Impulstext Textlinguistik

Zur Organisation von Kenntnis-/Wissenssystemen

(nach Heinemann, W. Viehweger, D. Textlinguistik. Eine Einführung. Tübingen: Max Niemeyer 1991, 68ff.)

Kenntnissysteme werden aus Begriffen/Konzepten gebildet, die relevante Merkmale aufweisen und im Gedächtnis gespeichert sind. Begriffe/Konzepte werden demnach durch die Identifikation von Merkmalen und ihre Zuordnung zu Objekten (sowie zu Klassen von Objekten) erkannt.
Weiterhin ist zu bemerken, daß das begriffliche Wissen im Gedächtnis nicht isoliert gespeichert ist, daß also verschiedene Verbindungen zwischen den Begriffen im Gedächtnis existieren. Dieser Umstand hat dazu geführt, daß man zur Veranschaulichung der Verhältnisse im Gedächtnis sich der Metapher des "semantischen Netzes" bedient.Nach KLIX kann man zwischen den Bedeutungsträgern eines semantischen Netzes, also zwischen Konzepten/Begriffen zwei grundlegende Relationstypen unterscheiden:

  1. Innerbegriffliche Relationen
    z.B. Baum : Birke (Über- und Unterordnung), hoch : tief (Kontrast)
    Hier ergibt sich die relevante Information aus dem Vergleich zwischen den begrifflichen Merkmalen. Das bedeutet auch, daß diese Relationen nicht fest im Bewußtsein gespeichert sind, sondern operativ gebildet werden.
  2. Zwischenbegriffliche Relationen
    z.B. Affe : klettern (Handlungsträgerrelation), Axt : spalten (Instrumentrelation)
    Die Information, die sich mit diesem Relationstyp jeweils verbindet, ist fest im Gedächtnis gespeichert. Die Basisrelationen lassen sich wiederum mit anderen kombinieren, wodurch komplexe Einheiten entstehen.

Das bisher Gesagte soll die These stützen, daß (psychologisch nachweisbare) Gedächtnisstrukturen mit linguistischen Strukturen in Beziehung gesetzt, miteinander also korreliert werden können. Für die Textbetrachtung hat dies zur Folge, daß das "Gewordensein" des konkreten Textexemplars in der Textproduktion als das Ergebnis des Aufbaus einer konzeptuellen/begrifflichen Struktur mit entsprechender sprachlicher Exteriorisierung verstanden werden kann. Aus der Rezeptionssicht bedeutet das andererseits, daß der Hörer/Leser aus der sprachlich manifesten Textstruktur (der "Textoberfläche") die/eine konzeptuelle/begriffliche Struktur, die "Texttiefenstruktur" (re-)konstruiert.

Innerhalb rezeptionslinguistischer Betrachtungen haben Gedächtnisstrukturen, ihre Musterhaftigkeit schon immer eine große Bedeutung gespielt.

Copyright © 2005 Universität Potsdam, Rolf-Rainer Lamprecht.
Letzte Aktualisierung: 24.04.2015 9:34 PM

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