uni-potsdam.de

Sie verwenden einen veralteten Browser mit Sicherheitsschwachstellen und können die Funktionen dieser Webseite nicht nutzen.

Hier erfahren Sie, wie einfach Sie Ihren Browser aktualisieren können.

Wissenschaftliche Begleitung

1. Ziel und Gegenstand

Ziel der Begleitforschung im Projekt d.art ist die Evaluation der Weiterbildung. Die Weiterbildung setzt nicht auf die Vermittlung feststehender Kompetenzen, sondern macht Angebote zur theoriegestützten Reflexion und Fortentwicklung der individuellen Vermittlungsanliegen der Teilnehmenden. Dies hat zur Folge, dass ganz verschiedene und individuelle Bildungsprozesse zu erwarten sind. Eine Evaluation mit Bezug auf vordefinierte Lehrziele oder zu erreichende Kompetenzen kommt deshalb nicht in Frage.

Geht man davon aus, dass Lernen ein intentionaler Prozess ist, der auf die Erweiterung der individuellen Handlungsfähigkeit zielt (vgl. Holzkamp 1995) und, dass dieser Lernprozess didaktisch durch die Vermittlung alternativer Bedeutungshorizonte unterstützt werden kann (vgl. Ludwig 2012 und 2015; Ludwig/Rhim 2013), so stellt sich die Frage nach dem Ertrag der Weiterbildung auf spezifische Weise als Frage nach den Lernprozessen der Teilnehmenden.

Die pädagogische Weiterbildung d.art ist als Angebot konzipiert, mithilfe dessen sich die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler einerseits über die eigene künstlerische Expertise und das mit ihr verbundene kunstbezogene Vermittlungsanliegen verständigen können sowie andererseits sich ihr pädagogisches Vermittlungsanliegen als Künstlerinnen bzw. Künstler, die mit Schülerinnen und Schülern Projekte kultureller Bildung realisieren wollen, erschließen können. In der wissenschaftlichen Begleitung des Projektes d.art wird untersucht, in welcher Weise sich Teilnehmende in ihren Verständigungsversuchen lernend auf das Weiterbildungsangebot beziehen, ihre pädagogische Handlungsfähigkeit also erweitern können und in welcher Weise sie dabei ihr vorhandenes Verständnis von pädagogischem Handeln beibehalten, verändern bzw. in „widerständiger Weise“ aufrechterhalten.

2. Forschungsfragen

Die wissenschaftliche Begleitforschung untersucht, wie sich die Weiterbildungsteilnehmenden mit ihrem pädagogischen Handeln in Projekten kultureller Bildung auseinandersetzen und in welcher Art und Weise sie sich dabei auf das wissenschaftlich fundiertes Wissen, das ihnen in der Weiterbildung angeboten wird, beziehen. Wir gehen der Frage nach, in wie weit die Weiterbildung die Teilnehmenden dabei unterstützt ihre biographisch gerahmte Fachexpertise als Künstlerin bzw. Künstler mit einer pädagogischen Expertise zur Realisierung von Projekten kultureller Bildung zu verbinden. Unter dem Begriff „transformatorische Bildungsprozesse“ (vgl. Koller 2012) werden solche identitätsrelevanten Übergänge bislang vor allem aus der Perspektive einer biographietheoretisch fundierten Bildungsprozessforschung untersucht. Eine gegenstandsbezogene und lerntheoretisch begründete Bildungsprozessforschung steht bislang aus (vgl. Ludwig 2014). Diesem Desiderat wendet sich die Begleitforschung im Projekt d.art zu.

Es werden drei Forschungsfragen bearbeitet:

  1. Welche Bedeutungs-Begründungszusammenhänge (BBZ) stiften die Künstlerinnen und Künstler zwischen ihrem künstlerischen Vermittlungsverständnis und ihrem pädagogischen Vermittlungsverständnis im Verlauf der Weiterbildung?

  2. Welche Bedeutungs-Begründungszusammenhänge (BBZ) stiften die Künstlerinnen und Künstler im Verlauf der Weiterbildung zwischen ihren Vorstellungen pädagogischen Handelns und dem wissenschaftlichen pädagogischen Wissen, das ihnen in der Weiterbildung angeboten wird?

