Textlinguistik/Gesprächsanalyse

Kennzeichnung der Rezeption (Heinemann/Viehweger)

"Textverstehen (Textinterpretation, Textrezeption) ist kein Spiegelbild, keine bloße Inversion der Textproduktion. Textverstehen ist - obwohl dabei im Prinzip jene Kenntnissysteme aktiviert werden, die im Zusammenhang mit der Textproduktion detaillierter beschrieben wurden - auch keine bloße Übertragung sprachlicher Informationen in eine kognitive Repräsentation. Interpretation, Verstehen sind komplexe, konstruktive Tätigkeiten, in denen der Rezipient über die Verarbeitung der Sinnesdaten weit hinausgeht, indem er die in der Regel vage Datenstruktur eines Textes mit Vorwissen bzw. Kenntnissen "auffüllt", die bereits im Gedächtnis gespeichert sind bzw. durch ihre kognitive Bewewrtung, die dem Text vorausgeht, gewonnen oder auch aktualisiert werden.

Textverstehen ist daraufhin eine vorläufige, auf Revidierbarkeit hin angelegte Entscheidung bezüglich der Interpretation, es ist eine "vorläufig stabile Interpretation", in der lokale und globale Interpretationsschritte ineinandergreifen, die Interpretationsresultate durchaus verändern, sogar korrigieren können. Textverstehen ist grundsätzlich als ein text-bzw. datengeleiteter als auch als ein wissensgeleiteter Prozeß zu verstehen, als ein Prozeß, in dem die im Text vermittelten Informationen mit Kenntnissen vereinigt werden, die bereits zum Vorwissen des Interpreten gehören. Die beiden von uns als text- und wissensgeleiteter Verstehensprozeß charakterisierten Interpretationswege werden in der Literatur häufig als top-down- und bottom-up-Strategie des Textverstehens bezeichnet. In allen Modellvorschlägen wird dabei unterstrichen, daß beide Verarbeitungsstrategien nicht sukzessive ablaufen, sondern interagieren und sich wechselseitig ergänzen."

Heinemann, W., Viehweger, D. Textlinguistik. Eine Einführung. Niemeyer: Tübingen 1991, 114.

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Letzte Aktualisierung: 03.04.2012 6:13 PM