Textlinguistik/Gesprächsanalyse

Texttypologie (Juliana Wilth)

Heinemann/ Viehweger. Textlinguistik: Eine Einführung. Tübingen: Max Niemeyer Vlg., 1991.

Zur Erstellung von Textsorten > Texttypen bilden > Textklassifizierung notwendig:
Zuordnung v. Texten zu Klassen anhand best. Charakteristika

  • Bsp: Gesetzestexte (Verfassung, Verordnung, Anordnung, Durchführungsbestimmung, Eingabe, Gerichtsurteil, Anklageschrift, etc);
  • literarische Gattungen & Genres (Roman, Erzählung, Novelle, Sonett, Gedicht...);
  • pädagog. Texte (Lehr-, Übungstexte, Texte zum verstehenden Hören, Übersetzungstexte, etc.)

>> Klassifizierungen werden in unterschdl. Kommunikationsbereichen nach unterschdl. Kriterien vorgenommen; vorrangig aber nach funktionalen Gesichtspunkten (Verwendung, Zweck d. Textes)

textgrammat. Modellvorschläge zur Textsortenklassifizierung: = ausschl. an linguistischen Befunden orientiert > berücksichtigen vorwiegend sprach- u. textinterne Phänomene

funktionale/ handlungsorientierte Texttypologien: Textsorten werden anhand von Handlungssorten, -mustern identifiziert;
globales Textmuster/Textstrukturmuster = bestimmte formale Grundgestalt des Textes, die mit bestimmten interaktionalen Konstellationen korreliert

notwendig für Konstitution der einzelnen Textklassen = In-Beziehung-Setzen von bestimmten Typen der (in sich homogenen) Text-Typologisierungsebenen und deren Integration zu einem spezifischen Textklassen-Muster, weil:
die Kategorie Textsorte vermittelt nicht nur zwischen Ausdrucks- und Inhaltsseite von Texten, sondern stellt auch Beziehung zum Sprachgebrauch in der sozialen Interaktion her

Textsorte/-klasse = Realisierung eines Kommunikationstyps (Handlungs-, Sit.typologie)

1970er: Orientierung an Komponentialitätsthese: sprachl. Entitäten werden prinzipiell aus elementaren, diskreten Bausteinen konstituiert
>> eine Textsorte = Kombinatorik bzw. Komposition von Merkmalen
= Kombinationsprodukt elementarer Bausteine, die die jeweils spezifischen Aspekte einer Textsorte reflektieren

>> Sandig (1972): Textsortendifferenzierung durch 20 distinktive Merkmale, u.a. allg. Kommunikationsbedingungen, grammat. Eigenschaften v. Texten, Handlungsbedingungen, Präsignale (charakterist. Äußerungsformulierungen, die auf Textklassenzugehörigkeit schließen lassen) etc.

Schwierigkeiten & Unzulänglichkeiten wie bei semant. Komponentenanalyse:
? wie sind einzelne Merkmale zu gewinnen
? welchen Status besitzen sie
? welche linguist. Eigenschaften bilden sie ab
- nicht ausreichend: Operationalisierbarkeit als dominierendes Kriterium für Differenzierung und Kombination einzelner Merkmale; Hierarchieprinzip

Textsortenklassifizierung, die Texte in Termen von Merkmalen u. Merkmalskombinationen beschreiben will, bezieht sich auf innere (sprachl.) Faktoren & äußere (situative, kontextuelle, handlungsbezogene) Faktoren (binäre Opposition)
>> externe Faktoren determinieren sprachliche Faktoren

Zusf.: textgrammat. Modellierungen & kommunikative Typologien versuchen Textsortenbestimmung anhand distinktiver Merkmale > gehen grundsätzlich von nicht homogener Klassifizierungsbasis aus

angestrebt: homogene Typologisierungsbasis
> Eigenwald findet 1974 fünf Texttypen, die globalen Tätigkeitsbereichen entsprechen:

Texttyp Textexemplar
1. Zeitungstext Nachrichtentext, Bericht, Leitartikel, Kommentar
2. Ökonomischer Text Wirtschaftsteil einer Zeitung
3. Politischer Text politische Rede, Resolution, Flugblatt, Pamphlet, Wandspruch
4. Juristischer Text Anwaltsbrief, Gesetzestext, Gerichtsurteil, Vertragstext
5. Wissenschaftlicher Text naturwiss. Text, gesellschaftswiss. Text