  3. In welchem gesellschaftlich-kulturellen Kontext stehen diese individuellen Bedeutungs-Begründungszusammenhänge (BBZ)?

Damit realisieren wir in d.art einerseits Anwendungsforschung im Sinne einer Evaluation des Weiterbildungsangebotes. Wir bearbeiten damit aber zugleich eine grundlagentheoretisch relevante Fragestellung, die an den erwachsenenpädagogischen Diskurs um die Professionalisierung nebenberuflicher Kursleitender anschließt (vgl. Günther/Ludwig 2015).

3. Theoretischer Zugang

Quelle: Eigene Darstellung
Bedeutungs-Begründungs-Zusammenhänge (BBZ)

Lernen verstehen wir als einen intentionalen Prozess, der auf die Erweiterung der individuellen Handlungsfähigkeit zielt (vgl. Holzkamp 1995). Im Anschluss an eine subjekttheoretische Lern- und Bildungsprozessforschung (vgl. Ludwig 2014) untersuchen wir die Lernprozesse der Teilnehmenden vom Standpunkt der Lernenden aus. Wir rekonstruieren die gegenstandsbezogenen BBZ, die sich die Teilnehmenden im Rahmen der Weiterbildung bzgl. ihres pädagogischen Handelns in Projekten kultureller Bildung erarbeiten bzw. reflektieren. Wie verändern sich die Vorstellungen der Künstlerinnen und Künstler zu ihrem eigenen pädagogischen Handeln, zu ihrer Sicht auf die Kinder und Jugendlichen und auf die Bildungseinrichtung Schule sowie ihre biographisch erworbenen Vorstellungen zum Sinn und Zweck von Kunst und kultureller Bildung bzw. wie werden bisherige Vorstellungen stabil gehalten?

Die Begründungen der Künstlerinnen und Künstler sind durch ihre je biographisch erworbenen, lebensweltlichen Bedeutungshorizonte mit gesellschaftlichen Bedeutungshorizonten vermittelt (vgl. Abb. 1). Gesellschaftliche Bedeutungshorizonte sind Möglichkeiten zur individuellen Existenzsicherung und Teilhabe. Menschen können sich diese Möglichkeiten jedoch immer nur innerhalb ihrer je konkreten Lebenswelt nähern, die als subjektive Bedeutungshorizonte immer nur Ausschnitte der gesellschaftlichen Bedeutungshorizonte sind. Holzkamp bezeichnet diesen Standort als „Personale Situiertheit“ (vgl. Holzkamp 1995, S. 263 ff.). Die Rekonstruktion des Bezuges von Begründungen als gegenstandsbezogene Positionierungen auf gesellschaftliche Bedeutungshorizonte in ihrer subjektiven Repräsentation bezeichnen wir im Anschluss an Holzkamp als Bedeutungs-Begründungs-Analyse. Rekonstruiert werden im Projekt d.art die Lernprozesse der an der Weiterbildung teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler als Veränderungen von Bedeutungs-Begründungszusammenhängen (BBZ).

Sowohl handlungstheoretische Professionalisierungstheorien (vgl. Helsper 1996) als auch strukturtheoretische Modelle (vgl. Oevermann 1981, 1996 und 2002) beschreiben professionelles pädagogisches Handeln als ein Handeln in Spannungsverhältnissen. Professionelles pädagogisches Handeln zeichnet sich gegenüber alltäglichem pädagogischem Handeln durch eine stärkere Reflexion dieser Spannungsverhältnisse und einer größeren Flexibilität dieses Handelns in Spannungsverhältnissen aus. Professionelles pädagogisches Handeln erfordert somit ein Verhalten zu sich widersprechenden Anforderungen bzw. Antinomien.  Bedeutungs-Begründungszusammenhänge pädagogisch Handelnder werden so als Positionierungen in Spannungsfeldern rekonstruierbar. In der wissenschaftlichen Begleitung des Projektes d.art fragen wir nach der Art und Weise in der die Künstler diese Spannungsverhältnisse in ihrem pädagogischen Handeln erfahren und reflektieren und wie sie darüber ihre Begründungen pädagogischen Handelns ggf. transformieren.

Quelle: Eigene Darstellung
Bedeutungs-Begründungs-Zusammenhänge (BBZ)

4. Empirische Erhebung

Die Studie ist als qualitative Längsschnittuntersuchung angelegt. Datenerhebung und Weiterbildung sind eng miteinander verzahnt, d.h. wir nutzen den Prozess der Weiterbildung und die dabei entstehenden Daten als Daten für die Studie.

