Textlinguistik

Einführung in die Analyse nach gegenständlich-thematischen Linien

Ebenen und Dimensionen im Rezeptionsvorgang und eine Vorstellung zum Entstehen von Sinn in der Textverarbeitung

Um sich dem Problem zu nähern, wie das sprachwissenschaftliche Instrumentarium auf Texte aus der Rezeptionssicht zugreifen könnte, soll hier von einer gängigen Vorstellung ausgegangen werden, von der Ebenenunterscheidung (Unterscheidung von Dimensionen) inbezug auf den Rezeptionsvorgang.

In der Systemvorstellung von G. RICKHEIT und H. STROHNER (1993) verlaufen Produktions- und Rezeptionsprozesse beim sog. situierten Kommunikator auf folgenden Ebenen, auf der

  • sensomotorischen,
  • syntaktischen,
  • semantischen und
  • pragmatischen Ebene.

(Für eine ausführlichere Wiedergabe dieser Beschreibung s. hier.)

Dem entspricht in etwa auch die Modellierung von Stufungen im Textverstehen, z.B. bei L. WILSKE und D. FLISCHIKOWSKI (1982), die unterscheiden:

  • Wahrnehmung der Sprachzeichenkörper,
  • Erfassen der lexikalisch-semantischen und der grammatisch-semantischen Seite der Wörter und Sätze,
  • Erfassen der Textbedeutung, des Textsinns auf der Ebene der elementaren Sinngebung,
  • Verarbeiten des gegebenen Textes in Richtung auf Sach- und Problemverständnis.

In der Zunahme der Komplexität ähnelt die vorstehende Untergliederung auch derjenigen von T. van DIJK und W. KINTSCH (1978, 1983), die folgende Ebenen ausweisen:

  • Ebene der atomaren Propositionen: semantische Grundeinheiten, Wörter;
  • Ebene der komplexen Propositionen: Teilsätze;
  • Ebene der lokalen Kohärenz: Satzverbindungen;
  • Ebene der Makrostuktur: ...;
  • Ebene der Superstruktur: konventionalisierte Formen von Textsorten.

Eine Affinität zur o.a. Ebenenvorstellung ergibt sich auch in bezug auf Verarbeitungsphasen beim Lesen, also sog. Lesestufen. M.A. JUST und P.A. CARPENTER (1980) z.B. gliedern als Teilprozesse aus:

  1. Get Next Input
  2. Word Encoding and Lexical Access
  3. Case Role Assignment
  4. Interclause Integration
  5. Sentence Wrap-Up

Aus dem Vorstehenden kann man u.E. schließen, daß sich der Rezeptionsvorgang nach der visuellen oder auditiven Aufnahme des "physikalischen Inputs" von Schrift und Laut auf die Ausgliederung von Verarbeitungseinheiten und ihres Zusammenhangs untereinander beziehen lässt (S. dazu auch LAMPRECHT 1988, 1989, LAMPRECHT/NEITZEL 1990.). Dabei scheint die Annahme plausibel, daß die Ausgliederung von sprachlichen (linguistischen) Einheiten, die wohl teils unbewusst, teils bewusst vor sich geht, den allmählichen (sukzessiven) Aufbau der Textrepräsentation im Gedächtnis "trägt", gewissermaßen das Vehikel für "das Erfassen des Textsinns", die "(Re-)Konstruktion des Textinhalts" bildet.

Die angesprochenen Sukzessivität bedeutet neben "Allmählichkeit", "Aufeinanderfolge" auch, dass im Fortgang der Rezeption Zwischenergebnisse bestätigt, korrigiert und revidiert werden können.
Für diesen Fall kann man u.E. annehmen, dass im Rezeptionsvorgang die unbewusste oder bewusste gedankliche Auseinandersetzung des Rezipienten mit textuell gebundenen Bedeutungen von sprachlichen Einheiten und Strukturen in unterschiedlichen inhaltlichen Relationen und Dimensionen stattfindet.

Wählt man für die Benennung des Ergebnisses der gedanklichen Auseinandersetzung den Begriff des Sinns, kann man u.E. zur Modellierung der gedanklichen Auseinandersetzung während des Rezeptionsvorgangs folgende Ausgangsformulierung gebrauchen:

"Der Sinn sn ergibt sich für einen bestimmten Rezipienten x zu einem bestimmten Zeitpunkt tn während des Rezeptionsvorgangs aus den Bedeutungen bestimmter sprachlicher Einheiten und Strukturen sen im Hinblick auf eine bestimmte linguistisch fundierbare Integrationsinstanz zn."

Mit der Indexalisierung (n) soll symbolhaft festgehalten werden, daß Bedeutungen sprachlicher Einheiten und Strukturen (se), Zeitpunkte (t), Sinnformierungen (s) und Integrationsinstanzen (z) für sich, aber auch in Beziehung zueinander variabel sein können.

Legt man die vorstehende Modellierung zugrunde, kann man in bezug auf linguistische Integrationsinstanzen mindestens folgende Stufungen der Sinnformierung beim Rezipienten ausgliedern und beschreiben:

  1. Der Sinn si von sprachlichen Einheiten und Strukturen sei formiert sich für den Rezipienten x zum Zeitpunkt ti aus der Satzsicht zi.
  2. Der Sinn sii von sprachlichen Einheiten und Strukturen seii formiert sich für den Rezipienten x zum Zeitpunkt tii aus der Textsicht zii.
  3. Der Sinn siii von sprachlichen Einheiten und Strukturen seiii formiert sich für den Rezipienten x zum Zeitpunkt tiii aus der kommunikativen (interaktionalen) Sicht ziii.

Es ist klar, dass mit dieser Modellvorstellung nicht alle Faktoren erfasst werden, die im Gang der Textverarbeitung und des Textverstehens eine Rolle spielen, z.B. das aktualisierte Vorwissen oder der aktuelle mentale Zustand. Allerdings deckt sie sich m.E. genau mit dem, was aus kognitionspsychologischer Sicht mit dem semantischen (Konzeptverarbeitung, Referenzverarbeitung, Sinnverarbeitung) und dem pragmatischen Sinnverstehen gemeint ist (RICKHEIT/STROHNER 1993, 70ff.).

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Wilske, L., Flischikowski, D.
Kommentar und Interpretation als Formen der Textanalyse und Texterläuterung (dargestellt am Beispiel eines linguistischen Fachtextes). In: Wiss. Ztschr. PHKL Potsdam,. - 26(1982)1. - 13 - 24.

(Die vorstehenden Ausführungen enthalten leichte redaktionelle Veränderungen gegenüber denen in meinen o.g. Publikationen. In den Grundaussagen sind sie mit ihnen jedoch identisch. R.-R.L.)

Copyright © 2012 Universität Potsdam, Rolf-Rainer Lamprecht.
Letzte Aktualisierung13.04.2015 9:12 PM

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