Textlinguistik

Einführung in die Analyse nach gegenständlich-thematischen Linien

Historie, Hintergründe

Die Idee zur Analyse nach gegenständlich-thematischen Linien entstand in den 1980-er Jahren im Rahmen der Funktional-kommunikativen Sprachbeschreibung (FKS), an der alle Pädagogischen Hochschulen der DDR im Mutter- und Fremdsprachenunterricht beteiligt waren. Im Rahmen dieses Ansatzes wurde u.a. nach einer Methodik für die Detailanalyse von Texten gesucht. Zur damaligen Zeit konzentrierte sich die Textanalyse im Allgemeinen auf die gegenständliche (propositionale) Seite/Ebene des Textes. Interpretiert wurden dabei die über den gesamten Text zu beobachtenden Zusammenhänge zwischen den Bezeichnungsobjekten, d.h. die Kohärenz zwischen wiederkehrenden Referenzträgern, die "Isotopieketten", "Topikketten" bzw. "nominalen Ketten" (Agricola, Viehweger) bildeten. Auf diese Analyse setzte oft die Analyse der thematischen Progression (nach Danes) auf, die im Wesentlichen die Fortführung der im Text schon vorhandenen und die Einführung neuer Referenzträger erfasste. Analysen zur aktionalen (kommunikativen) Seite des Textes waren zu der Zeit erst in den Anfängen. Man nahm im Konzept der FKS an, dass man im Text auch eine strukturierte Abfolge von Realisierungen sprachkommunikativer Handlungstypen (Kommunikationsverfahren) aufdecken kann (z.B. Krause) . Andere Wissenschaftler übertrugen die theoretische Konzeption der Sprechakte, die ursprünglich nur für den Satz entwickelt worden war, auf den Text und versuchten im Text eine Abfolge von Sprechakten zu sehen (z. B. Kosta). Ein Problem in dieser Herangehensweise bestand m.E. darin, dass die propositionale und die kommunikative (aktionale) Analyse relativ unabhängig voneinander durchgeführt wurden, was zumindest bei der FKS zu kritisieren war, da sie davon ausging, dass in der inneren Planung die sog. Operationalisierung (die Umsetzung der kommunikativen Absicht, der Handlungsplan) eng mit der sog. Thematisierung (der Entwicklung der Hauptgedankenlinie, des thematischen Plans) zu sehen sei (vgl. das Schema von L. Wilske).

Um dem skizzierten Mangel abzuhelfen, war es m.E. unumgänglich, eine einheitliche Analysemethodik zu entwickeln, die Ergebnisse bereitstellt, welche propositionale und aktionale Aspekte in der Textanalyse verbinden lässt. Dass sich damit auch weitere Aspekte untersuchen lassen, wurde mir erst im Laufe der Beschäftigung mit dieser Methodik deutlich. Dazu aber später.

Um einem Missverständnis vorzubeugen, sei gesagt, dass die im folgenden vorzustellende Methodik der Textanalyse nicht angelegt ist, etablierte Textanalyseverfahren in Frage zu stellen oder gar ablösen zu wollen. Da die in Rede stehende Methodik an der vorfindlichen Textoberfläche ansetzt und zu mehrfach interpretierbaren Ergebnissen führt, in meinen Augen sogar führen muss, weil sie ja mehrere Aspekte in den Fokus nehmen will, ist sie gegenüber anderen Verfahren vorgängig. Das bedeutet, dass etablierte Verfahren nach ihr einsetzen.

Copyright © 2012 Universität Potsdam, Rolf-Rainer Lamprecht.
Letzte Aktualisierung: 17.09.2015 4:38 PM

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