Impulstext Textlinguistik/Gesprächsanalyse

Zum Begriff "Kommunikation". Soziologische Theorieansätze.

Der Begriff der Kommunikation hat vor allem in den letzten Jahren eine intensive Beachtung erfahren. Für eine erste Annäherung zu seiner Klärung kann man sich an den Aussagen in einem soziologischen Nachschlagwerk orientieren, in dem es unter dem Stichwort "Kommunikation" heißt:

"bezeichnet 1) den Vorgang des Informationsaustausches zwischen einem Sender und einem Empfänger mittels bestimmter Zeichen und Codes (informationstechnischer K.-Begriff); 2) Prozesse, in denen sich Individuen als denkende, sprechende, empfindende und handelnde Personen zueinander in Beziehung setzen (handlungstheoretischer K.-Begriff); 3) durch generalisierte Kommunikationsmedien (z.B. Macht und Geld) vermittelte Verknüpfungen von Ereignissen innerhalb sozialer Systeme sowie zwischen Systemen und ihrer Umwelt (systemtheoretischer K.-Begriff)."(SCHÄFERS 1995, 154f.)

In den Erläuterungen zum

  • informationstheoretischen,
  • handlungstheoretischen,
  • systemtheoretischen Kommunikationsbegriff

kommt man in der vorliegenden Quelle zum Schluß, daß der informationstheoretische K.-Begriff unzureichend ist, weil 'Kommunikation' immer "Eintritt in soziale Beziehungen" meint.

"Damit aber ist jeder Informationsaustausch eingebettet in Prozesse der Verständigung, der Kooperation und der wechselseitigen Interpretation von Handlungsgründen, Absichten, Mitteilungen und Verhaltenserwartungen." (EBENDA, 155)

Mit der Deutung von Kommunikation als Transfer von Informationen wird vor allem die technische Seite in den Mittelpunkt gerückt (was ja bei Shannon und Weaver, auf die dieser Ansatz zurückgeht, auch die ursprüngliche Absicht war). Für die linguistische Text- und Gesprächsanalyse ist hingegen die Orientierung an der handlungstheoretischen Auslegung, speziell an den konstitutiven Leistungen von Interaktionen von Interesse.

Den handlungstheoretischen Bezug findet man direkt in den Arbeiten zur Kommunikationsanalyse der Bielefelder LiLi-Fakultät, die sich im letzten Jahrzehnt vor allem um die linguistische Theoriebildung mit Blick auf ihre Anwendbarkeit auf verschiedene Praxisfelder ("Unterrichtskommunikation", "therapeutische Kommunikation", "Arzt-Patienten-Kommunikation" u.ä.) verdient gemacht hat. R. FIEHLER (1995, 9) beschreibt das Anliegen der Kommunikationsanalyse folgendermaßen:

"Die Kommunikationsanalyse zielt ab auf die Rekonstruktion, Explikation und präzise Formulierung des impliziten Handlungswissens, auf dessen Grundlage wir kommunizieren und Gespräche führen. Sie ergänzt so das routinisierte kommunikative Können durch bewußtes Wissen. Ziel der Kommunikationsanalyse sind in diesem Rahmen Erkenntnisse über die Organisationsprinzipien von Kommunikation, über die Regularitäten des kommunikativen Handelns in Gesprächen und die Kategorien und Deutungsschemata der Interagierenden."

Interessant scheint, daß in der Kommunikationsanalyse - ähnlich wie in der kommunikativ-funktionalen Sprachbetrachtung - die Kategorie der Aufgabe einen wichtigen Platz einnimmt:

"Eine ... wesentliche Einsicht ist, daß Gesprächspartner erheblich mehr tun, als 'nur' Äußerungen auszutauschen. Sie erbringen Konstitutionsleistungen in verschiedenen Dimensionen: Sie definieren die Situation und den Interaktionstyp, sie kontextualisieren ihre Äußerungen als ernsthaft, beiläufig, ironisch etc., sie gestalten und verhandeln ihre Identität und ihre soziale Beziehung etc. Dies hat die Kommunikationsanalyse zu einer Grundvorstellung von Kommunikation geführt, nach der ein Gespräch zu führen bedeutet, vielfältige Aufgaben auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Dimensionen gemeinsam und in Abhängigkeit voneinander zu lösen. Dem entspricht die Mehrdimensionalität der Analyse: jeder Beitrag zu einem Gespräch wird nicht nur daraufhin analysiert, was er zur thematischen Entwicklung leistet, sondern was er zu all den genannten Aufgaben beiträgt." (FIEHLER 1995, 10)

Weitere Theoriekontexte

  1. Theorie der symbolischen Interaktion (Mead, Blumer)
  2. Ethnomethodologie (Garfinkel, Sacks, Schegloff, Jefferson, Cicourel)
  3. Sozialphänomenologie (Schütz)
  4. Interpretative Soziologie (Giddens)
  5. Kritische Theorie (Habermas)
  6. Theorie der sozialen Systeme (Luhmann)
  7. Objektive/strukturale Hermeneutik (Oevermann

Literatur

Bohnsack, R.
Interaktion und Kommunikation. In: Korte, H., Schäfers, B. Einführung in die Hauptbegriffe der Soziologie. Opladen: Leske + Budrich, 1992, 35 - 57. (Kurzfassung soziologischer Perspektive)
Fiehler, R.
Kommunikationsanalyse an der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld. In: Fiehler, R., Metzing, D. (Hrsg.). Untersuchungen zur Kommunikationsstruktur. Bielefeld: Aisthesis-Verl., 1995, 9 - 20.
Garfinkel, H.
Studies in Ethnomethodology. Eglewood Cliffs 1967. (Grundlagenwerk der Ethnomethodologie)
Labov, W.
Das Studium der Sprache im sozialen Kontext. In: Klein, W., Wunderlich, D. (Hrsg.). Aspekte der Soziolinguistik. Frankfurt/M. 1971, 111 - 194. (Beobachterparadoxon, Vagheit)
Lenke, N., Lutz, H.-D., Sprenger, M.
Grundlagen sprachlicher Kommunikation: Mensch, Welt, Handeln, Sprache, Computer. Mit einem Beitr. v. Heike Hülzner-Vogt. München: Fink, 1995. (stringente kommunikationstheoretische Grundlegung für das linguistische Arbeiten)
Krippendorf, K.
Der verschwundene Bote. Metaphern und Modelle der Kommunikation. In: Merten, K., Schmidt, S.J., Weischenberg, S. (Hrsg.). Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1994. (medienhistorische Perspektive)
Schäfers, B. (Hrsg.).
Grundbegriffe der Soziologie. 4. verb. u. erw. Aufl. Opladen: Leske + Budrich, 1995. (Nachschlagewerk für soziologische Kategorien)

Copyright © 1998 Universität Potsdam, Rolf-Rainer Lamprecht.
Letzte Aktualisierung: 24.04.2015 8:18 PM

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