>> homogene Typologien, aber willkürliche Zuordnung der Textexemplare zu Klassen

Grosse (1976): geht von Textfunktion aus – kommunikativer Funktion eines Textes (dt,frz):

Textklasse Textfunktion Beispiele
1. normative Texte normative Fkt. Gesetze, Verträge, Geburtsurkd...
2. Kontakttexte Kontaktfunktion Glückwunsch-, Kondolenzschrb.
3. gruppenindizierd. T. gruppenindizierd. Fkt. Gruppenlieder
4. poetische T. poetische Fkt. Gedicht, Roman, Komödie
5. dominant selbstdarstelld. Selbstdarstellung Tagebuch, Autobiographie..
6. dominant auffordd. T. Aufforderung Werbung, journ. Kommt., Gesuch
7. Übergangsklasse 2 Fkt. dominieren gleich z.B. T. mit Fkt. Aufford. & Inform.
8. dom. sachinformierd. T. Information(stransfer) Nachricht, Wettervorhsage, wiss. T

>> Textfunktionen = senderintentional bestimmte Instruktionen an den Empfänger d. Textes
= die im Text encodierte, sich im Text als Kommunikationsinstrument ausprägende Intention
dominante Funktionen = funktionale, strukturelle, statistische Kriterien

Diskussion: Werlich, 1975: ein Text kann auch gleichrangig mehreren Texttypen zugeordnet werden (Werlich, 1975) <> Monotypie-Postulat (Isenberg, 1978) – besagt, dass Mehrfachzuordnungen stets Hierarchien spezifizieren u. jew. einen ranghöchsten Texttyp für den Gesamttext bereitstellen

texttypologisches Dilemma (Isenberg, 1983) – unterschdl. Typologisierungskriterien: außerlinguistische Faktoren wie Tätigkeitsbereiche, Situtationen, u.a.; Ziele, Funktionen, Intentionen; Kombination dieser Kriterien

mittlerweile: weitgehender Konsens erreicht bei Verwendung der Begriffe „Textsorte“, „Textklasse“, „Texttyp“:
Textsorte u. Textklasse werden vorrangig auf empirisch erstellte Klassifizierungen von Texten u. Gesprächen bezogen, wie sie von einer best. menschlichen Gemeinschaft vorgenommen wurden >> beziehen sich somit auf Alltagsklassifikationen, die innerhalb einer menschl. Gemeinschaft erreicht u. mit Lexikonzeichen belegt wurden, die das Wissen über eine bestimmte Textsorte „kondensieren“

Textsorten/-klassen = Potential, best. Reservoir an Kenntnissen dar, auf die die Mitglieder einer menschlichen Gemeinschaft in ihrer sprachl. Tätigkeit zurückgreifen; Kommunikationsbedürfnisse, die in einer menschl. Gemeinschaft bestehen, determinieren Struktur u. Umfang dieses Potentials zur Lösung von Kommunikationsaufgaben

<>Texttyp = theoriebezogene Kategorie zur wissenschaftl. Klassifikation von Texten
Harweg, 1977: 7 Texttypen: monologischer Text; erzählerischer Text; Ereignistext; Erlebnistext; hintergrunddeiktischer Text; fiktionaler Text; Fabeltext

Textsorten in einer Typologie = idealtypische/ prototypische Phänomene;
= Verallgemeinerungen, die auf Durchschnittsverfahren basieren;
= „globale sprachliche Muster zur Bewältigung von spezifischen kommunikativen Aufgaben in bestimmten Situationen“

Phänomen der unterschiedlichen Benennung derselben Textexemplare durch unterschiedl. Sprecher = begründet dadurch, dass es für bestimmte Textsorten keine prototypische Strukturierung gibt

Textsorten = auch durch unterschdl. Formulierungsmerkmale gekennzeichnet, d.h. textsortenspezifische Wörter, Wendungen, Konstruktionen und typische, durch die jeweilige Textsorte (sofern eindeutig identifizierbar) bedingte Stilzug-Aktualisierungen

http://www.kontrastivlinguistik.de/Linguistik/Teilgebiete/Textlinguistik/hauptteil_textlinguistik.html

