Textlinguistik

Textrezeption und Textproduktion; Textvariation (Translation, Adaptation)

Den vorliegenden Komplex motivieren Problemstellungen, die sich vor allem dann ergeben, wenn man auf den Text unter dem Blickwinkel seiner Erzeugung (Produktion, Encodierung) und seiner Verarbeitung (Rezeption, Decodierung) schaut. Dieser Umstand legt nahe, die hier verfolgte Perspektive "psycholinguistische" oder "kognitive" Perspektive zu nennen. Dies scheint allerdings angesichts der kommunikativen (sozialen und interaktiven) Determinationen von "Lesen", "Hören", "Sprechen" und "Schreiben" - zu eng, weshalb hier eine solche Überschrift nicht gewählt wird.

Der angezogenen Perspektive entspricht am ehesten eine textlinguistische Sichtweise, die sich als "prozeduraler Textansatz" bezeichnen läßt.

Als erster Einstieg in die Problemfelder der Textrezeption, Textproduktion und Textvariation (Translation und Adaptation) läßt sich folgendes fragmentarisch formulieren:

Textrezeption

Das Interesse an der Textrezeption verstärkte sich in der "Umbruchsituation" von der sprachsystembezogenen zur handlungs-(sprechakt)-bezogenen Textbetrachtung in dem Moment, als sich die Erkenntnis bahnbrach, daß Texte auch das Ergebnis gedanklicher Operationen, das Ergebnis der "Instrumentalisierung", "Operationalisierung" von Wissensbeständen darstellen. Darüber hinaus beförderten Parallelentwicklungen in der Künstlichen Intelligenz, der Psychologie und in der Psycholinguistik eine Vielzahl von Untersuchungen zu sprachlichen Entitäten in der Textverarbeitung (text procession, text comprehension), die wiederum auf das linguistische Verständnis von "Text" zurückwirkten.

Um sich dem Problem zu nähern, wie das sprachwissenschaftliche Instrumentarium auf Texte aus der Rezeptionssicht zugreifen könnte, soll hier von einer gängigen Vorstellung ausgegangen werden, von der Ebenenunterscheidung (Unterscheidung von Dimensionen) inbezug auf den Rezeptionsvorgang.

In der Systemvorstellung von G. RICKHEIT und H. STROHNER (1993) verlaufen Produktions- und Rezeptionsprozesse beim sog. situierten Kommunikator auf folgenden Ebenen, auf der

  • sensomotorischen,
  • syntaktischen,
  • semantischen und
  • pragmatischen Ebene.

Dem entspricht in etwa auch die Modellierung von Stufungen im Textverstehen, z.B. bei L. WILSKE und D. FLISCHIKOWSKI (1982), die unterscheiden:

  • Wahrnehmung der Sprachzeichenkörper,
  • Erfassen der lexikalisch-semantischen und der grammatisch-semantischen Seite der Wörter und Sätze,
  • Erfassen der Textbedeutung, des Textsinns auf der Ebene der elementaren Sinngebung,
  • Verarbeiten des gegebenen Textes in Richtung auf Sach- und Problemverständnis.

In der Zunahme der Komplexität ähnelt die vorstehende Untergliederung auch derjenigen von T. van DIJK und W. KINTSCH (1978, 1983), die folgende Ebenen ausweisen:

  • Ebene der atomaren Propositionen: semantische Grundeinheiten, Wörter;
  • Ebene der komplexen Propositionen: Teilsätze;
  • Ebene der lokalen Kohärenz: Satzverbindungen;
  • Ebene der Makrostuktur: ...;
  • Ebene der Superstruktur: konventionalisierte Formen von Textsorten.

