Theorie-Perspektiven auf den Text (Leitvorstellungen)

Findet eine Linguist eine sprachliche Struktur i.w.S. vor, klasssifiziert er sie intuitiv - wie jeder normale Leser/Hörer - als Wortteil, Wort, Wortgruppe, Satzteil, Satz, Textteil oder Text. Da es aber zu seinem Geschäft gehört, diese sprachlichen Strukturen in ihrem Funktionieren nachvollziehbar zu beschreiben und zu erklären, muss er sie terminologisieren. Dies bedeutet in erster Linie die klare Benennung von charakterisierenden Eigenschaften/Merkmalen/Qualitäten, die sich dann - bleiben wir bei der Einheit Text - in Textdefinitionen wiederfinden. Jede Definition impliziert ihrerseits auch immer theoretische Positionen, auch die Grundfrage, was Definitionen eigentlich leisten können. Diese Implikationen seien an dieser Stelle nur festgestellt und nicht weiter ausgeführt.

Schaut man sich im gegebenen Zusammenhang die Definition von "Text" an, die von T.M. NIKOLAEVA in Русский Язык. Энциклопедия (1997, 555ff.) gegeben wird, kann man als charakterisierenden Instanzen erkennen

  • Texte sind inhaltlich verbundenen Folgen von Zeicheneinheiten.
  • Ihre grundlegenden Eigenschaften sind die der Kohärenz und die Ganzheitlichkeit.

Es ist in den 70-er Jahren eine große Diskussion über diese und weitere mögliche Texteigenschaften geführt worden. G. HELBIG hat in seiner Publikation "Entwicklung der Sprachwissenschaft seit 1970" (Leipzig: VEB Bibliographisches Institut, 1986, 158f.) speziell eine ganze Reihe von Definitionen aufgelistet, die unterschiedlich auslegen, wie "Kohärenz" zu begründen ist. Die Diskussion hat theoretische und methodologische Einsichten vertieft und dazu beigetragen, dass sich "Textlinguistik" in der Sprachwissenschaft als relativ selbständiger Zweig etabliert hat.

Was allerdings nicht passiert ist - wie immer man es bedauern mag: Eine allseits anerkannte Definition von "Text" ist im Zuge dieser Diskussionen nicht entstanden. Sie gibt es offensichtlich ebensowenig wie eine weithin akzeptierte Definition von "Wort" und "Satz". Um es auf eine allgemeine methodologische Ebene zu heben: Es kann sie wegen der Komplexität des Phänomens und der Vielfalt von möglichen theoretischen Herangehensweisen auch nicht geben.
Als einen wichtigen Versuch, dennoch wenigstens die Komplexität des Phänomens zu erfassen, kann man die Einführung in die Textlinguistik von R.A. de BEAUGRANDE und W. DRESSLER (Tübingen: Niemeyer, 1981) ansehen, die eingangs (S. 3) schreiben: "Wir definieren einen TEXT als eine KOMMUNIKATIVE OKKURENZ (engl. 'occurence'), die sieben Kriterien der TEXTUALITÄT erfüllt. Wenn irgendeines dieser Kriterien als nicht erfüllt betrachtet wird, so gilt der Text nicht als kommunikativ. Daher werden nicht-kommunikative Texte als Nicht-Texte behandelt".
Den sieben erwähnten Kriterien sind dann im Buch nach ihrer Skizzierung (S. 3 - 14) jeweils eigene Kapitel gewidmet.

Wenn wir also als normalen Zustand der Sprachwissenschaft (was wohl auch auf jede andere Wissenschaft zutrifft) konzedieren, dass ihre basalen Einheiten und Kategorien in permanenter Diskussion sind, stellt sich die Frage, wie dennoch eine relative Konstantheit in der theoretischen Darstellung z.B. von "TEXT" erreicht werden kann. Der Schlüssel liegt darin, dass den Ausgangspunkt für jeden Linguisten ein theoretisches Grundverständnis, eine theoretische Leitvorstellung bildet, die als Perspektive wirkt und es ermöglicht/erleichtert, die erforderlichen Kategorien in einer konsistenten Weise zu bestimmen und beim Aufbau einer theoretischen Konzeption oder einer (Teil-)Theorie zu benutzen.

