Textlinguistik

Impulstext "Dialogische Texte". Eine Definition.

Unter dem Begriff "Dialogische Texte" werden hier in der Gegenüberstellung zu "Monologischen Texten" die Ausgangsformen menschlicher Kommunikation gefaßt, und zwar mündliche Texte, die im direkten Kontakt produziert und rezipiert werden, also in der face-to-face-Situation bzw. auch in der "ear-to-ear-position" beim Telefonieren.
Die linguistische Beschreibung und Erklärung solcher Texte erfolgt zu einem großen Teil in Forschungsrichtungen, die sich "Dialoganalyse", "Konversationsanalyse" (conversational analysis), "Diskursanalyse" (discourse analysis), "Gesprächsanalyse" nennen. Hinter den unterschiedlichen Bezeichnungen können wesentliche Unterschiede in der Herangehensweisen verborgen sein, dieser Aspekt sei allerdings hier vernachlässigt. Im folgenden wird der Begriff   "Gesprächsanalyse" gebraucht werden, und zwar im Sinne von Brinker, K., Sager, S. F. Linguistische Gesprächsanalyse: eine Einführung. 2. durchges. und erg. Aufl. Berlin: Erich Schmidt, 1995

Als Einordnung sei unter "Gespräch" mit den genannten Autoren (ebenda, 11) "... eine begrenzte Folge von sprachlichen Äußerungen, die dialogisch ausgerichtet ist und eine thematische Orientierung aufweist", verstanden.

Mit der Orientierung auf sprachliche Äußerungen werden theoretische Implikationen thematischer, pragmatischer oder grammatischer Art nicht in den Vordergrund gestellt, hervorgehoben wird mit dem Begriff "Äußerung" das Merkmal der Mündlichkeit. Benannt wird also die Gliederungseinheit, das entsprechende Segment der Gesprächsoberfläche in der mündlichen Sprachausübung, das als elementare linguistische "Einheit" fungiert.
Verschwiegen werden darf aber in diesem Zusammenhang nicht, daß bei der Gesprächsanalyse nicht nur das rein Sprachliche ins Gesichtsfeld rückt, sondern auch das Parasprachliche, das Paraverbale, das immer irgendwie mit Lautproduktion verbunden ist  (Artikulation, Sprechrhythmus, Lautstärke, Intonation, Lachen...), und auch das Nichtsprachliche, Nonverbale (Mimik, Gestik, Körpersprache...).

Neben dem genannten ist als zweites Merkmal die dialogische Ausrichtung genannt. Hiermit wird der oben bereits beschriebene direkte Kontakt und die Mündlichkeit des Geschehens erfaßt. Dann wird aber auch darauf abgehoben, daß mindestens zwei Sprecher am Gespräch beteiligt sein müssen und mindestens ein Sprecherwechsel obligatorisch ist. Das letztgenannte Merkmal ist bei allen Definitionen von Gespräch/Konversation konstitutiv. Es grenzt auch den Sprecherwechsel, engl. turn, von den Hörersignalen ab, die Aufmerksamkeit oder diese oder jene Emotion signalisieren, ohne daß dabei das Rederecht wechselt. 

Mit dem letzten Merkmal, der thematischen Orientierung wird die minimale Kohärenzanforderung formuliert, die zwischen den Äußerungen vorhanden sein muß. Gemeint ist ein gemeinsames außersprachliches Bezugsfeld, das im Gespräch nicht verbalisiert werden muß, sondern auch "nur" im Wissen der Beteiligten vorhanden sein kann.

Als fakultative Komponente kann in die Gesprächsdefinition das Vorhandensein von Einleitungs- und Beendigungsphasen eingehen, die das Gespräch in der Regel - also nicht in jedem Fall - begrenzen und die u.U. ritualisierten Charakter haben können.

Schließlich soll auch noch darauf hingewiesen werden, daß die genannten Autoren - im Unterschied zur Textdefinition ausdrücklich keine kommunikativ-funktionale Bestimmung des Gesprächs vornehmen. Sie führen als Begründung die Komplexität von Gesprächen an, die es höchstens in Bezug auf einzelne Gesprächsbeiträge erlaubt, mehr oder weniger eindeutig kommunikative Funktionen zu bestimmen, jedoch nicht in Bezug auf das Gespräch als Ganzes.

Copyright © 1998 Universität Potsdam, Rolf-Rainer Lamprecht.
Letzte Aktualisierung: 24.04.2015 9:58 PM

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