Eine Affinität zur o.a. Ebenenvorstellung ergibt sich auch in bezug auf Verarbeitungsphasen beim Lesen, also sog. Lesestufen. M.A. JUST und P.A. CARPENTER (1980) z.B. gliedern als Teilprozesse aus:

  1. Get Next Input
  2. Word Encoding and Lexical Access
  3. Case Role Assignment
  4. Interclause Integration
  5. Sentence Wrap-Up

Aus dem Vorstehenden kann man u.E. schließen, daß sich der Rezeptionsvorgang nach der visuellen oder auditiven Aufnahme des "physikalischen Inputs" von Schrift und Laut auf die Ausgliederung von Verarbeitungseinheiten und ihres Zusammenhangs untereinander beziehen läßt (S. dazu auch LAMPRECHT 1988, 1989, 1990.).

Dabei scheint die Annahme plausibel, daß die Ausgliederung von sprachlichen (linguistischen) Einheiten, die wohl teils unbewußt, teils bewußt vor sich geht, den allmählichen (sukzessiven) Aufbau der Textrepräsentation im Gedächtnis "trägt", gewissermaßen das Vehikel für "das Erfassen des Textsinns", die "(Re-)Konstruktion des Textinhalts" bildet.

Die angesprochenen Sukzessivität bedeutet neben "Allmählichkeit", "Aufeinanderfolge" auch, daß im Fortgang der Rezeption Zwischenergebnisse bestätigt, korrigiert und revidiert werden können.

Für diesen Fall kann man u.E. annehmen, daß im Rezeptionsvorgang die unbewußte oder bewußte gedankliche Auseinandersetzung des Rezipienten mit textuell gebundenen Bedeutungen von sprachlichen Einheiten und Strukturen in unterschiedlichen inhaltlichen Relationen und Dimensionen stattfindet.

Wählt man für die Benennung des Ergebnisses der gedanklichen Auseinandersetzung den Begriff des Sinns, kann man u.E. zur Modellierung der gedanklichen Auseinandersetzung während des Rezeptionsvorgangs folgende Ausgangsformulierung gebrauchen:

"Der Sinn sn ergibt sich für einen bestimmten Rezipienten x zu einem bestimmten Zeitpunkt tn während des Rezeptionsvorgangs aus den Bedeutungen bestimmter sprachlicher Einheiten und Strukturen sen im Hinblick auf eine bestimmte linguistisch fundierbare Integrationsinstanz zn."

Mit der Indexalisierung (n) soll symbolhaft festgehalten werden, daß Bedeutungen sprachlicher Einheiten und Strukturen (se), Zeitpunkte (t), Sinnformierungen (s) und Integrationsinstanzen (z) für sich, aber auch in Beziehung zueinander variabel sein können.

Legt man die vorstehende Modellierung zugrunde, kann man in bezug auf linguistische Integrationsinstanzen mindestens folgende Stufungen der Sinnformierung beim Rezipienten ausgliedern und beschreiben:

  1. Der Sinn si von sprachlichen Einheiten und Strukturen sei formiert sich für den Rezipienten x zum Zeitpunkt ti aus der Satzsicht zi.
  2. Der Sinn sii von sprachlichen Einheiten und Strukturen seii formiert sich für den Rezipienten x zum Zeitpunkt tii aus der Textsicht zii.
  3. Der Sinn siii von sprachlichen Einheiten und Strukturen seiii formiert sich für den Rezipienten x zum Zeitpunkt tiii aus der kommunikativen (interaktionalen) Sicht ziii.

Textproduktion

Die theoretische Begründung der Sprachproduktion, so meinen G. ANTOS und H. KRINGS in ihrer Einführung zu einem bemerkenswerten Forschungsüberblick (1989, 2), war bisher Stiefkind von Linguistik und Sprachpsychologie. Dies läge zum einen an der Fokussierung des sog. Input-Problems, der Schwerpunktsetzung auf die Rezeption, wodurch ihrer Meinung nach der Weg zur "Output-zentrierten" Forschung verstellt war . Zum anderen hätten als weitere Barrieren gewirkt:

  • die Animosität, vom Satz zum Text als zentraler kommunikativer Einheit zurückzukehren,
  • die eindeutige Bevorzugung von Struktur- gegenüber Prozeßorientierungen in der Linguistik sowie
  • die erst beginnende Ausarbeitung kommunikativ relevanter Parameter durch Pragmatik und Soziolinguistik.

