Bemerkungen zu Theoriekontexten und zur Theorieentwicklung der Textlinguistik

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Texten ist - so trivial das klingt - nicht neu und Untersuchungen, in denen der Text wesentlicher Bestandteil ist, - auch das klingt zunächst wie ein Allgemeinplatz - werden bzw. wurden nicht nur von der Sprachwissenschaft betrieben.

Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, ist mit der Überschrift als These gesetzt, daß Texte im Blickpunkt des Erkenntnisinteresses verschiedener Wissenschaftsdisziplinen stehen bzw. gestanden haben.

Ihren Ursprung hat diese These in Einführungen zur Textlinguistik (s. z.B. deBEAUGRANDE/DRESSLER 1981, 15ff.; HEINEMANN/VIEHWEGER 1991, 19ff.), die das Erkenntnisinteresse allerdings nur andeutungsweise, in bestimmter Weise attenuativ behandeln und die Auswahl der Wissenschaftsdisziplinen, die sich bisher eingehender mit dem Text beschäftigt haben, unsystematisch treffen.

Aus dem Vorliegenden kann man jedoch zweierlei ablesen, und zwar daß die genannten Autoren

(a) einen methodologisch-theoretischen Vorlauf zur Textlinguistik in anderen Disziplinen als der Sprachwissenschaft sehen (s. Abschnitt I),

(b) in der Entwicklung innerhalb der Sprachwissenschaft sowie in Reflexen aus der allgemeinen Wissenschaftsentwicklung auf die Sprachwissenschaft Ursachen dafür ausmachen, daß die Sprachwissenschaft eine grundsätzliche Diskussion ihres Gegenstandsverständnisses Ende der 60-er, Anfang der 70-er Jahre vornahm und damit die Etablierung einer systematischen Untersuchung von Texten durch die Linguistik ermöglichte (Abschnitt II).


Abschnitt I


Als Vorläufer zur Textlinguistik werden von deBEAUGRANDE/DRESSLER (1981, 15ff.) vor allem angesehen:

- die (antike) Rhetorik,
- die (vormittelalterliche und mittelalterliche) Stilistik,
- die Literaturwissenschaft,
- die Kulturanthropologie und
- die Soziologie.

Ansatzpunkt für die Inanspruchname der Rhetorik als ideengeschichtlicher Vorläufer der Textlinguistik ist deren Interesse an der Kunst der öffentlichen Rede und an der Ausbildung von Rednern. Hierbei bilden die Regeln, die für die systematische Generierung und wirkungsvolle Präsentation von Texten gefunden und den Rednern an die Hand gegeben werden können, ein wesentliches Gebiet.


Die Leitidee vom angemessenen Sprachgebrauch, die der Stilistik eignet, und die sich in nur an Textganzheiten sinnvoll verifizieren läßt, kann man als Herleitung aus der Rhetorik begreifen. Die Stilistik schränkt sich im Laufe ihrer Entwicklung allerdings auf den angemessenen und wirkungsvollen Gebrauch von Sprache- unter weitgehender Abstraktion von Artikulation, Mimik, Gestik - ein, weitet aber das Feld der infragekommenden Texte auf alle Lebens- bzw. Kommunikationsbereiche aus, d.h. betrachtet nicht mehr nur die öffentliche (Parteien-)Rede.

Der o.g. Grund (Ursprung aus der Rhetorik) ist ein Umstand, weswegen Texte auch in der Stilistik zentraler (sprachlicher) Bezugspunkt bleiben. Ein anderer Grund für die Zuordnung von Texten zur Stilistik ergibt sich viel später, in der Neuzeit, bei der endgültigen Etablierung der Sprachwissenschaft als eigenständiger Disziplin.

Mit dem Durchbruch des Struktur-System- Paradigmas, beginnend mit BALLYs und SEYCHEHAYEs Mitschriften von deSAUSSUREs Vorlesungen, wurde in der Sprachwissenschaft die Vorstellung dominant, daß die größte, die "äußerste" sprachliche Einheit der Satz sei. Übersatzmäßigen Strukturen wie der Text wurden bei der "Neuordnung" aus dem Erklärungsbereich der Linguistik verwiesen und mit einer neuen Motivation in die Stilistik zurückgeschickt.


Daß die Literaturwissenschaft zu einem wesentlichen Teil Textwissenschaft bzw. Wissenschaft vom Text war und ist, ergibt sich schon aus ihrem Gegenstand, denn "Literatur" muß man in wohl als eine besondere Gruppe von Texten auffassen, die bestimmten Texttypen zugehören. Ob wesentliche Betätigungsfelder der Literaturwissenschaft bisher in folgendem gelegen haben, soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden:

"a) das Beschreiben der Prozesse zur Textproduktion und der Ergebnisse eines Autors, oder einer Gruppe von Autoren, in einer bestimmten Zeit oder Umgebung;
b) das Auffinden problematischer oder anfechtbarer Bedeutungen von Texten;
c) die Bewertung von Texten." (deBEAUGRANDE, DRESSLER 1981, 19).


Die Kulturanthropologie verbindet sich vor allem mit den Namen MALINOWSKI, PROPP, LEVI-STRAUSS. Ihr Interesse an der Untersuchung von Texten rührt zuerst davon her, daß Texte als Entitäten aufgefaßt werden, in denen sich die Kultur in ihrer Alltäglichkeit sowohl von sog. primitiven Völkern als auch insgesamt dokumentiert. In methodischer Hinsicht ist die kulturanthropologische Analyse vor allem durch die Tagmemik (PIKE, LONGACRE) unterstützt worden.

