Textlinguistik

Einführung in die Analyse nach gegenständlich-thematischen Linien

Die Segmentierung der Textoberfläche

Aus der Literatur kann man erkennen, dass mit den Stufungen im Textverstehen (perzeptuelles, syntaktisches, semantisches und pragmatisches Sinnverstehen - RICKHEIT/STROHNER 1993) eine Fokussierung auf sprachliche Einheiten (phonetische, wort- und satzgrammatische wie lexikalische Einheiten) oder begrifflich-logische Einheiten (Begriffe, Konzepte, "chunks") sowie Muster von Wissensstrukturen (Schemata, Frames/Rahmen, Skripte, Szenarien, Geschehenstypen) einhergeht. Bei diesem Vorgehen bildet in jedem Fall die Frage den Ausgangspunkt, in welchen Abschnitten, "Portionen" Rezipienten die Äußerungsstruktur von Texten verarbeiten können.

In Arbeiten zur Rezeption russischsprachiger Textexemplare wird die genannte Frage nicht gestellt, in vergleichbaren Arbeiten z.B. zum Englischen wird sie an syntaktischen Gegebenheiten festgemacht, also an Einzelwörtern, an Verbänden (phrases), an neben- und untergeordneten Satzteilen (clauses) und Sätzen (sentences).

Praktiziert man in Bezug auf das Russische eine ähnliche Herangehensweise, kommt man gegenüber dem Englischen in den Vorteil, die Möglichkeiten der Interpunktion im engeren und im weiteren Sinne zu nutzen.

Die Unterscheidung von Interpunktion im weiteren Sinne - die Gestaltung der räumlichen Aufteilung der sprachlichen Zeichen im Text, die Kennzeichnung kompositorischer Einschnitte, die Verwendung unterschiedlicher grafischer Techniken - und Interpunktion im engeren Sinne - die Verwendung der bekannten zwölf Interpunktionszeichen - geht auf Reformatskij (1963) zurück. Zu den Grundfunktionen aller sowie zu den speziellen Funktionen einzelner Interpunktionszeichen sei auf Švarckopf (1988, 9f.) verwiesen.

Im Gegensatz zum Englischen gliedern die Interpunktionszeichen im Russischen die lineare Abfolge der sprachlichen Zeichen im Text syntaktisch konsistent und signalisieren auf Grund ihrer abgrenzenden, hervorhebenden und gleichzeitig verbindenden Funktion Umgrenzungen für sprachliche Einheiten, die für sich und gegenüber anderen Abschnitten der Äußerungsstruktur von Textexemplaren Segmente darstellen und die als relativ selbständige syntaktische Einheiten anzusehen sind.

Man kann drei Gruppen von Segmenten bilden:

  1. Segmente, die durch prädikative Zentren gekennzeichnet sind (einfache Sätze, Teile von zusammengesetzten Sätzen).
  2. Segmente, die syntaktischen Sonderkonstruktionen zuzurechnen sind (Schaltwörter, durch Isolierung hervorgehobene Satzglieder, Anreden, Einwortsätze, z.B. Нет!).
  3. Initiale und finale Textexelemente (Überschriften bzw. Überschriftenkomplexe, Unterschriften bzw. Unterschriftenkomplexe).
Lamprecht, R.-R.
Analyse nach gegenständlich-thematischen Linien. In: Krause, W.-D. (Hrsg.). Textsorten. Kommunikationslinguistische und konfrontative Aspekte. Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Wien: Lang, 2000, 106 - 118.
Реформатский, А.А.
О перекодировании и трасформации коммуникативных систем. В кн.: Исследования по грамматике. М., 1963
Rickheit, G., Strohner, H.
Grundlagen der kognitiven Sprachverarbeitung. Modelle, Methoden, Ergebnisse. Tübingen, Basel: Francke, 1993.
Шварцкопф, Б.С.
Современная русская пунктуация. Система и её функционирование. Москва:Наука, 1988.

Copyright © 2012 Universität Potsdam, Rolf-Rainer Lamprecht.
Letzte Aktualisierung13.04.2015 9:12 PM

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