Textlinguistik

Impulstext: Kohärenz

(nach Linke, A., Nussbaumer, M., Portmann, P.R. Studienbuch Linguistik. 2. Aufl., erg. um ein Kapitel "Phonetik und Phonologie" von Urs Willi. Tübingen: Niemeyer, 1994, 254ff.)

Von Kohärenz spricht man in der überwiegenden Zahl von Fällen, wenn man die lineare Sicht (die Sicht "Satz für Satz") und damit die rein sprachliche Interpretationsbasis verläßt und "Texthaftigkeit" als Eigenschaft begreift, die aus dem Kontext (aus der Textumgebung i.w.S.) heraus erklärt und beschrieben werden soll.

Der Text kann von diesem Ansatz her nicht mehr als "einfache" lineare Abfolge von Sätzen gedeutet, sondern muss als komplex strukturiertes, kommunikativ (illokutiv), konzeptuell und thematisch gegliedertes Ganzes begriffen werden. Mit dem Wechsel des Interpretationsrahmens und der Unterscheidung mehrerer dependenter Textstrukturebenen, einer "Texttiefenstruktur" also, verbindet sich auch die Konsequenz, daß der Textzusammenhang (Kohärenz) zum einen auf einer anderen Basis als (allein) auf den Indikationen der Textoberfläche abgebildet werden muss und zum anderen, dass das Erkennen des Textzusammenhangs, die Herstellung von Kohärenz die aktive gedankliche Beteiligung der Kommunikationspartner verlangt.

Die Erklärung des Textzusammenhangs als Produkt bzw. Ergebnis von kognitiven Prozessen ist kein Problem, an dessen Lösung nur die Linguistik interessiert ist. Mit ihm sind neben der Psychologie (Psycholinguistik, Kognitiven Linguistik) die Soziologie (Soziolinguistik), die Computerlinguistik (die Künstliche Intelligenz) - um nur einige Disziplinen zu nennen - befasst. Die Komplexität des Problems und die unterschiedlichen Erkenntnisinteressen der beteiligten Wissenschaftsdisziplinen wie auch die divergierenden theoretischen Konzeptualisierungen machen eine einheitliche Fundierung des Textzusammenhalts, der Kohärenz, zu einem schwierigen Problem. Es nimmt daher nicht Wunder, dass in der hier zugrunde gelegten Quelle keine abgeschlossene Darstellung versucht wird. Um den besprochenen Phänomenen wenigstens einen plausiblen Rahmen zugeben, wird mit der Grundvorstellung gearbeitet, dass die Herstellung der Textkohärenz Textarbeit sei und als Erscheinungsform des Textverstehens auszulegen ist.

Allgemein anerkannnt ist, dass Textverstehen außersprachliche Wissensbestände zur Erklärung heranziehen muss. Linke et al. (op.cit., 257f.) nennen in diesem Zusammenhang zwei grundlegende Bestände: das Weltwissen (das enzyklopädische Wissen) und das Handlungswissen. Dazu setzen sie noch einen eng gefassten Wissensbestand, der sowohl als Teilbereich als auch als Voraussetzung für das Weltwissen gelten kann, die sog. konzeptuellen Deutungsmuster, die koordinative, die temporale und die kausale Beziehung, die ihrer Meinung nach als erste Ordnungsinstanzen unsere Wahrnehmung von der Welt steuern.

Die a.a.O. beschriebenen Lösungsansätze der Linguistik zur Einbeziehung der skizzierten Wissenbestände in die Erklärung des Zustandekommens von Kohärenz greifen die Frage offs. von unterschiedlichen Positionen her und damit mehr aspektual, denn holistisch auf. Dies ist bei der Problemlage verständlich. Im Einzelnen besprechen LINKE et al. (op.cit., 260ff.) folgende Konzepte:

Das Isotopiekonzept, das in seiner Grundidee auf GREIMAS zurückgeht und Textverknüpfung als semantisches Problem begreift. Das Konzept hebt darauf ab, dass sich Wortbedeutungen über die Satzgrenzen hinweg zu semantischen Komplexen verbinden können, die wegen der Semgleichheit und -differenz entstehen. Auf diese Art entstehen Isotopieketten und Isotopieebenen, gewissermaßen semantische Textnetze (s. ein Beispiel von E. Agricola).

