Textlinguistik/Gesprächsanalyse

Taxonomie des Textverstehens

"Das Verstehen des Textes durch den Textrezipienten ist bei einer verständigungsorientierten Einstellung der Kommunikationspartner das wichtigste Ziel. Erst wenn der Textproduzent annehmen kann, daß der Textrezipient den Text verstanden hat oder verstehen wird, kann er die Verständigung als gelungen betrachten. Allerdings gibt es nicht nur eine einzige Ausprägung des Textverstehens, sondern bedingt durch die Komplexität der dabei ablaufenden Prozesse nahezu unendlich viele Möglichkeiten. Für ein und denselben Text können immer wieder neue Interpretationen gefunden werden, und in der Abhängigkeit vom Kommunikationsziel und dem Anspruchsniveau des Textrezipienten können diese Interpretationen unterschiedlich tief gehen. Eine einfache Unterscheidung der Möglichkeiten des Textverstehens bietet sich an durch die Einteilung der kognitiven Sprachverarbeitung in einen sensomotorischen, einen syntaktischen, einen semantischen und einen pragmatischen Bereich mit einer weiteren Differenzierung des semantischen Bereichs in Konzept-, Referenz- und Sinnverarbeitung (...). Hieraus ergibt sich die folgende Taxomomie des Textverstehens:

  • beim perzeptuellen Verstehen wird der sprachliche Input mehr oder weniger umfassend hinsichtlich seiner sensomotorischen Merkmale und Komponenten erkannt, zum Beispiel, in welcher Sprache der Text formuliert ist, ob eine Frage gestellt wurde und um welche Wörter es isch im einzelnen handelt.
  • Beim syntaktischen Verstehen werden zusätzlich die Wortarten und die morphologische Struktur der Wörter erkannt.
  • Beim Konzeptverstehen wird das mit einem Wort verbundene Konzept aktiviert und gegebenenfalls disambiguiert.
  • Beim Referenzverstehen wird dem Wortkonzept die referentielle Beziehung zur realen uder fiktiven Textwelt zugeordnet.
  • Beim semantischen Sinnverstehen werden die Referenzkonzepte zu einer kohärenten Struktur zusammengefügt und mit weiterem Wissen ergänzt.
  • Beim pragmatischen Sinnverstehen wird zusätzlich zum semantischen Sinnverstehen die Meinung des Textproduzenten berücksichtigt und so schließlich eine Verständigung mit ihm erreicht.

Jeder dieser sechs Teilbereiche des Textverstehens birgt eine riesige Komplexität von Teilprozessen in sich und ist zudem in der Lage, mit jedem anderen mehr oder weniger intensiv zu interagieren.
Die Vertreter der autonomen Richtung meinen, daß zunächst die einzelnen Einheiten als Ganzes gebildet werden, bevor sie mit den anderen Einheiten in Interaktion treten. Die Vertreter der interaktiven Verarbeitung dagegen sind der Ansicht, daß die Einheiten bereits zu einem Zeitpunkt miteinander in Kontakt treten, zu dem sie selbst noch nicht fertig ausgebildet sind."

Rickheit, G., Strohner, H.
Grundlagen kognitiver Sprachverarbeitung. Modelle, Methoden, Ergebnisse. Tübingen, Basel: Francke, 1993, 70f..

Copyright © 2002-2012 Universität Potsdam, Rolf-Rainer Lamprecht.
Letzte Aktualisierung: 17.09.2015 4:11 PM