In der Textlinguistik lassen sich mindestens drei Leitvorstellungen ausmachen, die entsprechende Theorie-Entwürfe dann durchziehen. Sie seien folgendermaßen skizziert:

  1. Der Text ist nach dem Satz die nächsthöhere Einheit. Erst in ihm manifestieren sich die Erklärungmöglichkeiten für wichtige syntaktische Phänomene, wie den Artikelgebrauch, die Thema-Rhema-Gliederung u.a. Um solche Phänomene adäquat beschreiben und erklären zu können, muss man den Blick vom Satz zum Text und von der "Satzlinguistik" hin zur "Textlinguistik" erweitern. Dafür steht im wesentlichen das vorhandene Kategorien- und Methodenarsenal der Syntax zur Verfügung.
    W. HEINEMANN und D. VIEHWEGER nennen diesen Ansatz, die Textlinguistik zu begründen, "Erweiterungspostulat" (Textlinguistik. Eine Einführung. Tübingen: Niemeyer, 1991, 24ff.). Arbeiten, die in dieser Richtung verfolgt werden, schreibt man dann eine "sprachinterne Textauffassung" oder eine "sprachsystemorientierte Textauffassung" zu. Auch die sog. "propositionale Textauffassung", auf die später noch einmal zurückgekommen wird, wird manchmal darunter subsumiert.
  2. Der vorstehenden Leitvorstellung wird entgegen gehalten, dass der Text nicht als "internes" Phänomen begriffen, d.h. weitgehend aus sich selbst erklärt werden kann. Eine adäquate Erklärung lässt sich nur errreichen, so eine Argumentationslinie, wenn man situative Gegebenheiten, vor allem aber das Produzieren und Rezipieren von Texten in die linguistische Betrachtung einbezieht und sie als spezifische kommunikative Tätigkeiten begreift.
    Diese Herangehensweise, die den Text modellhaft als eine Komponente in einem größeren Zusammenhang, und zwar auf dem Hintergrund sprachlicher Kommunikation begreift, fordert neue Begründungen für die Etablierung der Textlinguistik. Die genannten Autoren bezeichnen diese Forderung als "Pragma- oder Fundierungspostulat" (ebd., 25). Die in dieser Richtung verfolgten Arbeiten erhalten dann oft die Einordnung, dass sie der "kommunikationsorientierten" oder "kommunikativen Textauffassung" folgen. Diese Betrachtungsweise wird auch als "aktionale Textauffassung" im Vergleich zur oben erwähnten "propositionalen Textauffassung" bezeichnet.
    Es sei ausdrücklich betont, dass "sprachsystemorientierte" und "kommunikationsorientierte Textauffassungen" nicht in einem exklusiven oder konkurrierenden Verhältnis zueinander stehen. Die kommunikationsorientierte Herangehensweise schließt systemorientierte Methoden ein, so dass man von einem komplementären Verhältnis sprechen kann.
  3. Die letzte hier zu umreißende Leitvorstellung setzt daran an, dass Texte in ihrem "Gewordensein" begriffen werden können, d.h. als Dokumente, in denen sich die gedanklichen Entscheidungen manifestieren, die bei der (Aus-)Wahl der sprachlichen Einheiten und Strukturen im Produktionsprozess getroffen wurden, und die man im Textrezeptionsprozess versuchen kann zu reproduzieren. Eine solche Auffassung richtet ihr Augenmerk auf die Abläufe in gedanklichen Vorgänge. die sich im Text manifestieren und dort versprachlicht sind. Man kann sie deshalb im Unterschied zu den vorgenannten als "kognitive" oder auch "prozedurale Textauffassung" bezeichnen.

Es lassen sich sicherlich noch weitere textlinguistische Leitvorstellungen formulieren, die dann das entsprechende Kategoriensystem prägen und auch entsprechende Untersuchungsmethoden verlangen. Diese Frage sei hier nicht weiter verfolgt, da es zunächst darauf ankam zu verdeutlichen, dass der Text (auch) in der linguistischen Sicht sehr viele Facetten aufweist, die es schwer fallen lassen, ihn als Theorie-Objekt unter eine und nur unter eine Betrachtungsweise zu subsumieren. Vielmehr ist davon auszugehen, dass systemlinguistische, kommunikationslinguistische, soziologische/soziolinguistische, psychologische/psycholinguistische Erkenntnisinteressen - um nur einige zu nennen - die konkrete Herangehensweise dominieren.

de Beaugrande, R.A.; Dressler, W.
Einführung in die Textlinguistik. Tübingen: Niemeyer, 1981
Heinemann, W., Viehweger, D.
Textlinguistik. Eine Einführung. Niemeyer: Tübingen 1991.
Helbig, G.
Entwicklung der Sprachwissenschaft seit 1970. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut, 1986.
Караулов, Ю.Д. (гл. ред.).
Русский Язык. Энциклопедия. Изд. 2-ое, перер. и доп. Москва. Научное изд.-во "Большая Российская энциклопедия". Издательский дом "Дрофа", 1997.

Copyright © 2002 Universität Potsdam, Rolf-Rainer Lamprecht.
Letzte Aktualisierung: 24.04.2015 8:07 PM

Dieses Werk bzw. Inhalt steht unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Creative Commons Lizenzvertrag