Chronik des USV Potsdam, Abt. Schach

Entwicklung der Abteilung Schach bis zu ihrer Zugehörigkeit zum heutigen USV Potsdam

Am 1. Juli 1956 wechselte die damalige Sektion Schach der BSG Einheit Potsdam die Farben und trat der Hochschulsportgemeinschaft Wissenschaft-West Potsdam bei. Sie dürfte die vergangenheitsträchtigste Abteilung des heutigen Universitätssportvereins Potsdam sein, denn sie führt in direkter Linie die Tradition des ältesten Potsdamer Schach-vereins weiter, der als "Schachgesellschaft Potsdam" am 17. November 1859 gegründet wurde. In Potsdam gab es vor dem 2. Weltkrieg weitere Schachvereine, beispielsweise den 1903 gegründeten "Potsdamer Schachclub 03" und den 1907 gegründeten "Nowaweser Arbeiter-Schachclub".

Als einziger der drei bedeutendsten Potsdamer Schachvereine überlebte die Schachgesellschaft Potsdam den zweiten Weltkrieg. Die Mitglieder trafen sich bereits 1945 in der Gaststätte "Zum Schwan" in der Potsdamer Dortustraße allwöchentlich zu ihren Spielabenden. Die Bestände an alten Schachbüchern und Schachzeitschriften, Kassiererheften aus der Gründerzeit der Schachgesellschaft Potsdam sowie viele Pokale und Siegerplaketten retteten sie in die Nachkriegszeit hinüber. 1947 trat der Autor dieser Zeilen als damals 17jähriger, heute dienstältestes Mitglied der Abteilung Schach, dem Verein bei. Dort kümmerten sich unter anderen Max Löwener und Günter Messer um das Training der Schüler und Jugendlichen. Nach Gründung des "Deutschen Sportausschusses" im Jahre 1948 wurde der Verein eine Sektion der "Betriebssportgemeinschaft Einheit Potsdam" und durchlebte schwierige Jahre. So mußte das Spiellokal mehrfach gewechselt werden (u.a. Vereinszimmer in der Gaststätte "Zum Alten Fritz" in der Zimmerstraße, in einer damals bestehenden kleinen Gaststätte in der Dortustraße (gegenüber dem jetzigen Gebäude der Berliner Bank). Nach Gründung der "Brandenburgischen Landeshochschule Potsdam", der heutigen Universität Potsdam, im Jahre 1948 und danach wurden viele Potsdamer Studenten Mitglieder der Sektion Schach unseres Vereins, so daß bald die jungen Spieler das Vereinsleben prägten und 1956 folgerichtig den Anschluß der Sektion an die HSG Wissenschaft-West Potsdam verwirklichten. Deren Name änderte sich 1953 nach Umwandlung der Landeshochschule in die Pädagogische Hochschule Potsdam zur HSG Pädagogische Hochschule Potsdam und blieb so bis zur Wende im Jahre 1989 erhalten. Das Spiellokal unseres in jenen Jahren leistungsstärksten Potsdamer Schachvereins war die Mensa im Studentenheim "Obelisk" in der Schopenhauerstraße.

Insbesondere die sechziger und siebziger Jahre waren die erfolgreichsten Jahre der Schach-spieler der HSG PH Potsdam: DDR-Sonderliga-, -Oberliga- und -Liga-Zugehörigkeit prägten jene Jahre ebenso wie das hervorragende Abschneiden der Frauen in der DDR-Frauenoberliga sowie bei DDR-Fraueneinzelmeisterschaften. Die erste Auslandsreise einer Vereinsmannschaft der HSG PH Potsdam wurde gemeinsam mit der Mannschaft von AdW Berlin im Jahre 1960 anläßlich eines Vierstädte- Wettkampfes mit Wroclaw und Poznan unternommen. Ein besonderer Höhepunkt für die Sektion Schach bestand im Erringen des DDR- Mannschaftspokals im Jahre 1974 durch einen 5,5:2,5-Sieg über Lok Pankow im Halbfinale und durch einen 5:3-Finalsieg über Lok Karl-Marx- Stadt (Chemnitz). Mit Mannschaftsleiter Helmut Scheide war an diesem großen Erfolg außer den Spielern Hubert Walkewitz, Hans Wuttke, Thomas Bundrock, Peter Babrikowski, Erhard Wilke, Reinhard Nünchert und Christoph Vollbrecht als einzige Frau unserer Mannschaft Eveline Nünchert beteiligt, die auch heute noch die höchste Spielstärke aller Vereinsmitglieder aufweist. In den achtziger Jahren verlor die Sektion Schach viele hervorragende Spieler, insbesondere durch Ortsveränderung nach Absolvierung des Studiums. Dieser "Aderlaß" hatte einen erheblichen Leistungsabfall der Mannschaften zur Folge.