Dessenungeachtet widerspiegeln die Beiträge in der genannten Publikation nicht nur die beachtliche Breite der Textproduktionsforschung, sondern auch deren Theorie- und Methodenpotential. Sie machen aber auch deutlich, daß der Weg zu einer relativ exhaustiven und kohärenten Textproduktionstheorie noch weit ist. Die Herausgeber sehen diesen Umstand und gestalten ihren Überblick deshalb in der Weise, daß sie die Beiträge um text- sowie psycholinguistische Ansätze sowie Ansätze der empirischen Schreibforschung gruppieren, dazu die didaktische Perspektive mit Beiträgen zur muttersprachlichen und fremdsprachlichen Textproduktion ergänzen und diese mit Beiträgen aus der Computerlinguistik und Patholinguistik sowie der Praxis der Textproduktion flankieren.

Textvariation

Unter der Teilüberschrift "Textvariation" fassen wir hier die Translation und die Adaptation von Texten. Ihnen ist gemeinsam, daß sich in ihnen in spezifischer Weise Rezeption und Produktion miteinander verbinden, sie gewissermaßen spezifische "Aggregate" von Rezeption und Produktion darstellen. Ihr Unterschied läßt sich an divergierenden Zielsetzungen festmachen: die Translation stellt, näherungsweise gesprochen, die Übertragung eines Ausgangstextes in einen Zieltext einer anderen Sprache dar, damit er gleichen/ähnlichen oder anderen als den ursprünglichen Zwecken dient. Die Adaptation (auch Adaption) kann man als Bearbeitung eines Ausgangstextes in einen Zieltext gleicher Sprache verstehen, damit er anderen als den ursprünglichen Zwecken genügt.

Translation

Mit dem Begriff der Translation faßt man gemeinhin im Anschluß an O. KADE und mit der sog. Leipziger Schule das Übersetzen und das Dolmetschen, also die medienspezifischen Realisationen der schriftlichen und mündlichen Übertragung eines Ausgangstextes oder Quelltextes L1 (LQ) in einen Zieltext L2 (LZ). (Der Unterschied zwischen Übersetzen und Dolmetschen wird im nachfolgenden nicht thematisiert.)

Auch W. WILSS (1975, 515) sieht das Übersetzen als Prozeß, und zwar als "Folge von unidirektionalen, teils habitualisierten, teils entscheidungsbedingten Formulierungsprozessen, die von einem schriftlich fixierten ausgangssprachlichen Text zu einem möglichst äquivalenten schriftlich fixierten zielsprachlichen Text hinüberführen und das inhaltliche und stilistische Verständnis der ausgangssprachlichen Textvorlage voraussetzen."

Bemerkenswert an dieser Bestimmung ist u.E. zum einen, daß sie die Textgerichtetheit sowohl des Gegenstandes der Rezeption (L1) wie auch der Um-/Neucodierung (des Verständnisses, des "Gemeinten") als auch des Gegenstandes der Produktion (L2) einschließt. Zum zweiten, daß damit auch eine "syntagmatische Sicht" und eine "paradigmatische Sicht" der einzelnen Teilprozesse als Bestandteil einer linearen Abfolge einerseits und als Bestandteil eines von der linearen Abfolge abgelösten (hierarchischen) Kategoriensystems angesprochen wird.

WILSS selbst klassifiziert in der o.g. Quelle diese Kategorien im Anschluß an die Kritik der Stilistique comparee folgendermaßen (op.cit., 526):

Übersetzungsprozesse

1.0. wörtlich (Substitution)
1.1. Lehnübersetzung
1.2. wörtliche Übersetzung
1.3. Wort-für-Wort-Übersetzung

2.0. nicht wörtlich (Paraphrasierung)
2.1. Transposition (syntaktische Paraphrasierung)
2.2. Modulation (semantische Paraphrasierung)

Eine etwas andere Klassifikation translatorischer Grundoperationen nimmt KADE (1968) vor:

  1. Substitution (Realisation der Translation auf der Basis der Zeichen-Zeichen-Beziehung);
  2. Interpretation (Realisation der Translation auf der Basis der signifikativen Bedeutung);
  3. Paraphrase (Realisation der Translation auf der Basis der denotativen Bedeutung).

