Erzählstrukturen

Versucht man, sich schrittweise an die Frage anzunähern, was das Phänomen "Erzählen" im allgemeinen und das künstlerische Erzählen im Vergleich zum alltäglichen Erzählen im besonderen ausmacht, kann man m.E. folgenden Unterscheidungen bzw. Kategorisierungen fruchtbar machen.

1. Unterscheidung: grundlegende Strukturen auf der Sachverhaltsebene und Strukturierungszwänge auf der Darstellungsebene.

Diese Unterscheidung richtet sich gegen die Annahme, das Wesen des Erzählens bestünde allein in der Reproduktion von Strukturen auf der Sachverhaltsebene, in der Beachtung von Regeln, die sich aus der "Geschichtengrammatik" ergeben. Das Konzept der Geschichtengrammatik, das genau diese Annahme verfolgt, erklärt zum einen nicht den Fall, dass es Geschichten gibt, die ungrammatisch sind. Zum zweiten erklärt es nicht, dass man Texte findet, die keine Geschichten sind, aber alle dafür notwendigen inhaltlich-formativen Vorgaben erfüllen. Daraus folgt, dass das Wesen des Erzählens wie auch der Unterschied zwischen alltäglichen und künstlerischen Erzählen in den Strukturierungszwängen auf der Darstellungsebene gesucht werden müssen.

2. Erzählkonstitutive Gestalten (Figuren): Ereignisträger, Ereigniskette, Situationen und thematische Geschichte

Setzt man also nicht voraus, dass sich das kognitive Erzählschema (allein) aus den Ereignissen und Personen zusammensetzt, braucht es andere Gegebenheiten, von denen man annimmt, dass sie die Abwicklung des Erzählschemas organisieren. KALLMEYER & SCHüTZE (1977) schlagen folgende Gestalten (Figuren) vor:

  • den Ereignisträger: soziale Einheiten, die bedeutsame Ereignisse verursachen oder auf sich einwirken lassen;
  • die Ereigniskette: sie führt Zustandsänderungen der Ereignisträger herbei;
  • Situationen: aus der Ereigniskette herausgelöste, besonders ausgearbeitete Ereignishöhepunkte;
  • thematische Geschichte: Thema und Moral der Geschichte insgesamt.

3. Zugzwänge: Detaillierungszwang, Gestaltschließungszwang, Relevanzfestlegungs- und Kondensierungszwang

Die angeführten Gegebenheiten lassen sich nun als Notwendigkeiten auf der Darstellungsebene verstehen, sie bilden für den Erzähler Zugzwänge in der Sachverhaltsdarstellung. Er muss ihnen genügen, um die Textsortenqualität "Erzählung" zu erreichen. Im einzelnen sind es folgende:

  • eine der Ereigniskette angemessene Detaillierung des Erzählgegenstands (Detaillierungszwang);
  • die Abschließung der im Erzählprozess begonnenen Gestalten (Gestaltschließungszwang);
  • die Gewichtung und Bewertung der für die thematische Geschichte relevanten Erzählgegenstände (Relevanzfestlegungs- und Kondensierungszwang).

4. Fingierungsverfahren (Iser): Selektion, Kombination und Selbstanzeige

Die vorstehend charakterisierten Kategorien stammen aus dem soziologischen Theoriekontext. Sie lassen sich aber nicht nur auf das alltägliche, sondern auch auf das künstlerische Erzählen anwenden. Will man nun an die Unterschiede herankommen, müssen Differenzierungsmöglichkeiten gesucht werden. Hierfür lassen sich die von ISER (1991) beschriebenen Fingierungsverfahren heranziehen.

ISER geht von der These aus, dass im künstlerische Text nicht einfach außertextliche Wirklichkeit wieder aufgegriffen wird, sondern in einer bestimmten Perspektive, die in der - wie er sagt - Imagination ihre Vergegenständlichung erfährt. Imaginäres ist für ihn dann ein Aspekt des Fiktiven, derjenigen Eigenschaft, die künstlerische Texte von nichtkünstlerischen scheidet.

Der Zuwachs an Bedeutung in einem Text, welcher sich nicht durch Bezug auf die beschriebene Wirklichkeit außerhalb des Textes nachweisen lässt, entsteht für ISER durch spezielle Fingierungsverfahren, und zwar Selektion, Kombination und Selbstanzeige. TREICHEL (1996, 15) beschreibt sie so.

"Selektion ist deshalb ein Fingierungsverfahren, weil sie zwar aus der außertextuellen Wirklichkeit schöpft, ohne jedoch an deren Struktur gebunden zu sein. Durch Selektion werden Aspekte der zu besprechenden Wirklichkeit zuungunsten anderer herausgehoben (...) und der Intentionalität des neu entstehenden Textes untergeordnet. Die mit dem Akt der Selektion privilegierten Momente außertextueller Wirklichkeit werden innertextuell relationiert und damit zu neuem Sinn konfiguriert durch das Fingierungsverfahren der Kombination. Selektion und Kombination führen also zur Entstehung einer von der außertextuellen Wirklichkeit abgehobenen innertextuellen Wirklichkeit. Diese wird durch das Fingierungsverfahren der Selbstanzeige als fiktional kenntlichgemacht, es wird also angezeigt, dass die fiktionale innertextuelle Wirklichkeit auf etwas verweist, was sie nicht sein kann, was jenseits ihrer selbst liegt.
Aufgrund der von Iser beschriebenen Fingierungsverfahren kann der fiktionale Text sich auf eine außertextuelle Wirklichkeit beziehen und diese mehrfach überschreiten. In der Überschreitung außertextueller und innertextueller Grenzen liegt das Imaginäre begründet, welches Iser als eine besondere Qualität des Fiktiven kennzeichnet."