Wegen ihres strukturellen/strukturalistischen Ansatzes ist vor allem PROPPs Untersuchung zu den russischen Volksmärchen durch die Vermittlung der Literaturwissenschaft und der Erzähltextanalyse bekannt geworden.


Bei der Soziologie hat man sicherlich - ähnlich wie bei der Literaturwissenschaft - Schwierigkeiten, die Soziologie im ganzen als ideengeschichtlicher Vorläufer der Textlinguistik zu interpretieren. Dies hängt teilweise mit der zeitlichen Dimensionierung zusammen, denn Soziologie und Sprachwissenschaft entwickelten und entwickeln sich eher nebeneinander als nacheinander. Dies hat seine Ursache sicherlich auch in der Vielfalt soziologischer und sprachwissenschaftlicher Fragestellungen und Richtungen, die einer sich gegenseitig ergänzenden Betrachtung bedürften, bevor verläßliche Aussagen über den Einfluß der einen auf die andere Wissenschaftsdisziplin gemacht werden könnte. Es gibt allerdings eine Ausnahme: die Wirkung der Ethnomethodologie/Konversationsanalyse auf die Analyse mündlicher (gesprochener) Sprache in Gestalt der linguistischen Diskursanalyse/Dialoganalyse/Gesprächsanalyse.


Abschnitt II


Nachdem bis jetzt der rote Faden war, außerlinguistische Argumentationen und Traditionslinien anzusprechen, soll jetzt der linguistische Kontext selbst als Einflußfaktor für ihre Etablierung der Textlinguistik angerissen werden.

Die verstärkte Betrachtung von Texten, die Etablierung der Textlinguistik gründet sich offensichtlich auf zwei unterschiedlichen Motiven, die sich nicht ausschließen müssen. HEINEMANN/VIEHWEGER (1991, 24f.) prägen in diesem Zusammenhang die Begriffe "Erweiterungspostulat" und "Pragma-/Fundierungspostulat".

Mit dem Begriff "Erweiterungspostulat" wird eine Forderung thematisiert, die aufgrund der Erkenntnis erhoben wurde, daß bestimmte sprachliche Phänomene nicht mehr allein über die Zusammenhänge innerhalb von Sätzen erklärt werden können, sondern darüber hinaus den Blick auf die transphrastische ("übersatzmäßige") Umgebung verlangen.

Mit der genannten Forderung war zunächst auch verbunden, daß theoretische Positionen und methodische Verfahren aus der "Satzlinguistik" in die "Textlinguistik" übertragen wurden, daß die Linguistik gewissermaßen "nur" um eine Einheit, die Einheit "Text" erweitert wurde, auf die das bekannte theoretische und methodische Arsenal Anwendung fand.

Parallel zur Entwicklung, die für die satzsemantische Forschung den transphrastischen Ansatz, die Beachtung textinterner Begründungszusammenhänge und damit eine textlinguistische Theoriebildung verlangte, vollzog sich innerhalb der Linguistik eine andere, die HELBIG (1986, 13) folgendermaßen beschreibt:

"Seit etwa 1970 ist in der Sprachwissenschaft international eine 'kommunikativ-pragmatische Wende' zu beobachten, d.h. eine Abwendung von einer systemorientierten bzw. -zentrierten Linguistik und eine Zuwendung zu einer kommunikationsorientierten Linguistik. Das zentrale Interesse der Sprachwissenschaft verlagerte sich von den internen (syntaktischen und semantischen Eigenschaften des Sprachsystems auf die Funktion der Sprache im komplexen Gefüge gesellschaftlicher Kommunikation. (...) Die Einbettung der Sprache in die komplexeren Zusammenhänge der kommunikativen Tätigkeit (und der gesellschaftlichen Interaktion) wurde hervorgerufen durch die zunehmende Einsicht, daß die sprachlichen Zeichensysteme kein Selbstzweck sind, sondern immer nur Mittel zu außersprachlichen Zwecken, daß sie deshalb auch von 'externen' Faktoren determiniert und nur auf diese Weise vollständig zu erklären sind. Diese Einsicht führte zur genannten Abwendung von der reinen 'Systemlinguistik' und zu einer mit der Kommunikationsorientierung verknüpften Ausweitung des Gegenstandsbereichs der Sprachwissenschaft, die sich nicht nur in der Einbeziehung 'system-externer' Erscheinungen, sondern auch im Entstehen neuer Disziplinen wie Textlinguistik, Pragmalinguistik und Sprechakttheorie, Soziolinguistik, Psycholinguistik usw. äußerte."

Die beschriebene Entwicklung schlägt sich in dem von HEINEMANN/VIEHWEGER geprägten Begriff des Pragmapostulats, die Notwendigkeit der Neubestimmung des theoretischen und methodischen Arsenals für die Linguistik im allgemeinen und die Textlinguistik im besonderen in dem des Fundierungspostulats nieder.

Beaugrande de, R., Dressler, W.
Einführung in die Textlinguistik. Tübingen: Niemeyer, 1981.
Heinemann, W., Viehweger, D.
Textlinguistik. Eine Einführung. Tübingen: Niemeyer, 1991.
Helbig; G. Entwicklung der Sprachwissenschaft seit 1970. Leipzig: Bibliographisches Institut, 1986.

Copyright © 1996 Universität Potsdam, Rolf-Rainer Lamprecht.
Letzte Aktualisierung: 24.04.2015 8:04 PM

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