S. in diesem Zusammenhang auch JÄGER (1985, 30ff.), der vier "Haupartenpaare der Sprachmittlung" aussondert:

  1. Reproduktion und Modifikation
  2. Translation und Adaptation
  3. Dolmetschen und Übersetzen
  4. Interpretation und Substitution

Bezogen auf die Textualitätskriterien der Kohärenz, Kohäsion, Intentionalität, Akzeptabilität, Infomativität, Situationalität und Intertextualität nach A. deBEAUGRANDE und W. DRESSLER (1981) diskutiert A. NEUBERT (1985) Folgerungen für den Übersetzungsvorgang.

Adaptation

Die "Anpassung" von Texten ist bekanntlich für das Buch und Zeitungswesen und für den Rundfunk und das Fernsehen eine typische Beschäftigung und dort originäres Betätigungsfeld der Redakteure. Darüber hinaus hat sicherlich auch jedes vorbereitete Sprechen oder Schreiben eine "adaptive" Komponente, die sich darin äußert, daß der Sprecher/Schreiber sich auf die Situation, auf den Informationsbedarf, auf die Umsetzbarkeit seiner Ziele u.ä. einstellt, was beim unvorbereiteten Sprechen oder Schreiben weitgehend außer Kraft gesetzt sein kann.

Neben dem genannten Realisierungsfeld der Redaktion ist die Anpassung von Texten auch für den Fremdsprachenunterricht von außerordentlicher Relevanz, die sich vor allem in der Anpassung von originalsprachlichen Ausgangstexten zu didaktischen Zwecken äußert.

L. WILSKE, der sich in einem grundlegenden Beitrag "Fremdsprachenmethodische Textadaption und Adaptionsbefähigung" (1985) zu diesem Thema äußert, unterscheidet zunächst zwei grundsätzliche Fälle:

  1. " die Anpassung des mutter- oder fremdsprachlichen Sprechers/Schreibers an den tatsächlichen oder gedachten Hörer/Leser im Prozeß der Texterzeugung, also bei der geistig-innersprachlichen Formung seiner Gedanken,
  2. die Anpassung eines oder mehrerer vorliegender Texte für Hörer/Leser, für deren Voraussetzungen dieser Text (diese Texte) nicht gedacht und nicht erzeugt worden sind; diese Anpassung erfolgt in Form eines abgeleiteten Textes." (op.cit., 153f.)

Dementsprechend schlägt er für den ersten Fall die Begriffe "operativ-innersprachliche Adaption" oder "Textplanungsadaption" vor, für den zweiten - den Begriff "textableitende Adaption". Den zweiten Fall unterteilt er nach dem Verhältnis von Ausgangs- und adaptiertem Zieltext noch in zwei Subkategorien, die textbearbeitende Adaption (der adaptierte Text stellt die Bearbeitung eines bestimmten Ausgangstextes dar, wobei wesentliche Eigenschaften, z.B. die Textsorte, erhalten bleiben) und die textverarbeitende Adaption (der adaptierte Text ist aus mehreren Texten/Textteilen mehrerer Texte gebildet und stellt ein neues sinnvolles Ganzes dar.).

Für die Beschreibung von Verfahren der textableitenden Adaption nutzt L. WILSKE im wesentlichen Vorarbeiten aus der Methodik des Russischunterrichts, insbesondere durch O. HERMENAU (1955) und gliedert folgende Verfahren aus:

  1. Adaption durch Weglassen
  2. Adaption durch Auswechseln bzw. Umordnen
  3. Adaption durch Erweitern bzw. Hinzufügen
  4. Adaption durch Umschreibung
  5. Adaption durch Verdichten (Komprimieren)

Wiederholungsfragen und -aufgaben

Literaturverzeichnis zum vorliegenden Thema

Gesamtliteraturverzeichnis

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Letzte Aktualisierung: 18.06.2011 12:40 PM