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Skript Textlinguistik/Gesprächsanalyse

"Dialogische Texte".
Beobachterparadoxon. Reflexivität und Indexalität. Hermeneutischer Zirkel.

Das verständliche Forschungsinteresse, den Interaktionsprozeß in Gesprächen möglichst "rein" zu erfassen, zu analysieren und zu interpretieren, läßt sich deshalb nicht verwirklichen, weil "der Prozeß der gesprächsanalytischen Datenerhebung selbst ein sozialkommunikativer Prozeß ist. Als solcher hat er einen Einfluß auf den zu untersuchenden Kommunikationsvorgang" (Brinker, K., Sager, S. F. (Linguistische Gesprächsanalyse: eine Einführung. 2. durchges. und erg. Aufl. Berlin: Erich Schmidt, 1995, 31).
M.a.W.: einerseits möchte der Analyst den Interaktionsprozeß möglichst unbeeinflußt durch äußere Gegebenheiten zur Verfügung haben, andererseits ist dies schon deshalb nicht möglich, weil die "Beobachtung" mindestens technisch in die Interaktion eingreifen muß, um eine Aufzeichnung zu erhalten, aus der brauchbare Analyse- und Interpretationsergebnisse gewonnen werden können.
Es ist daher so, daß auf Grund des Aufwandes, der zu betreiben ist, um später möglichst detaillierte Ergebnisse zu erhalten (z.B. durch eine allgemeine Einführung der Beteiligten, daß im folgenden eine Aufzeichnung zu Forschungszwecken gemacht wird oder durch die Anwesenheit einer unbeteiligten Person, die das Mikrofon/die Kamera verdeckt bedient), das Gespräch mehr oder weniger zu etwas anderem wird als das, was man eigentlich dokumentieren möchte. Dieses Phänomen wird in der Gesprächsanalyse, zurückgehend auf W. Labov (Das Studium der Sprache im sozialen Kontext. In: Klein, W., Wunderlich, D. (Hrsg.). Aspekte der Soziolinguistik. Frankfurt/M. 1971, 135), mit dem Begriff "Beobachterparadoxon" belegt.

Schließlich sei noch auf eine allgemeine (nicht zu beseitigende) Schwierigkeit, den hermeneutischen Zirkel verwiesen, der im Zusammenhang mit der Reflexivität und Indexalität von Sprache steht.

Sprache ist insofern reflexiv, als sie nur erklärt werden kann, wenn sie selbst benutzt wird. Dieser Sachverhalt wurde von G. KLAUS seinerzeit mit der Unterscheidung von Objektsprache auf der einen Seite und Metasprachen n-ter Ordnung auf der anderen Seite versucht zu fassen.
Der Grund für das beständige Benutzen von Sprache zu ihrer eigenen Erklärung liegt für Sprachphilosophen wie L. WITTGENSTEIN in der Tatsache begründet, daß man Bedeutung nur anhand des jeweils konkreten Gebrauchs der Wörter feststellen kann. Daraus ist generell gefolgert worden, daß Alltagssprache prinzipiell vage ist, sprachliche Aktivität zu einem großen Teil immer darauf gerichtet ist, die Vagheit der Alltagssprache zu beseitigen.

Um dies zu erreichen, können die Gesprächsteilnehmer auf eine generelle Eigenschaft von sprachlichen Äußerungen zurückgreifen: auf ihre Indexalität.

"Um die prinzipielle Vagheit sprachlicher Äußerungen handlungsgerecht aufzulösen, sind die Gesprächspartner ständig bemüht, ihre Äußerungen jeweils auf die aktuelle Situation zu beziehen - und dies sich wechselseitig deutlich zu machen." (BRINKER/SAGER, 1995, 118) Dieses "wechselseitige Verdeutlichen", "Indexieren" bildet nun für die GesprächsanalytikerInnen den Ansatzpunkt für ihre eigenen Analysen, Interpretationen und Schlußfolgerungen.

Hierbei zeigt sich folgendes Phänomen: Da die Interpretation eines konkreten Gespräches nicht möglich ist, ohne daß der Interpret darüber seine eigenen Annahmen macht, ergibt sich der sog. hermeneutische Zirkel. Dies bedeutet, daß der Interpret durch seine Auslegungen nur dasjenige nachweisen kann, was er vorher hypothetisch als gegeben angenommen hat. Kritisiert werden muß also, daß der Analytiker im Grunde zum einen nicht nachweist, was er als Wissenschaftler vorgibt zu tun, und zwar eine von ihm unabhängig-wahre, eine objektive Interpretation des Gesprächs.
Zum anderen weist er eben gerade nur das nach, was er unterstellt, d.h. bei seinem Wissensstand zu unterstellen in der Lage ist.
Den skizzierten Zirkel kann man nicht eliminieren. Man muß versuchen, seinen negativen Auswirkungen, seinen Gefahren, die in der "willkürlichen", nicht nachvollziehbaren Auslegung durch den betreffenden Interpreten bestehen, entgegenzuwirken. Dies macht wird in der Regel durch eine protokollierte Selbstreflexion gemacht, die die Annahmen und die aus dem Gespräch bezogenen Interpretationen klar beschreibt.

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[Letzte Aktualisierung: 04.04.2006 2:23 PM ]