Die Frage ist nun, wie man sprachliche Elemente und Strukturen ausmacht, um sie als Träger von Fingierungsverfahren klassifizieren zu können.

5. Erzählsegmente: abstract, orientation, complicating action, evaluation, result or resolution, coda (LABOV 1972) oder: Erzählsegmentankündigung, Kernerzählsätze, Erzähldetaillierung, Ergebnissicherung, selbsttheoretisch-argumentativer Kommentar - KALLMEYER & SCHÜTZE (1977);

Erste Kandidaten für das Auffinden von Indikationen von Fingierungsverfahren scheinen Erzählsegmente zu sein, für die verschiedene Termini anzutreffen sind. Eine der älteren Einteilungen gehört LABOV, der unterscheidet:

  1. Abstract: die Erzählankündigung, die zu bewältigende Darstellungsaufgabe
  2. Orientation: wichtige Parameter der Haupthandlung (Ort, Zeit, teilnehmende Akteure)
  3. Complicating action: darzustellende Sachverhalte in ihrer temporalen Abfolge
  4. Evaluation: "Anhalten" der Geschichte vor ihrem Ausgang, Schwebezustand, um Überragendes auszuführen, die Erzählwürdigkeit zu unterstreichen
  5. Result or resolution: Ausgang der Haupterzählung
  6. Coda: Abrundung der Erzählung, Verdeutlichung der Relevanz des Erzählten für die Gegenwart des Erzählers

Eine vergleichbare Einteilung, die speziell auf die Aufdeckung der Struktur autobiographischen Stegreiferzählens gerichtet ist, wurde von SCHÜTZE (1987) vorgenommen:

  1. Erzählsegmentankündigung: Vorabdefinition der anschließend zu bearbeitenden Erzählaufgabe
  2. Kernerzählsätze: wesentliche Zustandsänderungen im Koordinatensystem des Geschichten- oder Ereignisträgers
  3. Erzähldetaillierung: Ergänzungen zu anderen Bestandteilen von Erzählsegmenten, hat vernachdrücklichende Funktion
  4. Ergebnissicherung: Herausstellen des Wesentlichen im Segment
  5. selbsttheoretisch-argumentativer Kommentar: Reaktionen des Erzählers auf die Inhalte seines Erzählsegments

Vorstehende Vorschläge zur Erzählsegmentcharakterisierung erfassen weniger die Verbindung der einzelnen Komponenten (Schritte, Apekte) untereinander als dass sie ihre Abgrenzung vornehmen.

6. Linearisierung: Episoden (temporale Achse) bzw. narrativer Plot (Sukzession und Konfiguration)

In der alltäglichen Erzählung wird bekanntlich persönliche Erfahrung in der Rückschau kommuniziert, in der der Erzähler vor dem Problem steht, komplexe Erinnerungen der Vergangenheit zu Texten aufzuordnen."... Einheiten der Erinnerung, die einen Ausschnitt in Zeit verlaufender Erfahrung zusammenfassen und vom Kontext abheben" (TREICHEL 1996, 40) können nach Polkinghorne "Episoden" genannt werden, die er folgendermaßen charakterisiert (1991, 140):

"Human temporal experience consists of drawing out from the continual flow of successive moments episodic patterns by marking off beginning and ending points. Linking events into a unified episode lifts them from their temporal surroundings and yields a whole that is internally articulated into its contributing parts. This configuration creates a temporal part-whole relation through which events are grasped as temporal Gestalten."

TREICHEL fasst diese Charakterisierung (ebenda) zusammen: "Episoden sind Zeitcluster, die aus der Zusammenschau von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft konfiguriert werden und die eine Reihe von Einzelereignissen zu einer strukturierten Gestalt werden lassen."

In der Erzählung stehen nun die einzelnen Episoden nicht losgelöst voneinander, jede leistet einen bestimmten Beitrag zur Gesamtstruktur, zum narrativen Plot. Der "lineare Ablauf", die "Sukzession" unterliegt also einer gewissen Konfiguration.


Literatur

Iser, W. Das Fiktive und das Imaginäre. Perspektiven literarischer Anthropologie. Frankfurt: Suhrkamp, 1991.

Kallmeyer, W., Schütze, F. Zur Konstitution von Kommunikationsschemata zur Sachverhaltsdarstellung. In: Wegner, D. (ed.). Gesprächsanalyse. Hamburg: Buske, 1977, 159 - 274.

Labov, W. Language in the inner city: Studies in the Black English vernacular. Philadelphia: University of Pennsylvania Press, 1972.

Polkinghorne, D. Narrative and self-concept. Journal of Narrative and Life History. 1(2.3)1991, 135 - 153.

Schütze, F. Das narrative Interview in Interaktionsfeldstudien: Erzähltheoretische Grundlagen. Teil 1. Merkmale von Alltagserzählungen und was wir mit ihrer Hilfe erkennen können. Hagen: Fernuniversität Gesamthochschule Hagen, 1987.

Treichel, B. Die linguistische Analyse autobiographischen Erzählens in Interviews und die Anwendung narrationsanalytischer Erkenntnisse auf Probleme von Studienkarrieren. Tübingen: Narr, 1996.

Copyright © 2011 Universität Potsdam, Rolf-Rainer Lamprecht.
Letzte Aktualisierung: 24.04.2015 9:56 PM

Dieses Werk bzw. Inhalt steht unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Creative Commons Lizenzvertrag