Vor Beginn der Weiterbildung werden narrative Interviews mit allen Weiterbildungsteilnehmenden geführt. Diese finden jeweils in den Ateliers oder Arbeitsräumen der Künstlerinnen und Künstler statt. Der Erhebungszeitpunkt ist angemessen, weil wir für die Auswertung der Daten im Längsschnitt einen Startpunkt festlegen müssen. Wir haben diesen vor dem ersten Seminar gewählt, weil wir damit die alltäglichen Vorstellungen der Künstler, insbesondere in Bezug auf ihr Verständnis von Pädagogik und kultureller Bildung in den Blick bekommen. Diese Vorstellungen bilden diejenige Perspektive, aus welcher heraus sich die Künstlerinnen und Künstler zu den Inhalten der Weiterbildung in Beziehung setzen. Die Erhebungsform des narrativen Interviews ist geeignet, da die Interviewten Raum haben ihre eigene Erzählung zu strukturieren, thematisch zu gestalten und zu entfalten. Thematisch beziehen sich die von uns im Interview angebotenen Frageimpulse auf das Selbstverständnis als Künstlerin bzw. Künstler und auf das Verständnis von Pädagogik bzw. kultureller Bildung. Nach der Weiterbildungsteilnahme werden die Teilnehmenden erneut interviewt, diesmal mit Frageimpulsen, die das Verhältnis von künstlerischer Expertise einerseits und Vermittlungsanliegen, Vermittlungsweisen und pädagogischer Beziehung in Projekten kultureller Bildung andererseits thematisieren.

Darüber hinaus werden alle drei Workshops per Audio- und Video aufgezeichnet, ebenso wie telefonische Beratungsgespräche während der Praxisphasen. Notizen und Protokolle, die während der teilnehmenden Beobachtung von den Forscherinnen und Forschern angefertigt werden stehen ebenfalls als Daten zur Verfügung.

5. Auswertungsvorgehen

Die Auswertung der umfangreichen Daten erfolgt qualitativ. Gearbeitet wird dabei mit Bedeutungs-Begründungs-Analysen (vgl. Ittner 2016), die sich an die Dokumentarische Methode (vgl. Bohnsack 2013, Nohl 2013) und die Situationsanalyse (vgl.Clarke/Keller 2012) anlehnen, sowie mit der Objektiven Hermeneutik (vgl. Wernet 2009)

Die Anwendung komparativer und sequenziell vorgehender Interpretationsverfahren ermöglicht, die je individuellen Begründungen der Teilnehmenden in ihrer Beziehung zu den übergreifenden Bedeutungen zu verstehen. Erst wenn es gelingt herauszuarbeiten auf welche gesellschaftlichen Bedeutungshorizonte sich die Künstlerinnen und Künstler in ihren subjektiven Bedeutungs-Begründungszusammenhängen potenziell beziehen können, wird eine Verstehen durch die Forschenden möglich und das Charakteristische des jeweiligen Bedeutungs-Begründungszusammenhangs sichtbar.

6. Erste Ergebnisse

Erste Datenauswertungen machen deutlich, dass sich die Künstlerinnen und Künstler in ihren Begründungen thematisch auf Fragen nach dem Was und Wie der Vermittlung in ihren Projekten zur kulturellen Bildung mit Schülerinnen und Schülern – also auf Vermittlungsanliegen und Vermittlungsmodus -, sowie auf Fragen der angemessenen Gestaltung einer pädagogischen Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern beziehen. In unterschiedlicher Weise kommt in den Begründungen zum Ausdruck, wie das konkrete Lehr-Lern-Setting es den Kindern oder Jugendlichen ermöglichen soll, sich mit ihrer Lebenswelt so auseinanderzusetzen, dass neue Sichtweisen, neue Erfahrungen oder erweiterte Handlungsmöglichkeiten in den Projekten kultureller Bildung erkennbar werden. Die Art und Weise des Bezugs auf das künstlerische Medium unterscheidet sich in den Begründungen der Künstlerinnen und Künstler vor allem entlang der Pole technisch/handwerkliche Beherrschung des Mediums vs. Nutzung der reflexiven Potenziale des Mediums Kunst/Kultur.