Linke/Nussbaumer/Portmann (Hrsg.): “Studienbuch Linguistik”. 3. unveränderte Auflage. Max Niemeyer Verlag : Tübingen 1996.
Textsorten

Textsorten: dienen der Kategorisierung von Texten; = Gruppe von Texten, die sich durch bestimmte Bündel von Merkmalen auszeichnen,
= "... komplexe Muster sprachlicher Kommunikation (...), die innerhalb der Sprachgemeinschaft im Laufe der historisch – gesellschaftlichen Entwicklung aufgrund kommunikativer Bedürfnisse entstanden sind." (Brinker, 1985)
im Rahmen textlinguistischer Forschung ist es bisher nicht gelungen, einheitliche, gültige Textsortenklassifikation zu erstellen; kein textlinguistischer Konsens über Verfahren, nach denen die Zuordnung eines Textes zu einer Textsorte erfolgen müsste
Klassifikationskriterien für Textsorten
textinterne Kriterien
1. lautlich – paraverbale (bzw. graphische) Ebene
2. Wortwahl
3. Art und Häufigkeit von Satzbaumustern
4. Themenbindung und der Themenverlauf
5. das Thema selbst
Textstrukturmuster : = textsorten–spezifische Gliederungs- oder Baustruktur („Makrostruktur“), in der die wesentlichen Bauteile und deren Anordnungsmuster repräsentiert und die auf der Tiefenstruktur anzusiedeln ist
textexterne Kriterien
1. Textfunktion
2. Kommunikationsmedium, das den Text trägt
3. Kommunikationssituation, in die der Text eingebettet ist : Man kann hier von einem weiten Verständnis von "Situation" ausgehen, indem man sich auf das gesamte gesellschaftliche und soziale Umfeld bezieht, in das ein Text eingebettet ist, oder aber einen engeren Situationsbegriff ansetzen, der vor allem durch Faktoren wie Zeit, Ort und aktuelle Umstände bestimmt ist.
weitere Faktoren
· der Öffenlichkeitscharakter einer Situation
· der soziale Status der Kommunikationspartner
· das Vorwissen der Kommunikationspartner
· der Bekanntheitsgrad der Kommunikationspartner usw. Brinker (1985)
Kommunikationssituation = Textkonstellation (um Bed. der Faktoren für die Textkonstitution und damit für die Unterschdg. verschd. Textsorten zu verdeutlichen)
grammat. orientierte Textlinguistik: von Satzlinguistik herkommend, an Textkohäsion orientierter Forschungsansatz; hat sich i. R. v. Textsortenuntersuchungen fast ausschl. mit formalen Aspekten beschäftigt.
<> pragmatisch orientierte Textlinguistik: versuchte, über das Kriterium der Textfunktion und über eine Analyse der situativen Einbettung von Texten zu einer Texttypologie zu gelangen.
Textsorten vs. Textklassen
Textsorten: neben Bezeichnungen, die ein einziges textsortenunterscheidendes Merkmal hervorheben (Brief, Ansprache), gibt es auch zusammenges. Benennungen, die mehrere Merkmale umfassen (Beschwerdebrief, Eröffnungsansprache).
Laut Studienbuch:1,600 Textsorten - 500 grundlegende und 1,100 abgeleitete
bezüglich der Hierarchiebildung in der Textsortenzuordnung > bei Textsortenanalysen erfolgt z.T. Abgrenzung zwischen Textklassen (Großgruppen) und Textsorten (Untergruppen) Bezeichnung Texttyp kommt auch vor, so dass theoretisch eine terminologische Dreier-Ordnung möglich ist.
Textsorten und Textmusterwissen
egal auf welcher Textebene von Sorten, Typen oder Klassen bewegt - es handelt sich immer um ein Wissen über bestimmte konventionalisierte, wiedererkennbare und auch erwartbare Muster des Sprachgebrauchs
(intuitives) textsortenspezifische Textmusterwissen ermöglicht routinierten Alltagsumgang mit best. Textsorten
Textmusterwissen trägt auch zu kohärentem Textverständnis bei: einzelne Textelemente müssen nicht in jedem Einzelfall aus sich heraus interpretiert und mit den umgebenden Textelementen in einen Zusammenhang gebracht werden, sondern können vor dem Hintergrund gegebener Muster als Repräsentanten erwartbarer Einheiten ausgedeutet und somit auch schnell kohärent verstanden werden.
Textsorten und Textdefinition
Wenn Text einer bestimmten TS zugeordnet werden konnte, kann das auch bei im Bezug auf Kohäsion und Kohärenz problematischen Texten zu gewissem Textverständnis verhelfen
mögliche Lösung für die Frage nach den Grenzen eines Textes (Anfang, Ende, Umfang) darin, dass kommunikative Funktion als ausschlaggebendes Kriterium einer Textdefinition akzeptiert wird; > man hat es genau dann mit einem Text zu tun, wenn man einem sprachlichen Gebilde eine (bestimmte) kommunikative Funktion zusprechen kann
Frage bleibt, ob es tatsächlich sinnvoll ist, jede kommunikativ funktionale Äußerung, jegliches Sprachhandeln bereits als Text zu betrachten, oder ob man an einen Text nicht zusätzlich die Anforderung stellen sollte, Vertextung aufzuweisen, also eine gewisse Menge von Sätzen zu umfassen, die kohärent sind
http://beaugrande.bizland.com/zuneuenufern.htm