In den hektischen Wochen und Monaten der Nachwendezeit verlor die Sektion Schach ihr Spiellokal und dabei bedauerlicherweise auch ihre wertvollen Bestände an Büchern, Zeit-schriften, Pokalen und uralten Vereinsdokumenten durch grobe Nachlässigkeit des die "Obelisk"-Mensa betreuenden Hausmeisters bei den angesetzten Räumungsaktionen. Nur wenige Bücher und Zeitschriftenbände, die an Mitglieder ausgeliehen waren, blieben erhalten. Seit der Wende hat die heutige Abteilung Schach des USV Potsdam (der aus DDR-Zeiten stammende Begriff Sektion ist der Bezeichnung Abteilung gewichen) ihr Trainings- und Spiellokal in Seminarräumen der Fachhochschule Potsdam am Alten Markt.

Mit Aufnahme von Eveline Nünchert in unseren Verein wurde 1968 die Frauenmannschaft gebildet, die 1969 zur DDR-Liga und 1970 zur DDR- Oberliga aufstieg. Das erfolgreiche Team ist zehn Jahre lang ein ernster Gegner für die in der DDR-Zeit staatlich geförderten Spitzenclubs des Frauenschachs aus Leipzig, Berlin, Dresden und Halle gewesen. So bringt die Frauenmannschaft seit mehr als 30 Jahren nicht nur weiblichen Charme in die Abteilung, sondern ist auch ein bedeutendes "Aushängeschild" unseres Vereins. Die Erfolge der Mannschaft sind im wesentlichen durch die Spitzenspielerinnen Eveline Nünchert, Ulricke Seidemann und Heidrun Bade beeinflußt worden, die in unterschiedlichen Perioden auch als Mannschaftsleiterinnen Verantwortung getragen haben.

Unser Mitglied Eveline Nünchert ist eine der erfolgreichsten Schachsportlerinnen der damaligen DDR. Im Jahre 1963 nahm sie, damals noch unter ihrem Mädchennamen Kraatz spielend, am FIDE-Zonenturnier der Frauen in Lodz teil. Mit 20 Jahren war sie die jüngste Teilnehmerin und spielte zum ersten Male im Ausland. Im gleichen Jahre nahm sie gemeinsam mit der Internationalen Großmeisterin Edith Keller-Herrmann und Waltraud Nowarra an der Erringung der Mannschafts-Bronzemedaille für die DDR bei der Schacholympiade in Split teil, bei der sie 62,5 % der möglichen Punkte erzielte. Danach spielte sie als "Amateuse" in zahlreichen internationalen Turnieren und wurde 1991 mit dem Meistertitel des Internationalen Schachverbandes FIDE ausgezeichnet. Neben Kerstin Kunze ist sie auch heute noch die einzige Schachspielerin des Landes Brandenburg mit dem Titel FIDE-Meisterin. Mit 25 Teilnahmen an DDR-Meisterschaften hält Eveline Nünchert den nicht mehr erreichbaren Rekord aller DDR-Schachspieler und belegte fast ausnahmslos Plätze unter den ersten fünf (21mal!). 1973 wurde sie DDR- Meisterin und 1974 in Potsdam Vizemeisterin (die vor einigen Jahren ins Rheinland verzogene Ulricke Seidemann hatte sich 1980 in Plauen den DDR-Meistertitel erkämpft - unmittelbar nach schweren Prüfungswochen in ihrer Ausbildung!).

Eine absolute Ausnahmeerscheinung ist Eveline Nünchert im Blitzschach. Schon im Alter von 16 Jahren siegte sie in einem großen internationalen Turnier unter Männern und wurde danach insgesamt achtmal DDR-Meisterin. Bei der ersten Deutschen Meisterschaft der Frauen- Auswahlmannschaften der Landesverbände im Jahre 1991 errang Brandenburg mit Eveline Nünchert am Spitzenbrett den Silberrang 2 hinter Sachsen. Bei der 1994 in Görlitz ausgetragenen ersten deutschen Blitzmeisterschaft nach der Wiedervereinigung landete Eveline Nünchert auf dem Bronzerang.

1992 gelang der Frauenmannschaft der Aufstieg in die 1. Bundesliga. Das Team spielte dort in der Saison 1992/93 mit den drei ehemaligen DDR- Meisterinnen Kerstin Kunze, Ulricke Seidemann und Eveline Nünchert, die ein hervorragendes Einzelergebnis hatte und mit 9,5 Punkten aus 11 Runden das beste Resultat aller Bundesligasportlerinnen erzielte. In den neunziger Jahren erkämpfte sich Eveline Nünchert mehrere Landesmeistertitel im Normal- und im Blitzschach. Auch heute ist sie trotz großer beruflicher Belastung sehr leistungsstark, spielt "nebenbei" auch in der I. Männermannschaft sowie in Seniorenmannschaften mit. Eveline Nünchert gehört neben den Internationalen Meisterinnen Brigitte Burchardt und Constanze Jahn als dritte der ehemaligen DDR-Spitzensportlerinnen zu den Top-25- Spielerinnen in Deutschland.

