zu sammeln, sondern einen Fokus auf ausschlaggebende Daten zu legen und diese dann in die Realwelt des Endkonsumenten zu übertragen, um ihn etwa mit auf seine Bedürfnisse abgestimmten Angeboten den Einkauf zu erleichtern. Was nicht nur für das Unternehmen sondern auch für den Kunden Nutzen haben kann und ihn nicht zwingend abzuschrecken muss. Denn warum, so Bloching, solle man mit einem seriösen Unternehmen nicht bestimmte Daten teilen, wenn klar sei, wofür das Unternehmen sie nutzt? Smart Data, das seien im Grunde Earned Data, also freiwillig vom Kunden zur Verfügung gestellte Daten.

Pousttchi bestätigt dieses Prinzip: „Die Aussage, dass Vorteile der schönen neuen Datenwelt nur genutzt werden können, wenn die Nachteile in Kauf genommen werden, ist falsch.“ Man könne auch kundenorientiert und kundenfreundlich denken, so für beide Seiten mehr Nutzen bringen und über Kurzzeitfolgen von Datensammlungen hinaus in die Zukunft denken. Auf den Punkt bringt die Staatssekretärin beim Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur Dorothee Bär, worüber sich alle Redner einig sind: dass die Furcht vor dem düster über allem wabernden Begriff Big Data weder für Unternehmen noch für Kunden der richtige Weg sein könne, mit der Digitalisierung umzugehen. „Wir sind auf einem guten Weg und werden auf einem noch besseren sein, wenn wir die Chancen in den Mittelpunkt stellen, und nicht die Risiken.“

Katrin Baumer, 22. Juli 2015 erschienen im Mediennetzwerk Bayern

Prof. Dr. Pousttchi
Prof. Dr. Key Pousttchi, Universität Potsdam © vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V.