Anfang Textlinguistik | Skripte | Definitionen | Beispiele | Beiträge Studenten | Virtueller Campus

Skript Textlinguistik/Gesprächsanalyse

"Dialogische Texte".
Strukturen und Einheiten. Mikroebene.

Jedes Gespräch, so ungeordnet, chaotisch es auch von außen erscheinen mag, hat seine innere Ordnung, seine innere Struktur. Mit Brinker, K., Sager, S. F. Linguistische Gesprächsanalyse: eine Einführung. 2. durchges. und erg. Aufl. Berlin: Erich Schmidt, 1995, 55) verstehen wir "Gesprächsstruktur" als ein

"...Gefüge von Relationen, die zwischen den Gesprächsbeiträgen als den unmittelbaren Strukturelementen des Gesprächs bestehen und die den inneren Zusammenhang, die Kohärenz des Gesprächs bewirken."


Der Gesprächsbeitrag ist somit die kleinste, die basale Einheit des Gesprächs. Hierbei muß man zwischen dem Gesprächsschritt ("Gesprächszug", engl. "turn") und dem Hörersignal unterschieden. Hörersignale zeigen Aufmerksamkeit, Zustimmung u.a. an, ohne daß damit die Übernahme der Sprecherrolle beabsichtigt wird. Sie sind gewissermaßen "Antwortsignale", "Kontaktsignale", die die Kooperationsbereitschaft des Gesprächspartners ausdrücken, sie gehören zum sog. Rückmeldeverhalten(back-channel-behavior). Ebenfalls keine Gesprächsschritte sind Signale der Einstellungsbekundung, wie Zwischenrufe, und gesprächsschrittbeanspruchende Signale.

Der Übergang des Rederechts auf den Hörer, der Sprecherwechsel (engl. turn-taking) bildet ein konstitutives Element des Gesprächs und unterscheidet es somit vom Monolog. Das Prinzip des Sprecherwechsels schließt ein,

"daß Gespräche durch mehr als eine Sprecherperspektive gekennzeichnet sind und daß mit jedem Sprecherwechsel von allen Beteiligten erneut zu prüfen ist, ob und inwieweit sich die gemeinsame Voraussetzungsbasis hinsichtlich des Gesprächsinhalts und/oder der Beziehungskonstellation verändert hat oder nicht" (BRINKER/SAGER, op.cit., 60).


Sprecherwechsel entstehen durch:

  1. Fremdzuweisung
  2. Selbstwahl/-zuweisung
    • mit Unterbrechung des Sprechers
    • ohne Unterbrechung des Sprechers

(Entstehungskriterium)

Sie verlaufen unterschiedlich, und zwar kann man unterscheiden:

  1. den "glatten" Wechsel (ohne Simultansequenz)
  2. Sprecherwechsel nach Pause
  3. Sprecherwechsel nach Unterbrechung (Simultansequenz mit "erfolgreichem Durchsetzen")

(Verlaufskriterium)


Auf den Sprecherwechsel haben solche Faktoren Einfluß, wie der soziale Status der Kommunikationsteilnehmer, die Organisiertheit des Gesprächs durch äußere Regelungen, die Art der Sprechsituation.

Gesprächsschritte und Hörersignale haben eine bestimmte kommunikative Funktion, sie repräsentieren somit Handlungsbedeutungen. Diese Handlungsbedeutungen erfahren im Gespräch ihre spezifische Brechung dadurch, daß sie inbezug auf den jeweiligen "Stand in der Kommunikation" (z.B. vorhergehende Beiträge, Gegebenheit der Situation)interpretiert werden. Handlungsbedeutungen bilden also die Grundlage, sind die Basisfunktion für die Gesprächsfunktion. Z.B. kann die Basisfunktion "Frage" auch die Gesprächsfunktion "provokative Partnerabwertung" haben.

Gesprächsschritte lassen sich - sofern sie mehrere Äußerungen enthalten - unterschiedlich gliedern: in Satz- bzw. satzwertige Einheiten, in Aussagen und Gliederungssignale, in verbale, paraverbale und nonverbale Signale usw. Wichtiger scheint allerdings, daß sie in ihrer Stellung zueinander klassifiziert werden.

Als grundlegend erweits sich dabei die Gegenüberstellung von initiierenden und respondierenden Schritten.

"Mit einem initiierenden Gesprächsschritt fordert der Sprecher den Hörer zu einer bestimmten Reaktion auf. Es gehört zu den Basisregeln der Kommunikation, daß der Angesprochene antwortet; er ist sozusagen verpflichtet, aus einer beschränkten Anzehl von Fortsetzungsmöglichkeiten eine bestimmte Antwort zu realisieren. Mit dem respondierenden Gesprächsschritt erfüllt er dann die mit dem initiierenden Schritt etablierten Obligationen. Dieses Prinzip ist am deutlichsten in den Frage-Antwort-Sequenzen ausgeprägt." (BRINKER/SAGER, op.cit., 69)


Reaktionen auf einen initiierenden Schritt können sein:

  • Akzeptierung ("Responsivität")
  • Zurückweisung ("Nonresponsivität")
  • Selektion ("Teilresponsivität")
  • ein "gemischter" Gesprächsschritt, der respondierende, initiierende und reaktivierende Elemente enthält ("Reaktivität")

Initiierende, respondierende und reaktivierende Gesprächschritte sind inhärente Bestandteile von Gesprächssequenzen, die die nächsthöhere strukturelle Einheit nach den Gesprächsschritten bilden.


Die Gesprächskohärenz in Gesprächssequenzen drückt sich in spezifischen grammatischen, thematischen und funktional-kommunikativen Beziehungen zwischen den Gesprächsschritten aus. Als grammatische Ausdrucksmittel i.w.S. werden die Möglichkeiten der expliziten und impliziten Wiederaufnahme angesehen, als thematische Mittel bestimmte Formen der thematischen Entfaltung (z.B. deskriptive, narrative, argumentative Themenentfaltung).

Anfang Textlinguistik | Skripte | Definitionen | Beispiele | Beiträge Studenten | Virtueller Campus
Copyright © 1998 - 2005 Universität Potsdam, Rolf-Rainer Lamprecht.
[Letzte Aktualisierung: 04.04.2006 2:25 PM ]