Impulstext Textlinguistik

Texttransformationen. Teil 1: Übersetzung

Linguistische und außerlinguistische Aspekte der Übersetzung

Mit dem Begriff der Übersetzung wird sowohl der Prozess als auch das Resultat der Transformation eines Textes aus der Quellsprache L1 in die Zielsprache L2 gefasst. Diese Transformation ist nicht nur Untersuchungsgegenstand der (angewandten) Sprachwissenschaft, auch Literaturwissenschaft, Kulturanthropologie sowie die kognitiven Wissenschaften sind an ihrer Ergründung interessiert. Dies deutet darauf hin, dass die Übersetzung ein komplexes Phänomen darstellt, das nicht nur sprachlicher Natur ist. Tatsächlich ist es für eine allseitige Erklärung der Übersetzung erforderlich, neben linguistischen auch außerlinguistische Tatbestände heranzuziehen.

Fasst man Übersetzung als kognitives Phänomen auf, kann man mit A.N.Baranov (2003, 139) drei Realisierungsweisen unterscheiden, vgl. das vorliegende Schema:

Operationen in nder Ubersetzung

  1. Die vollständige Variante einer Übersetzung (vgl. die durchgehenden fettgesetzten Pfeile) besteht darin, dass in ihrem Verlauf eine konzeptuelle (begriffliche) Repräsentanz des Textinhalts aufgebaut wird, die nicht von den Besonderheiten der Quell- wie der Zielsprache abhängt und die jenes Wissen zur Gänze versucht zu berücksichtigen, das vom Übersetzer sowohl zum maximalen Verständnis des Textes in der Quellsprache als auch für seine maximal adäquate Wiedergabe in der Zielsprache herangezogen wird. M.a.W.: in ihrer vollständigen Version besteht eineÜbersetzung eigentlich aus zwei Transformationen - aus dem Text der Quellsprache L1 in einen konzeptuellen Mittlertext, aus dem Mittlertext in den Text der Zielsprache L2.
  2. Die verkürzte Variante (s. die punktierte Linie) verzichtet auf eine Mittlersprache, folglich werden in ihr für die Inhalte in der Quellsprache Entsprechungen in der Zielsprache gesucht, wobei diese die Besonderheiten der jeweiligen Sprache beibehalten.
  3. In der Kurzvariante schließlich (s. die Strich-Punkt-Linie) werden direkte Entsprechungen zwischen Ausdrücken der Quell- und der Zielsprache festgestellt. Dieser Fall trifft dann zu, wenn der Sprecher die Zielsprache (fast) überhaupt nicht kennt und sich z.B. Gesprächsbücher bedient, um seine kommunikativen Ziele zu erreichen.

Die skizzierten Varianten werden von BARANOV (ebenda, 140) auch als unterschiedliche kognitive Strategien in der Übersetzung bezeichnet, derer sich der Übersetzer in Abhängigkeit von von seinen Zeilen bedient und die sich auch Entsprechungen in der Architektur der maschinellenÜbersetzung wiederfinden lässt (direkte Übersetzung, Übersetzung über eine Mittlersprache, Übersetzung mittels einer universellen semantischen Sprache).

Arten von Übersetzungen

Unterstellt man den Normalfall, dass die Übersetzung kommunikativen Zielen dient und legt man der Einteilung vorrangig formal-organisatorische Merkmale zugrunde, ergeben sich folgende Unterscheidungen (vgl. Baranov, 2003 140f.):

  • mündliche und schriftlicheÜ.
  • synchrone und konsekutiveÜ.
  • einseitige (unilaterale) und zweiseitige (bilaterale)Ü.