7. Literatur

  • Bohnsack, R. (2013): Die dokumentarische Methode und ihre Forschungspraxis. Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften
  • Clarke, A.E./Keller, R. (2012): Situationsanalyse. Grounded Theory nach dem Postmodern Turn. VS Verlag für Sozialwissenschaften
  • Günther, S./Ludwig, J. (2015): Transformationen pädagogischen Wissens bei nebenberuflichen Kursleitenden im Kontext pädagogischer Weiterbildung. In: Schmidt-Lauff, S./von Felden, H./Pätzold, H. (Hrsg.): Transitionen in der Erwachsenenbildung: Gesellschaftliche, institutionelle und individuelle Übergänge. Opladen/ Farmington Hills: Barbara Budrich, S. 213-224
  • Helsper, W. (1996): Antinomien des Lehrerhandelns in modernisierten päda¬gogischen Kulturen. Paradoxe Verwendungsweisen von Autonomie und Selbstverantwortlichkeit. In: Combe, A,/Helsper, W.(Hrsg.): Pädagogische Pro¬fessionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S .521-569
  • Holzkamp, K. (1995): Lernen. Subjektwissenschaftliche Grundlegung. Frankfurt a.M.: Campus
  • Ittner, H. (2016): Methodik für eine Forschung zum Standpunkt des Subjekts. In: Forum Qualitative Sozialforschung, 17 (2). Veröffentlichung im Mai 2016
  • Koller, H.-C. (2012): Bildung anders denken. Einführung in die Theorie transformatorischer Bildungsprozesse. Stuttgart: Kohlhammer
  • Ludwig, J. (2012): Lernbegründungen verstehen - Lernen beraten. In: Ludwig, J. (Hrsg.): Lernberatung und Diagnostik. Modelle und Handlungsempfehlungen für Grundbildung und Alphabetisierung. Bielefeld: wbv, S. 152-180
  • Ludwig, J./Rihm, T. (2013): Der Subjektstandpunkt in der Didaktik. In: Klaus Zierer (Hg.): Jahrbuch für Allgemeine Didaktik 2013. Neuere Ansätze in der Allgemeinen Didaktik. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, S. 83-96
  • Ludwig, J. (2014): Subjektwissenschaftliche Lerntheorie und Bildungsprozessforschung. In: Faulstich, P. (Hrsg.): Lerndebatten. Phänomenologische, pragmatistische und kritische Lerntheorien in der Diskussion. Bielefeld: transcript, S. 181-202
  • Ludwig, J. (2015): Beratung vom Subjektstandpunkt. In: Allespach, M./Held, J. (Hrsg.): Handbuch Subjektwissenschaft. Ein emanzipatorischer Ansatz in Forschung und Praxis. Frankfurt am Main: Bund Verlag, S. 293-313
  • Nohl, A.-M. (2013): Interview und dokumentarische Methode. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften
  • Oevermann, U.(1996): Theoretische Skizze einer revidierten Theorie professionalisierten Handelns. In: Combe, A./ Helsper, W. (Hrsg.): Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 70-182
  • Oevermann, U.(2002): Professionalisierungsbedürftigkeit und Professionalisiertheit pädagogischen Handelns. In: Kraul, M./Marotzki, W./Schweppe, C.(Hrsg.): Biographie und Profession. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S.19-63
  • Oevermann, U.(1981): Professionalisierung der Pädagogik – Professionalisierbarkeit pädagogischen Handelns. Transkription eines Vortrags am Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung der Freien Universität Berlin.
  • Wernet, A. (2009): Einführung in die Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften

Links

Direktkontakt

Vivien Höcker

+49 331 977 2064

vivien.hoecker@​​uni-potsdam.de

WiB e.V.-Dozent*innen

Kooperationen

Das Projekt d.art wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Die Gesamtleitung liegt bei der Professur für Erwachsenenbildung / Weiterbildung und Medienpädagogik. Die Weiterbildung wird organisiert vom Institut zur Weiterqualifizierung im Bildungsbereich (WIB e.V.) und durchgeführt von erfahrenen Pädagoginnen und Pädagogen. Wichtige Kooperationspartner des Projektes sind außerdem die Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg und das Schulamt Brandenburg an der Havel.