In: Gerd Antos and Heike Tietz (eds.), Die Zukunft der Textlinguistik. Tübingen: Niemeyer, 1997, 1-12.
Textlinguistik: Zu Neuen Ufern?, Robert de Beaugrande, Universität Wien


Operationale Präzisierung der verschied. Behandlungen der Bedeutungen:
- Phoneme haben die Funktion im System, durch Laute Bedeutungen zu differenzieren
- Morpheme haben die Funktion, durch Wortteile Bedeutungen zu grammatikalisieren
- Lexeme haben die Funktion, durch Wörter Bedeutungen zu lexikalisieren
- Syntagmeme haben die Funktion, durch Phrasen und Sätze Bedeutungen zu linearisieren
- Texte haben die Funktion, durch KoTexte Bedeutungen zu integrieren
- Textsorten schließlich haben die Funktion, durch Textmuster Bedeutungen zu schematisieren.
>> nicht mehr primär formale Einheiten, sondern funktionale Verarbeitungsmodalitäten, die über eine evolutionäre Skala zwischen ‘sparsameren’ und ‘reicheren’ Bedeutungen verlaufen.

Brinker, Klaus. Textlinguistik. Heidelberg: Julius Groos Verlag, 1993.

nach Isenberg (1983): Schaffung einer einheitl. Typologisierungsbasis = Vorauss. für Aufbau einer adäquaten Texttypologie; Typolgbasis muss auch akzeptabel sein, d.h. zu Unterscheidungen führen, die die intuitiven alltagssprachl. Textsortenkonzepte der Komm.teilhaber bestätigen, zumindest nicht widersprechen

Textsorten, allg. = komplexte Muster sprachl. Kommunikation mit konventioneller Geltung
haben fundamentale Bed. für kommunikative Praxis, da Textproduktion u. Textrezeption i.R.v. Textsorten erfolgt
Zuordnung von TS zu best. Textbereichen möglich;
TS = voneinander abgrenzbar aufgrund kommunikativ-funktionaler Kriterien

Textmuster nicht = TS: makrostrukturelle Vertextungsmuster primär thematischer Art
>deskriptives TM, narratives TM, explikatives TM, argumentatives TM = wichtigste > gehören zum Alltagswissen der Sprachteilhaber, geben Kommunizierenden feste Orientierungen für themat. Gestaltung i. Sprachhandelns
TM werden in verschd. TS verwendet:
deskriptive TM = informative TS wie Nachricht, Bericht
expl. TM = informative TS wie Lehrbuch, wiss. Text
argumentatives TM = appellative TS wie Kommentar, Werbe- bzw. Propagandatext...



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Letzte Aktualisierung 19.06.2011 3:50 PM