Zwischen der mündlichen und der schriftlichen Übersetzung - im deutschen Sprachgebrauch hat sich dafür die Gegenüberstellung von "Dolmetschen" und "Übersetzen" eingebürgert - besteht vom linguistischen Standpunkt aus kein Unterschied. Der liegt mehr im psychologischen Bereich. Wichtigstes Kennzeichen des Dolmetschens ist die lineare Entfaltung des Textes in der Zeit, ohne die Möglichkeit zu haben, vorausschauen und im Nachhinein korrigieren zu können. Dies führt zu Einbußen in der Genauigkeit und Eleganz.
Das Dolmetschen kann synchron erfolgen - faktisch gleichzeitig mit der Aussprache des Textes in der Quellsprache - oder konsekutiv - mit einer gewissen Verzögerung (bis zu 15 Minuten) nach Aussprache des Textes, in der sich der Übersetzer u.U. Notizen macht, ehe er übersetzt.
Vollzieht sich der Übersetzungvorgang ausschließlich in einer Richtung, spricht man von einem einseitigen (bilateralen) Dolmetschen, vollzieht er sich z.B. bei Verhandlungen in beiden Richtungen, nennt man das zweiseitiges (biltarales) Dolmtschen.

Legt man der Unterscheidung von Übersetzungsarten neben formalen Kriterien auch inhaltliche Gesichtspunkte zugrunde, ergeben sich folgende Typen:

  1. die wortgetreue Übersetzung (пословный перевод)
  2. die satzgetreue Übersetzung (буквальный перевод)
  3. die philologische Übersetzung (филологический перевод)
  4. die adaptive Übersetzung, die referative Übersetzung (адаптивный перевод, реферативный перевод)

In der wortgetreuen Übersetzung wird der Text als Abfolge von Wörtern behandelt, in der jedes seine eigene Wertigkeit besitzt. Das bedeutet, dass in der Zielsprache Abfolge und Form der Wörter dieselbe ist wie in der Quellsprache. Dabei wird ausdrücklich in Kauf genommen, dass so inkorrekte, oft unverständliche Aussagen entstehen. Diese Art von Übersetzung wird z.B. in der Linguistik benutzt, um typologische Unterschiede im Satzbau der Sprachen zu verdeutlichen. Ein anderer Verwendungsbereich ist die die Übersetzung von poetischen Texten durch Übersetzer, die die Quellsprache nicht (auseichend) beherrschen. Durch diese Art von Übersetzung bekommen sie einen Eindruck davon, welche Wörter in der Quellsprache in welcher Abfolge benutzt werden.

Die satzgetreue Übersetzung, auch grammatische Übersetzung genannt, betrachtet den Text nicht als Abfolge von Wörtern, sondern von Sätzen. Sie wird vor allem auf einer bestimmten Stufe im Fremdsprachenunterricht eingesetzt, auf der verlangt wird, dass der Lernende in der Lage ist, grammatisch korrekte Sätze zu erzeugen. Bei diesem Typ von Übersetzung spielen die Textkohärenz und ihr Einfluss auf den Textsinn keine Rolle, wie auch die Adaptierung von Metaphern oder die Berücksichtigung des Usus in der Zielsprache.

Die philologische Übersetzung dient nach Schleiermacher dazu, den Leser an den Autor anzunähern. Die Perspektive richtet sich also zurück von der (manchmal) unvollkommenen Zielsprachentransformation in die Quellsprache, da die Treue zum Stil des Autors und die Wahrung der künstlerischen Besonderheiten des Originals oberstes Gebot sind. Gegenstand der philologischen Übersetzung sind ausschließlich künstlerische Texte, zumeist kanonische literarische Denkmäler.

Bei der adaptiven Übersetzung wird der Text der Quellsprache an die Bedürfnisse der Nutzer angepasst. Das kann eine Bearbeitung (Verkürzung und Extraktion der wesentlichen Information) einschließen. In diesem Fall spricht man auch von einer referativen Übersetzung.

Баранов, А.Н. Введение в прикладную лингвистику. Изд.-ие 2-ое, испр. Москва: Едиториал УРСС, 2003.

Copyright © 2006 Universität Potsdam, Rolf-Rainer Lamprecht.
Letzte Aktualisierung: 24.04.2015 9:38 PM

Dieses Werk bzw. Inhalt steht unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Creative Commons Lizenzvertrag