Vortrag Prof. Dr. Key Pousttchi
Foto: Ralph Bausinger

Sphärische Klänge als Welt­uraufführung: Nein, es spielte kein Orchester beim gemeinsamen Neujahrsempfang von Handwerkskammer (HWK) und IHK Reutlingen. Das, was die gut 600 Besucher in der Reutlinger Stadthalle hörten, war von „Bloom“, einer App für Smartphones, komponiert worden. Ein Einstieg, der gut zum Thema passte, schließlich ging es Montagabend um Big Data und die Frage, wie sie uns und die Arbeitswelt verändern.

Mit Prof. Dr. Key Pousttchi hatte die Handwerkskammer als Organisator einen absoluten Experten eingeladen (siehe Infokasten). Das Mobiltelefon habe zu einer fundamentaler Änderung in der Struktur unserer Kommunikation geführt, konstatiert der Professor aus Potsdam. Zum einem, weil es seit Urzeiten im Menschen angegelegte Instinkte (stets mit den Seinen in Verbindung stehen) befriedige, zum anderen, weil es dem Bedürfnis nach Unterhaltung diene. 76 Prozent der Deutschen verließen das Haus nicht ohne Mobiltelefon, immerhin zwölf Prozent nähmen es mit ins Bad, und 56 Prozent nutzten es als zweiten Schirm („second screen“) beim Fernsehschauen. Wobei man sich, so Pousttchi nicht täuschen sollte, welches in Wirklichkeit der erste und welches der zweite Schirm sei.

Mastercard hatte unlängst erklärt, dass er aufgrund der vorliegenden Kreditkartendaten besser vorhersagen können, welches Paar sich in fünf Jahren scheiden lasse als die Betroffenen selbst. Das wundere ihn nicht, sagte Pousttchi, erstaunlich sei, mit wie wenig Daten sie dies könnten. Und er stellte die Frage, was jemand machen könne, der über mehr Informationen verfüge: Klare Antwort: „Damit kann man – mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit – eine Menge, wenn nicht alles über einen Menschen errechnen.“

Wer als Plattformanbieter über die Daten und damit das nötige Wissen verfüge, könne sich zwischen Kunde und Händler schieben. Damit ließen sich die Margen der Händler immer mehr abschöpfen. Darauf müsste Unternehmen reagieren. Der Professor warnte davor, die Digitalisierung einfach geschehen zu lassen und schwarz zu malen: Die Welt kenne Deutschland als Ingenieurnation. Wenn es gelinge, unser Talent für gute und sichere Lösungen auf eine durchdachte und unbürokratische Weise umzusetzen, „dann brauchen wir uns bei der Digitalisierung nicht verstecken“ sagte Pousttchi am Ende seinen Vortrags.

Schon zuvor hatte Handwerkskammerpräsident Harald Herrmann das Thema Digitalisierung angesprochen. Die Versorgung mit schnellem, flächendeckendem Internet werde einer der wichtigsten Standortfaktoren der Zukunft für Unternehmen sein. Hier müsse die Politik mit Nachdruck für den Breitbandausbau und die Digitalisierung einstehen. Und auch IHK-Präsident Christian O. Erbe hatte im Gespräch mit  Moderatorin Steffi Renz und Handwerkskammer-Vizepräsident Harald Walker darauf hingewiesen, dass die Region Neckar von einer optimalen Breitbandversorgung „noch eine ganze Ecke weit weg“ ist

2016 sei, sagte Herrmann in seiner Begrüßungsrede, ein „Erfolgsjahr für die deutsche Wirtschaft, von der auch die Betriebe in unserer Region profitierten“. Wirtschaftlich gesehen das stärkste Jahr seit der Wende. Das Steueraufkommen fiel um ein Vielfaches höher aus, als die Prognosen zu Jahresbeginn erahnen ließen. Dennoch sei eine überaus negative Stimmungslage innerhalb aller Bevölkerungsschichten spürbar. Die politischen sowie gesellschaftlichen negativen Veränderungen des vergangenen Jahres trübten auch die Stimmung innerhalb der Wirtschaft. Er gehe davon aus, dass auch diese Region die negative Veränderung 2016 mittelbar oder unmittelbar zu spüren bekommen wird.

Der HWK-Präsident beklagte einen Trend zum Protektionismus, nannte als Beispiel den Brexit und die Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten. Die Abkehr von Internationalisierung und freiem Warenverkehr sei schädlich für Europa und die ganze Welt – und am Ende auch für die heimische, regionale Wirtschaft, ganz gleich, ob Handwerk, Industrie, Handel oder Dienstleistungsbetrieb.

Er hoffe, dass sich die Bürger der Bundesrepublik am 24. September nicht zu einer Protestwahl verleiten ließen. Nähmen die etablierten Parteien nicht die Sorgen und Ängste der Bürger ernst, befürchtet Hermann einen „unkalkulierbaren Ausgang“ der Wahl.

Weiter forderte Herrmann „praxisgerechte und faire politische Bedingungen, um unsere Betriebe am  Laufen zu halten und nachhaltig Arbeitsplätze sichern zu können“. Der Entwurf von  Arbeitsministerin Andrea Nahles zur Erweiterung des Teilzeit- und Befristungsgesetzes gehe da in die falsche Richtung. weil es einzelne Gruppen zu Lasten anderer Beschäftigter privilegiere.

Auf Grund des ungebrochenen Trends zum Studium oder weiterführenden Schulen werde es für Betriebe immer schwieriger, junge Leute für eine duale Ausbildung zu gewinnen. Derzeitig gebe es weit mehr Ausbildungsplätze  als geeignete Bewerber. „Wir werden also in Zukunft mit großem Aufwand alles versuchen müssen, junge Menschen für eine duale Ausbildung zu gewinnen, denn unsere Auszubildenden von heute, sind die Facharbeiter von morgen.“ Ein guter dualer Lehrabschluss sei, betonte der HWK-Präsident, immer besser, als ein abgebrochenes Studium oder ein schlechter Studienabschluss.

Um Innovationen zu befördern, plädierte er dafür, die Beantragung der Innovationsgutscheine zu vereinfachen.

Mit der Wahl Donald Trumps werden sich die Welt auf unruhige Zeiten einstellen müssen, sagte Erbe in seinem Schlusswort. Das geplante Treffen von Triump mit Großbritanniens Premierministerin Theresa May spreche für eine klare Strategie des Auseinandertreibens der EU. „Es ist Zeit dass die EU Einigkeit und Stärke nach außen zeigt“, appellierte der IHK-Präsident an die Europäer.

Quelle: Südwest Presse Reutlingen

Vortrag Prof. Dr. Key Pousttchi
Foto: Ralph Bausinger