Impulstext Textlinguistik

Texte als Resultat von mentalen Prozessen

Die sog. pragmatische Wende hatte es Anfang der 80-er Jahre mit sich gebracht, daß Texte primär als Ergebnis kommunikativer Tätigkeit, als Mittel zur Erreichung kommunikativer Ziele betrachtet wurden. Allerdings stellte sich bald heraus, daß damit zwar Abhängigkeiten zwischen textuellen Ausprägungen und (angenommenen) Sprecherintentionen, thematischen Entfaltungen wie auch Reaktionen auf das kommunikative Bedingungsgefüge festgestellt werde konnten, eine Beschreibung der Textproduktion und -interpretation aber solange unvollständig bleiben mußte, bis nicht auch die geistigen Prozesse, die ihnen zugrunde liegen, in die Betrachtung mit einbezogen wurde.
Diese sog. kognitive Wende (HEINEMANN/VIEHWEGER 1991) vollzog sich in der Textlinguistik wesentlich unspektakulärer als der Übergang zur kommunikationsorientierten Betrachtung von Texten. Möglicherweise spielt hier auch das Aufkommen der sog. Kognitiven Psychologie eine Rolle, die für sich u.a. in Anspruch nimmt, alle Vorgänge erklären zu wollen, die mit der Aktualisierung und Operationalisierung von Wissen bei der menschlichen Informationsverarbeitung und Handlungssteuerung zusammenhängen.

Heinemann, W., Viehweger, D. Textlinguistik. Eine Einführung. Niemeyer: Tübingen 1991.


Geht man davon aus, daß bei der Textentstehung und der Textverarbeitung eine Vielzahl psychischer Prozesse ineinandergreifen, kann man mit deBEAUGRANDE/DRESSLER (1981, 37) den Texte als "ein Dokument von Entscheidungen, Auswahl und Kombinationsvorgängen" betrachten. Das "Gewordensein" eines Textes ist also aus der Sicht der Textproduktion das Ergebnis bestimmter (kognitiver) Prozeduren auf der Grundlage bzw. mithilfe von bestimmten Wissensbeständen.
Aus der Sicht der Textinterpretation spielt dieses "Gewordensein" insofern eine Rolle, als daß sich die Rezipienten an ihm orientieren können, wenn er den Text und den Produzenten so verstehen will, wie dieser es beabsichtigt hatte. Unter dieser Voraussetzung muß der Rezipient dann vergleichbare kognitive Prozeduren anstellen, er muß den Produktionsvorgang gewissermaßen "reaktualisieren". Dabei hilft ihm - so die Annahme -, dass Rezipienten beim Textverstehen auf im Gedächtnis gespeicherte Muster zurückgreifen kann.

de Beaugrande, R.A.; Dressler, W. Einführung in die Textlinguistik. Tübingen: Niemeyer, 1981.

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Letzte Aktualisierung: 24.04.2015 8:26 PM

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