Das Konzept der Präsuppositionen ist ein Ansatz unter mehreren, um das Wirken von Weltwissen bei der Herstellung der Textkohärenz zu erklären. Die verwendete Quelle unterscheidet gebrauchsgebundene von zeichengebundenen Präsuppositionen. Die erstgenannten Präsuppositionen sind dafür verantwortlich, dass eine Satzfolge, wie Ich mach mal eben rasch die Küchentür zu. Die Milch ist übergelaufen, verstanden wird. Für das Verstehen dieser Äußerungen ist offs. das Alltagswissen zuständig, das man in etwa folgendermaßen umschreiben kann: 'Wenn aus einem Topf überlaufende Milch auf den heißen Herd trifft, dann verbrennt sie und das verbreitet einen unangenehmen Geruch, der möglichst auf die Küche beschränkt bleiben und nicht die ganze Wohnung erfassen soll.' Der Sinn der beiden Äußerungen erschließt sich also nicht aus den Bedeutungen der enthaltenen sprachlichen Zeichen, sondern aus ihrer Verwendung, ihrem Gebrauch in einer konkreten Situation. Als definitionsähnliche Bestimmung finden wir a.a.O. (262): "Gebrauchsgebundene Präsuppositionen sind (...) diejenigen Voraussetzungen, die Sprecher und Sprecherinnen als gegeben setzen, wenn sie eine Äusserung (einen Satz, einen Text) in einer konkreten Situation sinnvoll verwenden."

Die zeichengebundenen Präsuppositionen ihrerseits lassen sich wiederum in referentielle und semantische Präsuppositionen unterteilen. Zur Illustration des ersten Typs wird als Paradebeispiel zumeist angeführt: Der König von Frankreich hat eine Glatze. Unabhängig davon, ob der entsprechende Sachverhalt negiert oder erfragt wird (Der König von Frankreich hat keine Glatze. Hat der König von Frankreich eine Glatze?), bleibt gesetzt, dass es einen König von Frankreich gibt. Deshalb nennt man diesen Typ auch Existenzpräsuppositionen.
Bei den semantischen Präsuppositionen schließen die (lexikalischen) Bedeutungen entsprechende Setzungen ein. Im Satz
Sven hat es geschafft, Karten für das Michael-Jackson-Konzert zu bekommen impliziert es schaffen, etw. zu tun, dass Sven sich bemüht hat. Diese Setzung bleibt bei Negation und Frage - gleich wie bei den referentiellen Präsuppositionen erhalten (vgl. Sven hat es nicht geschafft, Karten für das Michael-Jackson-Konzert zu bekommen. Hat es Sven geschafft, Karten für das Michael-Jackson-Konzert zu bekommen?).

Einen weiteren Ansatz zur Erklärung des Wirkens von Wissensbeständen bei der Kohärenzherstellung hat die Linguistik aus der Psychologie entnommen - den Ansatz, dass die Wissenbestände in bestimmten Ordnungen organisiert sind, die beim Textverstehen Hilfestellung leisten. Die in Rede stehenden Ordnungen werden "Rahmen" (frames), "Szenen" (scripts), "Szenarien" (scenarios), "mentale Modelle" (mental models) oder "Geschehenstypen" genannt. Bei Linke et al. werden nicht alle, sondern nur die Rahmen und Szenen besprochen.

Textrezeption bzw. Textverarbeitung geschieht - so die Prämisse - nicht voraussetzungslos, sondern mit bestimmten Vorerwartungen. Aus gedächtnispsychologischer Sicht stellen diese Vorerwartungen Aktualisierungen von Teilen von Kenntnissysteme, von Wissenbeständen, dar, die im Langzeitgedächtnis gespeichert sind, und ins Kurzzeitgedächtnis geholt werden. Im Rezeptionsvorgang wird nun im Kurzzeitgedächtnis das "neue" Wissen, das aus dem Text gewonnen wird, in das "alte" Wissen, das der Rezipient vor der Textverarbeitung hatte, integriert. Dasjenige, was am Anfang erinnert wird und als "Vorlage" für den laufenden Verstehensvorgang dient, sind vom Gehalt her erwartbare Objekte, Geschehnisse, Handlungen, Abläufe. Sind die skizzierten Wissensbestände mehr statisch organisiert, z.B. beim Abruf des Stichworts Krankenhaus oder Bahnhof oder Motor, spricht man von "Rahmen" ("frames" - Terminus von Minsky). Sind sie mehr prozessual organisiert, z.B. beim Stichwort Restaurantbesuch, spricht man von "Szenen" ("scripts" - Terminus von Schank&Abelson).

Ein weiteres Phänomen, das für den Zusammenhalt eines Textes verantwortlich gemacht wird, ist das Thema. Darunter versteht man in diesem Zusammenhang den Leit- oder Grundgedanken eines Textes, den "roten Faden", der Verzweigungen in einzelne Unter- und Nebenthemen erfahren kann. Manchnmal kann man diesen Grundgedanken auf die Überschrift eines Textes zurückführen.
Die Themenbehandlung - und entwicklung bezieht sich zum einen auf Referenten, zum andern ist sie eng mit der Textfunktion verbunden.
Danes hat (1983) ein Verfahren enwickelt, das Verfahren der thematischen Progression, das beschreibt, wie Textrefenrenten über den Text verteilt werden.

Vernetzungsmuster

  • Koordinierung
  • Chronologisierung
  • Konklusivität

Argumentationsmodell von TOULMIN

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Letzte Aktualisierung: 10.12.2012 5:05 PM