Seit 1994 hält sich die Frauenmannschaft erfolgreich in der 2. Bundesliga und erzielte zweimal Rang 2, zweimal Rang 3, zweimal Rang 4, einmal Rang 6 und einmal Rang 7. Seit einigen Jahren haben wir mit Kathleen Katscher (24) und Janine Platzek (17) hoffnungsvollen und spielstarken Schachnachwuchs, der bei Jugend- und Frauenmeisterschaften, Einladungsturnieren und in der 2. Bundesliga bereits beachtliche Erfolge erzielt hat, so daß die Mannschaft mit Team-Coach Reinhard Nünchert optimistisch in die Zukunft schauen kann. Erwähnenswert sind auch die Landesmeistertitel, die 1998 von Kathleen Katscher in der Altersklasse U 20 im Normalschach und von Ute Sommer bei den Frauen im Blitzschach erkämpft wurden.

Durch das Wegbrechen der Jugendarbeit in den Schulen gab es nach der Wende zunächst einen großen Mitgliederschwund (1992 hatte die Abteilung Schach nur noch 27 Mitglieder, in ihren besten Zeiten um die 80). Aber die Abteilung wuchs kontinuierlich wieder an, und so beträgt die Mitgliederanzahl per 25. Februar 2003 schon wieder 75, davon 6 Frauen, 31 Männer sowie 38 Schüler und Jugendliche. Neben der Frauenmannschaft in der 2. Bundesliga sind in der laufenden Spielsaison 2002/2003 fünf Männermannschaften (eine in der Landesliga, eine in der Landesklasse, eine in der Regionalliga und zwei in der Regionalklasse) im Mannschaftsspielbetrieb. Schüler- und Jugendmannschaften haben dank der ausgezeichneten Jugendarbeit von Kathleen Katscher, Thomas Heinze und Volker Svitek gute Ergebnisse erzielt.

Der ?ffentlichkeitsarbeit in der örtlichen Presse und in Schachzeitschriften haben wir stets großen Raum gewidmet. Durch die zahlreichen Beiträge, an denen zu DDR-Zeiten vor allem unser kürzlich verstorbenes Mitglied Erwin Woska und nach der Wende insbesondere der Autor dieser Zeilen beteiligt waren bzw. sind, hat die Abteilung Schach des USV Potsdam immer wieder auf sich aufmerksam gemacht und auf diese Weise auch neue Mitglieder gewinnen können.

Seit der Wende starten zahlreiche Senioren unserer Abteilung bei Bezirks-, Landes-, Deutschen und Weltmeisterschaften der Senioren, an denen Frauen über 55 und Männer über 60 teilnehmen können. Dabei sowie bei Offenen Seniorenturnieren wurden teilweise sehr gute Leistungen erzielt. Als Beispiele seien die Erringung des Landesmeistertitels durch Dr. Dieter Schenk in den Jahren 1996 und 2002, Werner Thormann im Jahre 1998 und Fro Trommsdorff im Jahre 2000 genannt. Helmut Scheide wurde 1999 Seniorenmeister von Hamburg. Die Seniorenmannschaft des USV Potsdam wurde in den Jahren 2000 und 2001 Landesmeister im Schnellschach.

Eine feste Tradition haben die freundschaftlichen Vergleichskämpfe mit dem Schachklub Sieker Bielefeld, die seit 1990 jährlich in Potsdam bzw. in Bielefeld ausgetragen und 2003 bereits zum vierzehnten Male stattfinden werden. Der USV Potsdam tritt seit 1993 als Veranstalter des beliebten Offenen USV-Sommerblitzturniers auf, das 2003 bereits zum elften Male stattfinden wird.

In den letzten Jahren ist die Abteilung Schach aktiv bei der Mitorganisation des "Internationalen Potsdamer Weihnachtsturniers" gewesen, das 1998 seine 25. Auflage erlebt hatte und nach einer "Durststrecke" im Jahre 2002 mit dem 27. Turnier unter der Mitorganisation unseres jetzigen Abteilungsleiters Thomas Heinze seine Fortsetzung gefunden hat. Reinhard Nünchert, mehrfacher USV-Meister, steht als Gewinner des 2. Turniers (1973) in den Annalen dieses traditionsreichsten Potsdamer Turniers, das weit über die Grenzen Potsdams bekannt und geschätzt ist und nun auf dem besten Wege ist, seine alte Bedeutung und seinen internationalen Charakter allmählich wiederzuerlangen.

Insgesamt gesehen ist die Abteilung Schach des USV Potsdam auf einem guten Wege in die Zukunft, nicht zuletzt durch die intensive Jugendarbeit in den letzten Jahren. Die Abteilung ist Mitglied des Landesschachbundes Brandenburg, damit auch des Deutschen Schachbundes, und gehört auch dem Landessportbund Brandenburg an. Große Unterstützung erfährt die Abteilung Schach durch die Leitung des Universitätssportvereins Potsdam, nicht zuletzt durch finanzielle Förderung der Übungsleitertätigkeit.

Stand der Chronik 26.02.2003

Dr. Siegfried Augustat